Rahmenbedingungen von Auführungen: Mit oder ohne Publikum? Die Folgen und zukünftige Entwicklungen

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    • ChKöhn schrieb:

      Statt dessen stürzen sich alle wie die Herdentiere auf die schönen neuen Möglichkeiten, ohne zu fragen ob sie auch wirklich Neues bieten und zu welchem Preis.
      Warum sollten Sie denn Deiner Meinung nach unbedingt "Neues" bieten ? Und was sollte das denn Deiner Meinung nach sein ?
      Und wenn Sie das nicht können, soll man sie also lieber ganz weglassen ?
      Und was machen dann die Musiker in all den Monaten ohne Auftritte ?
      Und das Publikum soll sich in der Zeit auf das Hören und Sehen vorhandener Aufnahmen beschränken ?

      Für mich als musikalischen Laien ist übrigens jede "Live"-Aufnahme - auch die, die aktuell ohne Publikum gegeben werden - insofern neu, als sie einfach eine Momentaufnahme des musikalischen Ausdrucks der Ausführenden ist und sich damit zwangsweise von allen anderen bisher verfügbaren Aufnahmen unterscheidet.
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • ChKöhn schrieb:

      Nein, es ging um gestreamte "Konzerte" ohne Publikum.
      da hatte ich Amforts09 anders verstanden. wg. "vor voller Hütte" etc, und ich hatte an sowas wie die Digital Konzert Hall" gedacht, und dass er sich das hinter anhört... kann mich auch täuschen...

      ChKöhn schrieb:

      Welchen Vorteil haben demgegenüber "Konzerte" ohne Publikum, die live gestreamt werden? Zum Kennenlernen der Musik braucht sie im Bereich der Klassik in der Regel kein Mensch, denn von quasi allen gespielten Werken sind Aufzeichnungen leicht verfügbar. Es gibt bei ihnen keine Kommunikation, kein Gemeinschaftserlebnis, sie haben aber auch nicht die Perfektion von Studioproduktionen.

      das ist tatsächlich eine gute Frage. Aus Publikumssicht würde ich sagen: es fühlt sich schon ein bißchen mehr "live" an, immerhin wird es ja in dem Moment gespielt, wo es erklingt, und es gibt keine Möglichkeit, im Nachhinein etwas dran zu drehen. und ich könnte mir vorstellen, daß für die Spieler auch ein bißchen mehr Spannung fühlbar ist, als wenn sie es einfach nur für sich spielen. Vielleicht auch als Möglichkeit, den Umgang mit der "Live-Spannung" zu üben? alles das natürlich immer gemessen an den gegenwärtig möglichen Alternativen, also halt "besser als nix". Der Ehrlichkeit halber muss ich aber zugeben, dass es mich selber überhaupt nicht reizt, mir sowas "live im Stream" anzuhören. Aber über Möglichkeiten, selbst quasi "live" etwas zu spielen und auf Video aufzunehmen, denke ich schon nach - die "Studio-Dynamik" ist eben doch eine so sehr andere und füttert meinen Perfektionismus mit Möglichkeiten, die den Prozess sehr aufwendig machen und zu ganz anderen Ergebnissen führen: Kunstform "CD" vs. Kunstform "live-Simulation" halt. Eigentlich sehe ich da wie MB garkein echtes Problem:

      Mauerblümchen schrieb:

      Einige Künstler werden etwas aus der neuen Form machen, andere werden ihre Probleme haben, wieder andere werden das völlig verteufeln und der Sache für unwürdig erklären. Gab es aber schon bei (2), (3) und (4), ist also nicht grundsätzlich neu.
      und wenn sich rausstellt, dass es diese Form "gefaktes Live" irgendwie doch nicht so bringt, lässt man es halt wieder.

      Solange man die verschiedenen Dinge nicht verwechselt, ist doch alles okay.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • ChKöhn schrieb:

      Welchen Vorteil haben demgegenüber "Konzerte" ohne Publikum, die live gestreamt werden?

      Den Vorteil, dass man eine musikalische Darbietung hören kann, die man ansonsten nicht hätte hören können.

