Fritz Lang - ein Monstrum

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    • Josquin Dufay schrieb:

      Seine US-Filme sind Ausdruck einer anderen Art des Filmemachens, und die Bundesrepublik hätte die Finanzierung nicht mehr zur Verfügung stellen können, die er gebraucht hätte.
      Natürlich waren die Produktionsbedingungen in den USA weit von denen entfernt, die er in Berlin hatte, jedenfalls bis Metropolis. Trotzdem hat er dort, bei oftmals relativ kleinem Budget, künstlerisch interessantere Ansätze gehabt. Nicht durchgehend, aber er konnte sich noch phasenweise auf andere Bedingungen einstellen. Interessant ist dabei allerdings ein Film wie 'You and Me', bei dem er finanziell wie künstlerisch große Freiheiten besaß, dass er dann wiederum etwas abliefert, was über große Strecken doch sehr stark an die Filme aus Berlin erinnert.

      Josquin Dufay schrieb:

      In der BRD war Unverbindliches angesagt: seichte Unterhaltung, spannende Unterhaltung - nichts, was wehtut.
      Nicht nur. Es gab durchaus auch nach den Trümmerfilmen Werke mit künstlerischem Anspruch, auch solche, die sich weiterhin mit der Vergangenheit auseinandersetzten. Wir Wunderkinder, Nachts, wenn der Teufel kam, Rosen für den Staatsanwalt etc. Das mag alles nicht sehr radikal gewesen sein, aber es gab es. Brauner selber ja war jemand, der später durchaus den Spagat zwischen Anspruch und Kommerz anstrebte. Aber er war auch immer bestrebt, Rialto etwas entgegensetzen zu können. Und 'Mabuse' sollte halt schon auch eine Antwort auf die aufkommende Wallace-Welle sein.

      Josquin Dufay schrieb:

      Er hätte niemals aus diesen Sujets noch was Großes machen können - unabhängig von seiner künstlerischen Verfassung.
      Das sehe ich auch so. Er hätte man lieber einen relativ kleinen Film mit einem entsprechenden Produktionsrahmen anstreben sollen, bei dem der Kassenerfolg von vornherein nicht so entscheidend gewesen ist. Aber wäre so etwas noch Lang gewesen? Hätte er sich 'bremsen' können, in einem Moment, in dem er scheinbar vertrautes Terrain wieder betrat?

      :wink: Wolfram
    • Zwei weitere Fritz-Lang-Filme sind bei mir eingetroffen und zunächst gab es diesen hier:

      (1936)

      Langs erste Arbeit in den USA, seltsamerweise von MGM produziert und vertrieben, da solche Art von Filmen eigentlich nicht in das 'Portfolio' des Studios passten. Entsprechend mochte die obere Etage den Film wohl nie, aber Lang hatte das Glück mit Joseph L. Mankiewicz einen wirklich guten Produzenten zu besitzen.

      Das Ende und das ist überdeutlich, wurde ihm vom Studio aufgezwungen. Happy End bei MGM - ein absolutes Muss. ^^ Aber bis dahin untersucht der Film sehr eindringlich und deutlich wie biedere Kleinstadtbürger zu einem 'Mob' werden und dadurch zur Lynchjustiz bereit sind, wie hemmungslos und wodurch plötzlich alle Schranken fallen und was dann die Folgen sein können.

      Ein erstaunlicher, ein überaus eindringlicher 'Erstling' eines Regisseurs, der sich nun plötzlich in einer ganz anderen Filmtradition wiederfand. Wobei Lang nicht völlig unvorbereitet diesen Film begann. Über ein Jahr lang war er quasi arbeitslos gewesen, hatte aber die Zeit genutzt, die Sprache und die Gepflogenheiten der Amerikaner kennenzulernen. Vielleicht ist das eine von mehreren Erklärungen dafür, warum ihm der Mix aus amerikanischen und deutschem Kino so gut gelang.

      Auf meiner DVD gibt es einen Audiokommentar von Peter Bogdanovich, teilweise ergänzt durch Interviews, die er mit Lang selber geführt hat. Bogdanovich weist immer sehr ausdrücklich daraufhin, dass es sich nun um eine typische Lang-Einstellung handeln würde, dass diese eher dem deutschen Kino zuzurechnen wäre, jene aber ein 'Low Angle Shot', ein 'Dutch Shot', untypisch für die USA, sei usw. Lang brachte also ganz viel von seiner erlernten Filmsprache mit (natürlich kein Wunder), aber konnte diese wunderbar und auf wirklich erregende Weise mit dem klassischen amerikanischen Erzählkino kombinieren. Und so entstand ein ungemein flüssig erzählter Film mit grandiosen Höhepunkten, die aber wiederum nicht als Fremdkörper wirken. Der Film wirkt wie aus einem Guss und ist trotzdem sehr ungewöhnlich für das amerikanische Kino der damaligen Zeit.

