Rahmenbedingungen von Auführungen: Mit oder ohne Publikum? Die Folgen und zukünftige Entwicklungen

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    • Sadko schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Als ich die Streicher mit Maske sah, ist es so schmerzvoll über mich gekommen, dass ich abgestellt habe.
      So etwas perverses schaue ich mir nicht an. Geknebelt spielt man heutzutage Beethoven. Na dann.
      Was ist die Alternative? Gar nicht spielen?
      Die Wiener Philharmoniker, um nur ein Beispiel zu nennen, spielen ohne Maske.
      Ich kenne, und darin unterscheiden wir uns vielleicht, die Bonner Oper. Die Bühne - und gespielt wurde auf der Bühne und natürlich nicht im Graben - ist groß genug (gemeint ist Breite wie Tiefe), dass Abstandsregeln möglich gewesen wären. So, wie ich das Konzert gesehen habe, war die Bühnendimension aber nicht genutzt (war das nur den Kameraeinstellungen - mehr oder weniger starkes Tele - geschuldet ?). Das mag aus Sicht von Barenboim durchaus akustisch begründet sein, erklärt aber auch die Masken.
    • Die Wiener Philharmoniker sind ja ein fester "Haufen". Die werden wahrscheinlich alle alle 3 Tage oder so getestet. Das West Eastern Divan Orchester ist aber ganz anders organisiert, die kommen halt zu den jeweiligen Konzerten zusammen und müssen sich ansonsten anderweitig durchschlagen. Also nicht vergleichbar. Abgesehen davon geht es auch noch um eine Vorbildfunktion.


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • brunello schrieb:

      Die Bühne - und gespielt wurde auf der Bühne und natürlich nicht im Graben - ist groß genug (gemeint ist Breite wie Tiefe), dass Abstandsregeln möglich gewesen wären. So, wie ich das Konzert gesehen habe, war die Bühnendimension aber nicht genutzt (war das nur den Kameraeinstellungen - mehr oder weniger starkes Tele - geschuldet ?).
      Keine Ahnung, aber ich könnte mir vorstellen, dass das auch mit Gegebenheiten im Orchester (dass die Musiker einander "spüren" müssen) zu tun hat. Weiß ich nicht, mein Eintrag hat sich auf den Eintrag mit "pervers" und "geknebelt" bezogen.
    • maticus schrieb:

      in dieser Situation ist das genau richtig so und angemessen
      Das mag für die Masken so sein, aber grundsätzlich bin ich mir nicht so sicher, welche Reaktion für Musiker "richtig und angemessen" ist. Vielleicht sollten sie auf das erzwungene Auftrittsverbot öfter mit Stille antworten, statt sich massenhaft und ohne erkennbaren Widerspruch auf digitale Ersatzformate zu stürzen. Der Wert einer Sache wird oft erst dann so richtig bewusst, wenn sie nicht mehr vorhanden ist. Das wird im Falle der Musik durch Streamings usw. unterlaufen, mit der möglichen Folge, dass aus den ursprünglich als Notlösung gedachten Formaten ein "Normalfall" wird, der es zum Beispiel in Zukunft schwerer machen dürfte, für die Finanzierung "analoger" Konzerthäuser zu argumentieren, wenn sich doch scheinbar gezeigt hat, dass es ein simples Aufnahmestudio auch tut. Vor allem aber ist Musik ein bidirektionaler kommunikativer Vorgang zwischen Musikern und Zuhören, auch wenn letztere scheinbar nur still dasitzen. Die digitalen Ersatzformate ohne Publikum können diesen zentralen Aspekt nicht erfüllen, was allerdings umso weniger auffallen dürfte, je mehr die Musiker selbst durch ihr Verhalten signalisieren, dass sie ihn für entbehrlich halten. Statt dessen versichern sich alle gegenseitig, dass an der digitalen Konzertzukunft sowieso nichts mehr zu ändern sei und man ja durch die Krise die großartige Möglichkeit hätte, endlich auf den Zug der Zeit aufzuspringen. Ich habe diese Diskussion in den letzten Tagen und Wochen intensiv geführt und dabei bis auf wenige unvermeidliche Ausnahmen (im wesentlichen ein Wettbewerb, bei dem es vor allem um die Kandidaten geht, und ein Konzert im Musikzentrum Bochum, welches aus organisatorischen Gründen bereits jetzt geplant werden musste, ohne dass man wissen kann, ob bis dahin wieder Publikum erlaubt ist) alle Streaming-Angebote abgelehnt. Das ist nur meine ganz persönliche Entscheidung, aber jemand wie Barenboim hätte durchaus die Macht, die gesellschaftliche Diskussion zu beeinflussen. So bleibt es eben z.B. dabei, dass in Kirchen zwar Gottesdienste aber keine Konzerte stattfinden dürfen. Wenn man dieselben Konzerte statt dessen einfach streamt, erkennt man indirekt die Richtigkeit dieser Regelung an.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Der Beitrag von Christian eben vorhin hat in jeder Hinsicht meine vollste Zustimmung und ist aus meiner Sicht einer der allerbesten, die ich in letzter Zeit hier im Forum gelesen habe! Er sollte auch an anderer Stelle stehen (vielleicht in einem Thread zum Streaming generell) anstatt hier im Beethoven-Eben-gehört-Thread unterzugehen!
    • ChKöhn schrieb:

      Der Wert einer Sache wird oft erst dann so richtig bewusst, wenn sie nicht mehr vorhanden ist.
      Ja schon, aber man muss auch ehrlich und realistisch sein, dass Klassische Musik innerhalb der Gesamtbevölkerung nur ein Nischendasein hat. Wenn diese komplett wegfallen würde, so würde es wohl keine breiten Massenaufstände geben.

      ChKöhn schrieb:

      Vor allem aber ist Musik ein bidirektionaler kommunikativer Vorgang zwischen Musikern und Zuhören, auch wenn letztere scheinbar nur still dasitzen. Die digitalen Ersatzformate ohne Publikum können diesen zentralen Aspekt nicht erfüllen, was allerdings umso weniger auffallen dürfte, je mehr die Musiker selbst durch ihr Verhalten signalisieren, dass sie ihn für entbehrlich halten.
      Ja, da stimme ich vollkommen zu. Und nicht nur, dass Barenboim es ähnlich ausgedrückt hat (in einem der Einspieler in der Pause des Konzerts), dass Musik im Raum stattfindet und die Anwesenheit des Publikums sehr wichtig ist (nicht für den Applaus), so meine ich auch den Unterschied praktisch gemerkt zu haben in einem Video, zu einer Aufführung 11/2018 in der Carnegie Hall, Barenboim mit dem WEDO, wo er mit sichtlichem großen Spaß bei der Sache war, und die Musiker auch. Man könnte nicht nur vermuten, dass es am anwesenden Publikum lag.

      Ähnliche Aussagen gelten ja auch für z. B. Online Lehre. Während in meinem Fach dies noch *relativ* gut geht (aber selbst da ist Online Lehre kein voller Ersatz zur Präsenzlehre), ist dies in anderen Fächern, besonders in den Geisteswissenschaften und Musik/Kunst noch sehr, sehr viel weniger ein guter Ersatz. Aber, man kann ja nicht "aus Protest" auf die Lehre verzichten. Online-Lehre ist besser als gar keine. Deswegen stehe ich auch dem völlig verständnislos gegenüber, dass sich viele Lehrer an Schulen nicht Willens oder in der Lage fühlen, auch dort Online-Lehre anzubieten.