      Die Musiker/innen hätten die gleichen Stücke vielleicht auch im leeren Saal für sich spielen können, nur hätten wir sie dann nicht gehört.

      Wenn ich in der aktuellen Situation einen aktuellen Beitrag eines zeitgenössischen Musikers z. B. zum "Beethoven-Jahr" hören möchte, dann geht das aufgrund der Pandemie nur über eine Studioproduktion, einen Live-Mitschnitt (ohne Publikum) oder über Streaming. Für die Studioproduktion muss der Musiker erstmal die nötige Finanzierung zusammenbekommen, was nicht trivial ist. Bleiben also der im leeren Saal gemachte Live-Mitschnitt vs. Streaming.

      Beim Streaming habe ich als Zuhörer zumindest ansatzweise (!) ein Gefühl einer Kommunikation zwischen dem Künstler und mir. Ganz klar: ein echtes Konzert kann das keinesfalls ersetzen! Aber Igor Levits Darbietung der Appassionata oder von Schuberts B-Dur-Sonate im Livestream hatten für mich eine Unmittelbarkeit und eine geradezu rohe Echtheit, die ich aus einem Mitschnitt sicherlich nicht erfahren hätte. Beide Stücke haben mich wirklich erschüttert (obwohl ich die Notentexte relativ gut kenne und sie schon x-mal gehört habe). Am Ende des langsamen Satzes der B-Dur-Sonate hat man bei Levit selbst eine solche Erschütterung gemerkt - er saß kurz regungslos am Klavier und musste sich sammeln, bevor er weiterspielen konnte. Ersetzt das ein entsprechendes Erlebnis vor Ort in einem Konzertsaal? Nein, keinesfalls! Aber es ist trotzdem ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte und das sich auch in mein musikalisches Gedächtnis eingegraben hat.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • ChKöhn schrieb:

      Ja, die Konsumierbarkeit wird erleichtert
      Schwierig Streaming-Chose so zu generalisieren. Denn fetzige Events wie etwa Stockhausens <Gruppen>, Boulez‘ <Rituel>, Nonos <Sofferte onde serene > oder Rebecca Saunders <Stasis> lassen sich via Streaming mega-schwierig bzw. bloß sehr eingeschränkt konsumieren, weil Raumklang dabei als ein Essential den Lauscherchen rüberkommt. Vor allem wenn bloß Handy/Tablet mit oder ohne miese Ohrstöpsel dabei als Medium funzt.......

      philmus schrieb:

      das kann natütrlich dazu verführen, sie zu hören wie eine Studioaufnahme und den Unterschied nicht mehr auf dem Schirm zu haben..
      Sei sogar verstärkt. Wenn meine Löffel fetzige Studio-Aufnahme konsumieren, dann dabei auf Ignor-Modus geschaltet, also „Studio“ soweit es möglich ist, dabei ausblenden. Gelingt m.E. sowieso i.d.R, wenn Aufnahme okay ist. Auch beim Konsum fetziger Live-Mitschnitte tritt das <live> zunehmend in Backround, weil Löffel nach und nach schier totalst auf Mucke + Wiedergabe sich richten ......

      ChKöhn schrieb:

      Zum Kennenlernen der Musik braucht sie im Bereich der Klassik in der Regel kein Mensch, denn von quasi allen gespielten Werken sind Aufzeichnungen leicht verfügbar.
      Aber nicht Schostis 24 Preludes & Fugues mit Igor Levit. :( Erst ab 27.03.20 (als Event ohne Publikum) war sie meinen Löffeln verfügbar. Dank Streaming endlich reinziehbar. Hab 0-Bock so eine Gelegenheit mir quasi nehmen/entgehen zu lassen..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • lothar schrieb:

      Ich glaub auch, dass sich die Hörgewohnheiten geändert haben, 'das Live-Konzert', welches wir noch über alles schätzen, ist für viele der jüngeren eher nervtötend.

      lothar schrieb:

      ChKöhn schrieb:

      Dafür hätte ich jenseits Deines "Glaubens" schon gern einen Beleg.
      Hab ich nicht, kann ich nicht belegen, ich bin nur ein Einzelner und kein Soziologe, der eine möglicherweise statistisch belastbare Aussage machen könnte. Bleibt also bei meinem Glauben. :)
      Glücklicherweise deckt sich das nicht mit meinen Erfahrungen. Ich bin sicherlich der Jüngste regelmäßige Forumsschreiber, und ich fang mit Streams nichts an, sondern finde Live-Aufführungen viel besser, und ich könnte Dir einige meiner Freunde/Bekannten zwischen 20 und 30 Jahren nennen, die das auch so sehen. Und wenn wir uns von der Klassik wegbewegen: Glaubst Du wirklich, dass in der Popularmusik das Gemeinschaftserlebnis, das ein Live-Konzert mit einem großen Publikum bieten kann, durch Aufnahmen auch nur irgendwie ersetzt werden kann? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dafür spricht auch nichts.
      Aus meiner Sicht ist aber richtig, dass es eine Tendenz dazu gibt, die Leute zu ermuntern, lieber Opern von der Couch aus zu hören als live (auf billigen (Steh-)Plätzen). Das halte ich für eine sehr bedenkliche Entwicklung, und da sollte ein Umdenken stattfinden. Streams sind bestenfalls Hilfsmittel, kein Ersatz. So sollte das auch von Seiten der Künstler kommuniziert werden.

      maticus schrieb:

      Ich empfinde gerade auch die Möglichkeit einer (guten) Kameraführung/-regie als einen erheblichen Mehrwert. Im Opernsaal sehe ich da ja immer nur eine Einstellung, die Totale und die meist noch aus einer gewissen Entfernung.
      Ich nicht. Die Kameraführung zwingt mich dazu, dort hinzuschauen, wo mich der Kameramann hinschauen lässt; live kann ich selbst entscheiden, was ich sehen will und von wo ich es sehen will. Außerdem interessiert mich in der Oper die Musik viel mehr als alles andere, und die Qualität der musikalischen Darbietung kann man halt nur live gut beurteilen.
    • Symbol schrieb:

      Den Vorteil, dass man eine musikalische Darbietung hören kann, die man ansonsten nicht hätte hören können.
      Mit dem Argument könnte ich auch die Welt mit einem Live-Streaming der "musikalischen Darbietung" meines Übens beglücken :D . Ich dachte eigentlich eher an den künstlerischen Vorteil. Den sehe ich bislang noch nicht. Dass Streaming als Notlösung besser sein kann (aber eben nicht muss!) als Stille, kann ich bei Spitzen-Musikern wie Levit verstehen, aber erstens ist der allergrößte Teil der Angebote natürlich bei weitem nicht auf diesem Niveau, und zweitens frage ich mich auch bei ihm, ob über die "Notlösung" hinaus die neue Form auch neue musikalische Wege eröffnen kann. Ich höre ständig (nicht hier, aber in den besagten sehr intensiven Diskussionen der letzten Zeit), dass Streaming "sowieso" die Zukunft sei. Da frage ich mich schon, was außer Sofa-Bequemlichkeit damit eigentlich gewonnen werden soll, zumal wenn umgekehrt über die gleichzeitigen Verluste geschwiegen wird. In diesem Sinne hat mich persönlich jedenfalls das Barenboim-Konzert vor ein paar Tagen eher abgeschreckt und in meiner Skepsis bestärkt.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Sadko schrieb:

      Aus meiner Sicht ist aber richtig, dass es eine Tendenz dazu gibt, die Leute zu ermuntern, lieber Opern von der Couch aus zu hören als live (auf billigen (Steh-)Plätzen).
      ist das so? oder nur jetzt gerade wg. Corona? und wenn, wer ermuntert die Leute, zuhause zu bleiben? frage nur, weil ich das das erste Mal höre..