      Vom Ansatz her bewegt sich Lang im Bereich von 'M', weil er erneut ein gesellschaftliches Phänomen filmisch untersucht und darstellt. Von daher hat 'Fury' mit seinen Abenteuer- und Mythenfilmen nichts zu tun. Hier geht es um Realitäten und um nichts anderes. Und er scheute sich auch nicht, der amerikanischen Gesellschaft sofort einen Spiegel vorzuhalten. Mit dem entsprechenden Ergebnis natürlich. 'Fury' war an der Kinokasse kein Erfolg, nur eben bei den Kritikern, die Film noch als Kunst verstanden.

      Anders als Wikipedia würde ich übrigens sagen, dass 'Fury' alles andere ist als ein 'Film Noir', auch als ein Vorläufer hat er nichts mit diesem Genre zu tun. Aber das ist ja auch egal. Er ist ein Meisterwerk, weil er seine Botschaft auf eine beklemmend dichte filmische Art und Weise erzählt, weil er Filmsprachen gekonnt mischt und weil er immer die richtige Einstellung findet. Und auch, weil er eine unglaubliche Spannung aufrechterhält und nie melodramatisch wird. Bis auf das Ende halt. ;)

      Dass er zudem höchst aktuell ist, ist ein weiteres Thema.

      :wink: Wolfram
    • Freut mich, dass Du den jetzt auch gesehen (und gemocht) hast.
      :thumbup:
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
      playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
    • Während es bei den meisten Berliner Filmen relativ einfach ist, eine DVD-Ausgabe zu bekommen, sieht es bei vielen US-Produktionen von Fritz Lang ganz anders aus. Auf dem deutschen Markt sind sie gar nicht oder im Moment nur noch ziemlich überteuert zu haben.

      (1945)

      'Straße der Versuchung' (Scarlet Street) ist ein Beispiel dafür. Meine Ausgabe, eine andere als die hier Abgebildete, ist digital in keiner Weise überarbeitet, noch hat sie eine deutsche Tonspur oder überhaupt Untertitel. Von daher war eine Beurteilung relativ eingeschränkt oder auch schwierig. Trotzdem würde ich sagen, dass 'Scalet Street' einer seiner besseren US-Filme ist, vielleicht einer seiner besten.

      Bis dahin war die Karriere von Fritz Lang in den USA ja sehr unterschiedlich verlaufen. Der Einstand mit 'Fury' und 'You Only Live Once' war furios, 'You and Me' ist für mich ein absoluter Flop, die beiden Western mehr oder weniger nette Gelegenheitsarbeiten, 'Hangmen Also Die!' eine verunglückte Mischung von Brecht'schem Lehrtheater und amerikanischem Kino und 'Ministry of Fear' eine ähnlich quälende Angelegenheit. 'Man Hunt' kenne ich noch nicht.

      Aber dann kam 'The Woman in the Window' mit Joan Benett, Edward G. Robinson und Dan Duryea und das ist, nach meiner Erinnerung. ein verdammt guter Film, weil Lang sich auf ein kammerspielartiges Thema beschränkte, mit dem er trotzdem ganz viel von seiner Sicht auf bürgerliche Lebenswelten deutlich machen konnte. Nach dem Erfolg damit drehte er mit dem selben Schauspielertrio einen weiteren Film, eben 'Scarlet Street'.

      Hätte Lang nur 'Scarlet Street' hinterlassen, ihm wäre, davon bin ich überzeugt, nur eine lobenswerte Empfehlung in den Annalen Hollywoods geblieben, wäre er in der Masse von a-typischen Hollywoodproduktionen untergegangen. Was dieser Film nicht verdient hätte! Lang greift hier eine Menge von Themen auf, vertieft sie oder streift sie auch nur, die im normalen Hollywoodkino der damaligen Zeit nicht unbedingt 'en vogue' waren. Und er setzt sie visuell in einer Weise um, die vielleicht nicht die atemraubende Großartigkeit seiner Berliner Zeit besitzt, die aber dem Gegenstand absolut angemessen ist. Gewagte 'shots', wie noch in 'Fury' fehlen, wird Lang hier doch immer mehr zu einem geradezu amerikanischen Regisseur, gelingt ihm die Mischung von Hollywood und Europa immer mehr und besser. Und trotzdem kommt er mit seiner speziellen Filmsprache immer wieder durch, gerade auch zum Ende hin. 'Scarlet Street' vermittelt den Eindruck, dass diesen sehr amerikanischen Film nur ein Europäer drehen konnte. Und das ist vielleicht das Faszinierende an diesem Film, unabhängig von der Geschichte und all dem, was darin mitschwingt.

      :wink: Wolfram


    • 'You Only Live Once' - USA 1937, Sylvia Sidney, Henry Fonda, Barton MacLaine

      Never change a winning...subject.