      Viele meiner Kollegen zeichnen ihre Vorlesungen als Videos auf ("asynchron"). Das mache ich nicht, sondern mache meine Vorlesungen "live". Weil ich überhaupt keine Motivation verspüren würde, einfach sterile Filme zu drehen (mit denen ich wahrscheinlich nicht einmal zufrieden wäre und die ständig verbessern würde), sondern die virtuelle Anwesenheit der Studierenden gibt noch einen gewissen Ansporn. Diese wäre noch größer bei einer Veranstaltung im "physischen Raum". Es wurde von Studierenden oft der Wunsch an mich herangetragen, die Vorlesung doch auch asynchron anzubieten. Nicht nur meine eigenen Vorbehalte dazu halten mich ab, sondern ich halte es auch für sinnvoll, dass die Studierenden da einen festen Termin haben. Aber ich schweife ab...

      Übrigens kam das Thema Onlineunterricht neulich auch bei meiner Klarinettenlehrerin auf, nur so als Gedanke und Alternative für die unvorhersehbare Zukunft. Für mich ist klar, dass ich keinen Onlineunterricht nehmen werde, das bringt mir nichts. Das mögen andere aber anders sehen.

      ChKöhn schrieb:

      So bleibt es eben z.B. dabei, dass in Kirchen zwar Gottesdienste aber keine Konzerte stattfinden dürfen.
      Dafür habe ich auch kein Verständnis. Und das liegt nicht (nur) an meiner eigenen kritischen Haltung Religionen gegenüber, sondern ich kann diesen Sonderstatus nicht nachvollziehen. Ich glaube auch nicht, wie oft behauptet wird, dass unsere Verfassung das so fordert.

      ChKöhn schrieb:

      Wenn man dieselben Konzerte statt dessen einfach streamt, erkennt man indirekt die Richtigkeit dieser Regelung an.
      Das weiss ich nicht, ob das so ist. Die Frage ist aber auch, was ist die "richtige" Regelung. Der Lockdown light ab November war ein großer Fehler, der zudem einige Berufsgruppen gegenüber anderen völlig benachteiligt hat, als insbesondere Kultur und Gastronomie. Den jetzigen totalen Shutdown halte ich für alternativlos, und eigentlich wäre er das auch schon ab November gewesen. Das Beethoven-Konzert mit Barenboim vor zwei Tagen war schon mitten in diesem Total-Lockdown (abgesehen von Kirchen). Wogegen hätte Barenboim durch Verweigerung demonstrieren sollen?

      Das Problem, dass später Online-Veranstaltungen so gut funktionieren und akzeptiert sein werden, dass dafür Präsenzveranstaltungen nicht mehr als wichtig angesehen werden und (teilweise) ganz gestrichen werden, droht ja nicht nur in Kunst und Musik, sondern auch an Universitäten, und generell auch bei Berufen in der Industrie. Unternehmen müssen keine Büros mehr anbieten, Unis keine Hörsäle mehr, u.s.w. Aber wegen dieses drohenden Problems kann man jetzt nicht nichts tun. Momentan ist es so wie es ist.

      Abgesehen davon finde ich, dass es auch einige sehr kreative Videoproduktionen gegeben hat. Natürlich sind die kein Ersatz für Livekonzerte im Konzertsaal, aber sie zeigen auch ergänzende (neue) Möglichkeiten. Vielleicht muss man sich für die Zukunft sowieso neue Konzepte für Konzertveranstaltungen überlegen, um jüngeres Publikum auch für Klassische Musik zu begeistern. Die Gesellschaft hat sich durch die moderne Technik extrem verändert. Kann man also erwarten, dass der Konzertbetrieb immer so wie gehabt weitergehen wird? Das ist eine ernsthafte Frage, ohne eine Antwort darauf suggerieren zu wollen oder zu können.