      ChKöhn schrieb:

      Ich höre ständig (nicht hier, aber in den besagten sehr intensiven Diskussionen der letzten Zeit), dass Streaming "sowieso" die Zukunft sei.
      okay, das wird schwierig, das hier zu diskutieren, weil der Meinung, die Du "ständig hörst", hier niemand zu sein scheint. Wenn etwas "sowieso die Zukunft" sein soll, schalte ich normalerweise eh auf Durchzug, weil das meistens auf irgendeine Art Werbung hinausläuft...
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    • ChKöhn schrieb:

      Mit dem Argument könnte ich auch die Welt mit einem Live-Streaming der "musikalischen Darbietung" meines Übens beglücken :D .

      Das Argument wiederum finde ich nicht sonderlich überzeugend, da ja auch im herkömmlichen Konzert oder in der Studioaufnahme nicht das Üben von Musikern, sondern eine musikalische Darbietung auf der Basis dieses Übens geboten wird. Wir müssten also schon bei der Überlegung bleiben, was das Letztere im Streaming-Format bringen könnte.

      ChKöhn schrieb:

      Ich dachte eigentlich eher an den künstlerischen Vorteil. Den sehe ich bislang noch nicht.

      Wenn Du von einem künstlerischen Mehrwert des Formats sprichst, dann stimme ich Dir zu: den sehe ich ebenfalls nicht. Ich sehe aber einen potenziellen organisatorischen Mehrwert. So können wir in Pandemie-Zeiten auf diese Weise überhaupt Musik in einem Quasi-Live-Format erleben. In späteren Zeiten (also nach der Pandemie) könnte Streaming eventuell nützlich sein, um sich von den Schattenseiten des Konzertbetriebs ein wenig (gleichsam punktuell) zu emanzipieren. So könnten beispielsweise Künstler, die bisher noch keine mächtige Agentur im Hintergrund haben, über Streaming "konzertieren". Oder man könnte über Streaming Musik eher unbekannter zeitgenössischer Komponisten spielen, die im Konzertbetrieb noch nicht die notwendige Lobby besitzen (weil sie nicht Rihm oder Widmann heißen) - etc.

      ChKöhn schrieb:

      Ich höre ständig (nicht hier, aber in den besagten sehr intensiven Diskussionen der letzten Zeit), dass Streaming "sowieso" die Zukunft sei.

      Abgesehen davon, dass ich das bisher noch nicht gehört habe, stehe ich solch extremen Aussagen generell skeptisch gegenüber. Soll heißen: weder die Variante "das ist in der Zukunft der Standard" noch die Variante "das sollte es in der Zukunft keinesfalls mehr geben" finde ich sonderlich sympathisch. Besser fände ich es, aus den Kompromissen und Notlösungen, die die aktuelle Lage uns abverlangt, möglichst das zu identifizieren, was vielleicht auch in der Zukunft eine sinnvolle Ergänzung in unserem Zusammenleben sein könnte - und dies dann beizeiten mit Maß und Mitte zu verwenden.

      LG :wink:
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    • philmus schrieb:

      das wird schwierig, das hier zu diskutieren, weil der Meinung, die Du "ständig hörst", hier niemand zu sein scheint.
      Da hast Du recht, ich wollte eigentlich nur meine Skepsis etwas plausibler zu erklären versuchen. Ansonsten fände ich es unfair, wenn ich jetzt hier gegen Musiker-Kollegen argumentieren würde, die sich nicht beteiligen können. Also lasse ich es lieber dabei.

      Symbol schrieb:

      Abgesehen davon, dass ich das bisher noch nicht gehört habe, stehe ich solch extremen Aussagen generell skeptisch gegenüber. Soll heißen: weder die Variante "das ist in der Zukunft der Standard" noch die Variante "das sollte es in der Zukunft keinesfalls mehr geben" finde ich sonderlich sympathisch. Besser fände ich es, aus den Kompromissen und Notlösungen, die die aktuelle Lage uns abverlangt, möglichst das zu identifizieren, was vielleicht auch in der Zukunft eine sinnvolle Ergänzung in unserem Zusammenleben sein könnte - und dies dann beizeiten mit Maß und Mitte zu verwenden.
      Um das noch einmal klarzustellen: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Streaming oder andere digitale Formate: Ich bin seit Jahren Abonnent der Digital Concert Hall, von meinen eigenen Konzerten wurde das erste vor über 30 Jahren aufgezeichnet und gesendet, das bislang letzte vor einem guten Jahr, und Produktionserfahrung habe ich auch reichlich. Einmal bin ich sogar auch "gestreamt" worden, allerdings nur aus einem Saal (in dem kein Platz mehr war) in einen benachbarten, wo dann zusätzliche Zuhörer saßen. Was mich - bislang zumindest - abschreckt, ist diese gespenstische Atmosphäre im leeren Saal. Ich vermute, dass das auch für Igor Levit ein Grund dafür ist, dass er seine Streams aus dem heimischen Wohnzimmer macht. Das ist auf alle Fälle besser, weil es die Ausnahmesituation zeigt statt Normalität vorzugaukeln. Bei den Philharmonikern, wo ja normalerweise Konzerte mit Publikum gestreamt werden, welches dann auch sichtbar ist, ist die Sache jetzt ohne Zuhörer etwas schwieriger, weil vermutlich niemand der Musiker über ein ausreichend großes Wohnzimmer verfügt...

      Symbol schrieb:

      So könnten beispielsweise Künstler, die bisher noch keine mächtige Agentur im Hintergrund haben, über Streaming "konzertieren". Oder man könnte über Streaming Musik eher unbekannter zeitgenössischer Komponisten spielen, die im Konzertbetrieb noch nicht die notwendige Lobby besitzen (weil sie nicht Rihm oder Widmann heißen)
      Ja, das wäre immerhin eine Chance.
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      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Was mich - bislang zumindest - abschreckt, ist diese gespenstische Atmosphäre im leeren Saal. Ich vermute, dass das auch für Igor Levit ein Grund dafür ist, dass er seine Streams aus dem heimischen Wohnzimmer macht. Das ist auf alle Fälle besser, weil es die Ausnahmesituation zeigt statt Normalität vorzugaukeln.

      Das ist - zumindest für solistische oder andere kleine Besetzungen - auch meine bevorzugte Variante. Klar, mit einem ganzen Orchester geht es nicht, aber der Stream von einem ungewöhnlichen Ort signalisiert in der Tat, dass es sich gerade nicht um einen Versuch handelt, ein herkömmliches Konzert zu imitieren. Im Falle von Igor Levits Streams hat die ungewöhnliche Lokalität m. E. auf jeden Fall zum Erlebnis beigetragen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • philmus schrieb:

      Sadko schrieb:

      Aus meiner Sicht ist aber richtig, dass es eine Tendenz dazu gibt, die Leute zu ermuntern, lieber Opern von der Couch aus zu hören als live (auf billigen (Steh-)Plätzen).
      ist das so? oder nur jetzt gerade wg. Corona? und wenn, wer ermuntert die Leute, zuhause zu bleiben? frage nur, weil ich das das erste Mal höre..
      Ich habe da v.a. an die Wiener Staatsoper gedacht, die ihre kostenpflichtigen Streams ab 2013 sehr beworben hat und seit der Corona-Sperre jeden Tag Aufführungen online streamt (hab ich nie probiert, interessiert mich nicht).
    • Auch wenn das vom Thema wegführt, gibt es hierzu noch etwas zu sagen:

      Symbol schrieb:

      Das Argument wiederum finde ich nicht sonderlich überzeugend, da ja auch im herkömmlichen Konzert oder in der Studioaufnahme nicht das Üben von Musikern, sondern eine musikalische Darbietung auf der Basis dieses Übens geboten wird.
      Die Grenzen zwischen "Üben" und "Darbietung" sind durchaus nicht immer so eindeutig wie es scheint. Wie ist es z.B. bei Vortragsabenden von Musikhochschulen? Die Studenten lernen dort, vor Publikum zu spielen, "üben" also. Andererseits spielen sie in der Regel nur Werke vor, die sie vorher bühnenreif vorbereitet haben. Selbst bei CD- Veröffentlichungen ist nicht immer ganz sicher zu sagen, ob da Üben oder Darbietung stattfindet: Die im Nachlass auf Musik-Cassetten gefundenen und dann posthum veröffentlichten "Mozart-Tapes" von Friedrich Gulda klingen für mich sehr danach, dass sie primär der eigenen Kontrolle beim Üben gedient haben (auch das Speichermedium spricht dafür). Oder was ist mit sogenannten Konzertmitschnitten, in die aber - zum Teil in großem Umfang - Takes aus den Proben reingeschnitten werden? Und in dem ganz allgemeinen Sinne, dass jede "Darbietung" eines komplexen Werks für den Interpreten einen Gewinn an Erfahrung bedeutet, die die weitere Auseinandersetzung und die nächste Aufführung beeinflussen wird, fließt sowieso beides untrennbar ineinander. Auch mit der "Werkstatt Bayreuth" (ich konnte leider auf die Schnelle nicht herausfinden, wer diesen Begriff geprägt hat) ist ja wohl etwas in dieser Richtung gemeint.
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      (Theodor W. Adorno)
    • Sadko schrieb:

      Ich habe da v.a. an die Wiener Staatsoper gedacht, die ihre kostenpflichtigen Streams ab 2013 sehr beworben hat
      das wusste ich nicht. Wird da nicht eher versucht, neue Publikumsschichten zu erreichen? vermutlich ist doch der Preis für eine Opernkarte wesentlich höher als für einen Stream? ich vermute nur so rum...

      ChKöhn schrieb:

      Die Grenzen zwischen "Üben" und "Darbietung" sind durchaus nicht immer so eindeutig wie es scheint. Wie ist es z.B. bei Vortragsabenden von Musikhochschulen? Die Studenten lernen dort, vor Publikum zu spielen, "üben" also. Andererseits spielen sie in der Regel nur Werke vor, die sie vorher bühnenreif vorbereitet haben. Selbst bei CD- Veröffentlichungen ist nicht immer ganz sicher zu sagen, ob da Üben oder Darbietung stattfindet: Die im Nachlass auf Musik-Cassetten gefundenen und dann posthum veröffentlichten "Mozart-Tapes" von Friedrich Gulda klingen für mich sehr danach, dass sie primär der eigenen Kontrolle beim Üben gedient haben (auch das Speichermedium spricht dafür). Oder was ist mit sogenannten Konzertmitschnitten, in die aber - zum Teil in großem Umfang - Takes aus den Proben reingeschnitten werden? Und in dem ganz allgemeinen Sinne, dass jede "Darbietung" eines komplexen Werks für den Interpreten einen Gewinn an Erfahrung bedeutet, die die weitere Auseinandersetzung und die nächste Aufführung beeinflussen wird, fließt sowieso beides untrennbar ineinander.
      Danke für diese sehr erhellenden Hinweise... Natürlich, letztendlich "übt" spielen immer... "Üben" im definitiv nicht darbietungsfähigen Sinn würde ich es nennen. wenn man den Fluss unterbricht und Teile wiederholt etc. Beim "Improvisieren üben" wird auch diese Grenze verschwommen, aber es ist ein Unterschied, ob man übt, im Fluss zu sein oder flüssig irgendwelche Figuren übt und durch die Changes jagt, und auch da mag es diesen und jenen geben, für den das schon Musik ist... :D
      Das alles nicht als Widerspruch, sondern Ergänzung gemeint - hatte nie so darüber nachgedacht, wie sehr da die Grenze verschwimmt... Für mich persönlich ist JEDE Darbietung eine Übung im Umgang mit Bühnenangst...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Für mich persönlich ist JEDE Darbietung eine Übung im Umgang mit Bühnenangst...
      Begriff <Darbietung> als <Übung > möchten meine Lauscherchen gerne erweitern. Zweifel kommen auf, ob Tastenquälerei mit Ludewigs Diabellis oder Schuberts D 960 jemals quasi "fertig" werden, vom Reinziehn der Mucke ganz zu schweigen. Das beträfe doch auch auch CD-Produktionen. Find ich jedenfalls. Hab auch nicht auf Schirm, wie oft Rudolf Buchbinder Ludewigs op. 120 oder Alfred Brendel Schuberts Klaviermucke auf CD rüberwachsen ließen...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • philmus schrieb:

      Sadko schrieb:

      Ich habe da v.a. an die Wiener Staatsoper gedacht, die ihre kostenpflichtigen Streams ab 2013 sehr beworben hat
      das wusste ich nicht. Wird da nicht eher versucht, neue Publikumsschichten zu erreichen? vermutlich ist doch der Preis für eine Opernkarte wesentlich höher als für einen Stream? ich vermute nur so rum...
      Ich weiß nicht, was damit bezweckt wurde (zur Gewinnung neuer Publikumsschichten dienten die kostenlosen Opernübertragungen in den wärmeren Monaten auf den Platz vor der Oper), aber beim Start im Okt. 2013 kostete ein Stream 14 Euro, was zwar deutlich billiger als der Durchschnitt der Plätze in der Oper ist, aber doch über dem Preis eines Platzes lag (Sitzplatz ca. 11 Euro, Stehplatz 3 Euro).
    • Man macht das, weil man sich einbildet, damit "up to date" zu sein, und ein jüngeres Publikum zu erreichen, das offenbar irgendwo da draußen im Internet daheim ist.
      :D
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
      playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
    • putto schrieb:

      Man macht das, weil man sich einbildet, damit "up to date" zu sein, und ein jüngeres Publikum zu erreichen, das offenbar irgendwo da draußen im Internet daheim ist.
      :D
      Ob ich immer unbedingt up to date sein möchte, weiß ich nicht. Mit meinen gerade noch 68 Jahren bin ich sicher kein junges Publikum mehr - und sehe Streams relativ häufig.
      Ich gebe zu, ich bin mehr als zwiespältig bei der Beantwortung der Frage über die Preisgestaltung von Streams. Ich teile das Argument, dass ich für eine Eintrittskarte (wie viel auch immer) bezahlen muss und der Stream daher auch eine Preis (wie hoch auch immer) haben soll - auch, weil dadurch ja auch Kosten entstehen. Und ich habe auch Verständnis für jene Seite, die einen kostenlosen Stream aus mehr oder weniger guten Gründen bevorzugt (Tonqualität entspricht nicht Oper/Konzert, Bild zeigt nur den vom Bildregisseur ausgesuchten Ausschnitt, ..).
      Den Vorteil eines kostenlosen Streamings sehe ich in der Tat, darin, dass ein Konzert/eine Opernaufführung dadurch mit den geringsten Schwellenproblemen (Eintrittspreis Kosten für allfällige Anreise, ...) für alle ermöglicht wird. Vielleicht empfindet der/die eine oder andere HörerIn/SeherIn bei so einer Gelegenheit, dass die so genannte E-Musik nicht des Bösen ist (wünschen wird man sich ja etwas dürfen).
      Was mich persönlich betrifft. Da es jede Menge kostenfreie Streams gibt, schaue ich mir diese an (aktuell bieten Wiener Staatsoper, Met oder Zürich interessante Aufführungen zum Nulltarif; verschiedene Möglichkeiten gibt es auch, um - zumindest für einen beschränkten Zeitraum - auch Fidelio oder das Archiv der Berliner Philharmoniker ohne zu zahlen zu sehen). Und ich rede noch nicht von operaonvideo oder ähnlichen Angeboten, die zwar kostenlos aber in häufig schlechter Ton- und Bildqualität sind.
      Die Diskussion über kostenlos oder kostenpflichtig würde sich erübrigen oder jedenfalls minimieren, könnten sich alle Anbieter (oder zumindest einmal die in Europa beheimateten) über ein einheitliches Preisangebot einigen. Nicht alle Internetangebote sind kostenlos, vor allem Printmedien verrechnen für ihren Internetauftritt zunehmend den Abo-Preisen vergleichbare Preise oder geben nur einen kleinen Teil kostenlos frei. Warum also dieses Modell nicht auch für Oper oder Konzert - wobei über die Höhe der Preise dafür durchaus diskutiert werden kann (und soll).