      Nein, es wäre unfair, Fritz Lang zu unterstellen, er hätte nach dem Erfolg von 'Fury' bewusst noch einmal auf ein ähnliches Thema gesetzt. Zweifellos war es ihm eine Herzensangelegenheit und es taucht ja auch sein ganzes Oeuvre hindurch immer wieder auf. Der gebeutelte, gequälte Einzelne, der unschuldig schuldig Werdende, der Mensch als Täter und Opfer. Und auf der anderen Seite die Moral, die Masse als Mob, der Staat. Trotzdem fällt natürlich sofort die Verwandtschaft mit dem ein Jahr vorher erschienenen 'Fury' auf.

      Ein entlassener Ex-Sträfling (Fonda), frisch verheiratet, voll guten Willens, verliert seinen Job, findet keinen neuen, sieht sich der Zwangslage ausgesetzt, die nächste Zahlung für das neue Haus bezahlen zu müssen, ohne es zu können, gerät in Kontakt zu Kriminellen - und tötet bei einem Banküberfall mehrere Menschen. Das jedenfalls suggeriert zunächst einmal der Film. Er wird nun bei seiner Frau (Sidney) verhaftet, die ihn gerade überredet hat, sich zu stellen. Eine Verurteilung zum Tode erfolgt zwangsläufig. Kurz vor der Hinrichtung gelingt ihm die Flucht. Ein befreundeter Pater überbringt ihm dabei allerdings die Nachricht seiner Begnadigung wegen erwiesener Unschuld. Dies versteht er als Finte, erschießt in Panik den Pater und flieht nun zusammen mit seiner Frau durch die USA. Kurz vor der Grenze werden beide von der Polizei erschossen.

      Der Film wimmelt von Seitenhieben auf Staat und Gesellschaft, auf Polizei und Medien. Ebenso wie 'Fury' ist er ein die USA ungewohnt kritisch beleuchtender Film. Jedenfalls für die Entstehungszeit. Zudem zwingt er den Zuschauer Stellung zum Täter Eddie Taylor und später auch zu dessen Frau zu nehmen. Taylor ist lange aus unserer Sicht schuldig. Und wenn endlich seine Unschuld feststeht und wir eigentlich beruhigt sein könnten, tötet er wirklich einen Menschen und wir müssen uns ihm gegenüber erneut moralisch positionieren. Das ist dramaturgisch schon sehr gut gemacht.

      Allerdings fällt es dem Zuschauer wohl auch nicht sonderlich schwer. Fonda war noch weit von seiner Rolle in 'Spiel mir das Lied vom Tod' entfernt, ist v.a. Sympathieträger. Zudem werden wir unablässig an seine schwierige Kindheit und die Probleme nach der Entlassung erinnert. Dann hat er Sylvia Sidney mit ihrem 'Hundeblick' zur Seite, der man auch nichts Böses unterstellen kann und will. Und dann wollen beide doch auch nur ihren kleinen, bescheidenen amerikanischen Traum träumen. Lang macht es uns schon sehr leicht, alle moralischen Bedenken hinwegzufegen und uns ganz auf die Seite von Fonda zu schlagen.

      Was mich aber vielleicht am meisten bei diesem Film enttäuscht hat, war, dass er filmisch so wenig Neues bietet. Einmal gibt es den Traum vom beschaulichen Glück, ganz romantisch inszeniert und ausgeleuchtet. Warme Nächte, der Mondschein spiegelt sich auf und in allen möglichen Dingen, das Paar wandelt ganz hollywoodlike durch die Szenerie. Das könnte nun ironisch sein, ist es aber nicht. Lang meint es ernst. Andererseits die Szenen im Gefängnis, in der Todeszelle, die der beiden auf der Flucht usw. Das ist bester Fritz Lang. Er beherrschte einfach sein Metier. Licht und Schatten, Kamerawinkel, Raumgestaltung und Positionierung der Schauspieler darin - das ist halt eine Freude, diese Einstellung sich anzusehen.

      Und trotzdem kennt man sie! Man kennt sie aus 'Fury', aus 'M', auch aus 'Mabuse' und aus späteren Filmen erst recht. Jeder große Regisseur hat seine 'Ticks' an denen man ihn erkennt. Keine Frage. Nur habe ich bei Lang immer wieder das Gefühl, dass er in den USA zu sehr von seiner Berliner Erfahrung profitiert hat, ohne dass er einen neuen persönlichen Stil hat entwickeln können. Jedenfalls nicht in diesen ersten Filmen, die er im Exil gedreht hat. Aber vielleicht wäre das bei 'Gehetzt' auch noch ok, wenn er nicht direkt nach 'Fury' entstanden wäre. Der Eindruck, dass man das doch gerade erst gesehen hat, drängt sich unablässig auf.

      Für sich genommen, keine Frage, ist 'You Only Live Once' ein großer und auch bedeutender Film. Innerhalb des gesamten Oeuvres ist er für mich eher der kleine Bruder von 'Fury'.

      :wink: Wolfram