      maticus
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    • Wenn sich Kommunikation grundsätzlich wandelt, vom face to face hin zum Whatsapp-Beitrag (oder irgendeinem anderen asozialen Medium, und das passiert seit Jahren bei unserer Jugend) darf man sich nicht wundern, daß dieser Trend auf andere Teile der Gesellschaft übergeht. Kann sein, daß das sich später mal wieder zurückentwickelt, aber so wie bisher wird es nicht mehr werden. Muss man auch nicht gut finden.
    • maticus schrieb:

      man muss auch ehrlich und realistisch sein, dass Klassische Musik innerhalb der Gesamtbevölkerung nur ein Nischendasein hat. Wenn diese komplett wegfallen würde, so würde es wohl keine breiten Massenaufstände geben.
      Gerade deshalb sollten Musiker nicht einfach davon ausgehen, dass der Wert der Musik sowieso allen bewusst ist. Übrigens stimmt das mit dem "Nischendasein" nur bedingt: Bei der Frage nach der "bevorzugten Musikrichtung" steht 2020 in Deutschland die Klassik mit 32,9 Prozent im Mittelfeld, z.B. vor Hip Hop/Rap, Hardrock/Heavy Metal, Techno und Jazz (Mehrfachauswahl war natürlich möglich).

      maticus schrieb:

      Online-Lehre ist besser als gar keine.
      Ja, das sehe ich genau so, sie ist sozusagen die zweitschlechteste aller Möglichkeiten. Aber da geht es auch um die Rechte der Studierenden bzw. der Schüler, die jeder Lehrer so gut es irgend geht zu erfüllen verpflichtet ist. Bei Konzerten hat der einzelne Musiker bzw. der Dirigent aber die alleinige Verantwortung für die eigenen künstlerischen Entscheidungen. Mir fehlt in Musikerkreisen vor allem die Diskussion darüber. Statt dessen verhalten sich fast alle wie Herdentiere und laufen einem vermeintlich unaufhaltsamem Trend zu Digitalformaten hinterher. Man könnte ja auch der Meinung sein, dass gerade eine prinzipiell in der physischen Präsenz und zeitlichen Gegenwart stattfindende und deshalb unwiederholbare Kunst wie die Musik als Gegengewicht zur allgegenwärtigen Digitalisierung wichtig ist.

      maticus schrieb:

      Die Frage ist aber auch, was ist die "richtige" Regelung. Der Lockdown light ab November war ein großer Fehler, der zudem einige Berufsgruppen gegenüber anderen völlig benachteiligt hat, als insbesondere Kultur und Gastronomie. Den jetzigen totalen Shutdown halte ich für alternativlos, und eigentlich wäre er das auch schon ab November gewesen. Das Beethoven-Konzert mit Barenboim vor zwei Tagen war schon mitten in diesem Total-Lockdown (abgesehen von Kirchen). Wogegen hätte Barenboim durch Verweigerung demonstrieren sollen?
      Er könnte z.B. ein musikalisches Zeichen setzen, sagen wir durch Haydns Abschiedssymphonie oder (wie neulich bei Petrenko in Berlin) John Cages 4'33''. Mir ist einfach zu viel Lärm und zu wenige Stille. Mir geht es nicht um "Protest" sondern darum, dass die Folgen von Entscheidungen, ob diese nun "alternativlos" sind oder nicht, nicht aus dem Blickfeld geraten.

      lothar schrieb:

      Wenn sich Kommunikation grundsätzlich wandelt, vom face to face hin zum Whatsapp-Beitrag (oder irgendeinem anderen asozialen Medium, und das passiert seit Jahren bei unserer Jugend) darf man sich nicht wundern, daß dieser Trend auf andere Teile der Gesellschaft übergeht.
      Vermutlich ist das so, ja. Aber für mich ist immer noch ein wesentlicher Unterschied, ob ein Konzert vor Publikum stattfindet und man dann durch technische Mittel auch zusätzliche Hörer daran teilhaben lässt, oder ob es wie jetzt aus dem leeren Saal gestreamt wird. Das geht an den Kern der Musik.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Aber für mich ist immer noch ein wesentlicher Unterschied, ob ein Konzert vor Publikum stattfindet und man dann durch technische Mittel auch zusätzliche Hörer daran teilhaben lässt, oder ob es wie jetzt aus dem leeren Saal gestreamt wird.
      Darunter würden vor allem sämtliche Studioproduktionen fallen, die über Schallplatte, CD reinziehbar sind. Mengenmäßig > als gestreamte Konzerte.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      ChKöhn schrieb:

      Aber für mich ist immer noch ein wesentlicher Unterschied, ob ein Konzert vor Publikum stattfindet und man dann durch technische Mittel auch zusätzliche Hörer daran teilhaben lässt, oder ob es wie jetzt aus dem leeren Saal gestreamt wird.
      Darunter würden vor allem sämtliche Studioproduktionen fallen, die über Schallplatte, CD reinziehbar sind. Mengenmäßig > als gestreamte Konzerte.
      Das ist etwas grundsätzlich anderes. Eine Studioproduktion ist kein aufgezeichnetes Konzert sondern ein Prozess, an dessen Ende ein musikalisches Kunstwerk eigener Art steht, welches zu einem guten Teil auch anderen Zielen und Notwendigkeiten folgt. Das Konzert ist immer ein derzeitiges, unwiederholbares Ereignis mit gegenwärtigen Zuhörern. Eine Studioproduktion entsteht in einem langwierigen und mühsamen Prozess gerade umgekehrt im Bewusstsein der beliebigen Wiederholbarkeit und für ein zukünftiges und weitgehend unbekanntes Publikum. Es gehört zu ihrem Wesen, dass sie ohne dessen Anwesenheit stattfindet. Mir ging es aber darum, dass Musiker meiner Meinung nach mehr vermitteln sollten, dass es Konzerte ohne Zuhörer eben nicht geben kann. Studioproduktionen sind hingegen vom Konzept her ohne Publikum, und sie sind zudem nicht selbst künstlerisches Ereignis sondern haben ein solches zum Ziel. Mit all dem sage ich nichts über die Sinnhaftigkeit oder gar "Alternativlosigkeit" des Verbots, aber ich möchte nicht, dass dessen Folgen unter den Teppich gekehrt werden, um dann möglicherweise später um so mehr zu Tage zu treten.
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      (Theodor W. Adorno)
    • Betrifft ja nicht nur Klassik und nicht einmal nur Musik, sondern alle Live-Aufführungen, also nicht nur eine kleine Nische. Und wenn sich auch einiges zugespitzt hat, aufgrund neuer techn. Möglichkeiten, gab es vieles im Grunde schon seit Jahrzehnten. Es gab früher zB Funkkonzerte, die live ohne Publikum in einem Studio gespielt wurden. Mitschnitte und Übertragungen gibt es ebenfalls schon sehr lange (und auch schon lange als Tonträger neben Studioproduktionen).
      Ich glaube, dass bei Musik, Theater, Tanz etc. den Menschen der Unterschied zwischen "wirklich live" mit Publikum und Aufzeichnungen oder pseudolive ohne Publikum usw. durchaus noch klar ist.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      wenn sich auch einiges zugespitzt hat, aufgrund neuer techn. Möglichkeiten, gab es vieles im Grunde schon seit Jahrzehnten. Es gab früher zB Funkkonzerte, die live ohne Publikum in einem Studio gespielt wurden. Mitschnitte und Übertragungen gibt es ebenfalls schon sehr lange (und auch schon lange als Tonträger neben Studioproduktionen).
      Die Funkkonzerte ohne Publikum waren ein Versuch, der meines Wissens lange vor Corona schon wieder fallengelassen wurde. Mitschnitte und Übertragungen sind etwas anderes, weil da Publikum im Saal ist und in gewisser Hinsicht auch aktiven Anteil am Geschehen hat. Den haben Stream-Zuhörer nicht. Sie können bei einer Übertragung zwar von außen auf des Geschehen blicken, oft sogar auf das im Zuschauerraum, nehmen aber selbst nicht teil. Ich halte das für einen extrem wichtigen Unterschied. Vor ein paar Tagen musste ich eine Kammermusik-Prüfung abnehmen, bei der neben den Spielern (Trio) nur vier Kommissionsmitglieder weit voneinander entfernt im rund 600 Plätze fassenden Konzertsaal saßen, dafür aber ca. 2 Meter vor der Bühne eine Kamera für das Live-Streaming auf einem Stativ thronte. Ich fand das extrem unangenehm und eigentlich unzumutbar für die Spieler (aus deren Reihen mir das später auch bestätigt wurde). Natürlich kann man als Profi auch unter solchen Umständen so spielen, dass man keine "harten", belegbaren Schwächen hören wird, aber jenseits dieser Art von handwerklicher Professionalität fängt doch die eigentliche Musik erst an...Bei der Kammermusik hat man wenigstens noch den Vorteil, sich sozusagen gegenseitig zum Ansprechpartner zu machen, aber auch das ist kein wirklicher Ersatz für ein Gegenüber, an das man sich wendet.
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    • ChKöhn schrieb:

      Übrigens stimmt das mit dem "Nischendasein" nur bedingt: Bei der Frage nach der "bevorzugten Musikrichtung" steht 2020 in Deutschland die Klassik mit 32,9 Prozent im Mittelfeld, z.B. vor Hip Hop/Rap, Hardrock/Heavy Metal, Techno und Jazz (Mehrfachauswahl war natürlich möglich).
      Danke für den Link. Ist natürlich eine Frage, wie eng man den Begriff "Nische" definiert. Bei den 33% wäre ich insofern skeptisch, da ja Mehrfachnennungen erlaubt waren. Es gibt sicherlich viele Leute, die behaupten, sie hören auch Klassik ganz gerne, hören aber in der Tat vielleicht nur mal eine "Kuschelklassik"-CD, und gehen schon gar nicht in ein entsrpechendes Konzert, allenfalls schauen sie Silvester-/Neujahrskonzerte im TV. (Ich habe mir den Link noch nicht genauer angeschaut; falls dortige Erklärungen meinen Vorstellungen (!) entgegen sprechen sollten, bitte ich auf einen Hinweis.) Jedenfalls denke ich, dass die Heavyuser-Klassiker in der Bevölkerung im einstelligen Prozentbereich liegen dürften.

      ChKöhn schrieb:

      Man könnte ja auch der Meinung sein, dass gerade eine prinzipiell in der physischen Präsenz und zeitlichen Gegenwart stattfindende und deshalb unwiederholbare Kunst wie die Musik als Gegengewicht zur allgegenwärtigen Digitalisierung wichtig ist.
      Auf jeden Fall! Bezweifeln vermutlich auch die wenigsten. Auch Barenboims Äußerungen zu "Musik entsteht im Raum" habe ich dahingehend verstanden.

      ChKöhn schrieb:

      Er könnte z.B. ein musikalisches Zeichen setzen, sagen wir durch Haydns Abschiedssymphonie oder (wie neulich bei Petrenko in Berlin) John Cages 4'33''.
      Okay, aber hier ging es ja explizit um Beethoven (und Bonn). Es sind ja wahrscheinlich eh schon mehr als 90% der Veranstaltungen zu diesem Jubiläum ausgefallen.

      maticus
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    • ChKöhn schrieb:

      Das ist etwas grundsätzlich anderes. Eine Studioproduktion ist kein aufgezeichnetes Konzert sondern ein Prozess, an dessen Ende ein musikalisches Kunstwerk eigener Art steht, welches zu einem guten Teil auch anderen Zielen und Notwendigkeiten folgt. Das Konzert ist immer ein derzeitiges, unwiederholbares Ereignis mit gegenwärtigen Zuhörern.
      Vom Resultat her kommt eine Gemeinsamkeit rüber. Das Ergebnis steht gewissermaßen fest. Möglicherweise ein Grund, warum Rudolf Buchbinder Beethovens Diabelli-Vars öfters einspielte. Und ein aufgezeichnetes Konzert bzw. Radio-Mitschnitt bleibt sogar reinziehbar.

      ChKöhn schrieb:

      Eine Studioproduktion entsteht in einem langwierigen und mühsamen Prozess gerade umgekehrt im Bewusstsein der beliebigen Wiederholbarkeit und für ein zukünftiges und weitgehend unbekanntes Publikum. Es gehört zu ihrem Wesen, dass sie ohne dessen Anwesenheit stattfindet.
      Wenn meine Lauscherchen sich das Ergebnis reinziehn, dann blenden sie den Entstehungsprozess doch aus. Solange die nicht mitkriegen, ob die z.B. vielen Takes besteht und keinen quasi Studiomief mitkriegen, finden sie es okay. Es gibt auch mega-fetzige Studioproduktionen ohne Studiomief; kürzlich mir daraus wieder mal Brahms KK 1 mit London/Arrau/Giulini mir eingeschmissen..

      ChKöhn schrieb:

      Mir ging es aber darum, dass Musiker meiner Meinung nach mehr vermitteln sollten, dass es Konzerte ohne Zuhörer eben nicht geben kann.
      Man könnte doch durchaus darüber grübeln, ob nicht doch sowas wie etwa „indirekte Kommunikation“ zwischen Studioproduktion und quasi imaginäre Zielgruppe funzen könnte und ob sowas beim gleichfalls beim Streaming funzen würde … meine Lauscherchen jedenfalls sind weiterhin total geflasht vom Komplett-Streaming-String der Schosti-24-Preludes-Fugues mit Igor Levit vom 27.03.20 aus Hertha-Stadt; eben auch was da an Intensität der Wiedergabe rüberkommt. Chose soll damit keineswegs dem Live-Event gleichgesetzt werden.

      ChKöhn schrieb:

      Studioproduktionen sind hingegen vom Konzept her ohne Publikum, und sie sind zudem nicht selbst künstlerisches Ereignis sondern haben ein solches zum Ziel.
      Wenn meine Lauscherchen sich Studioproduktionen und/oder Radio-Live-Mitschnitt reinziehen, dann achten sie doch bloß aufs Resultat und nicht, was da zum Ziel gesetzt wurde/wird …
      .. und was Mahlers 6. und Alban Bergs Instrumental-Mucke angeht, so haben sie bisher – bis auf sehr ganz wenige sehr erfreuliche Ausnahmen – kaum bis gar keine zufriedenstellende Studioproduktionen davon sich eingeschmissen (vom Kammerkonzert bloß die unter Libor Pesek, vom VK bisher nix, 3 Orchesterstücke bisher auch nur tote Hose .. also Berg-Instrumental-Studioproduktionen kamen überwiegend bisher intensitätslos, leblos, quasi stumm rüber.
      Ganz im Gegensatz zu fetzigen Live-Radio-Mitschnitten: z.B. VK mit Lederhosen, Veronika Eberle unter Nezet-Seguin, Kammerkonzert mit SWR unter Gielen, 3 O-Stücke aus SF unter MTT; was möglichweise für gegenwärtige Zuhörer beim Konzert-Event spräche.

      ChKöhn schrieb:

      aber ich möchte nicht, dass dessen Folgen unter den Teppich gekehrt werden, um dann möglicherweise später um so mehr zu Tage zu treten.
      Ich ja ooch nicht.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Vom Resultat her kommt eine Gemeinsamkeit rüber. Das Ergebnis steht gewissermaßen fest.
      Nein, beim Konzert steht das Ergebnis eben nicht fest. Ich stelle fest, dass es mir offensichtlich nicht gelungen ist, mich verständlich auszudrücken: Weder habe ich bestritten, dass es musikalische überzeugende Studioeinspielungen gibt, noch dass es ein Gewinn sein kann, sich Konzertmitschnitte anzuhören. Das alles hat aber mit dem Thema gar nichts zu tun. Die unmittelbare Kommunikation zwischen Musiker und Publikum ist im Konzert von grundlegender künstlerischer Bedeutung. Dagegen kann man nicht als Argument anführen, dass es sie bei CDs ja auch nicht gibt, weil CDs wie gesagt ein Kunstwerk eigener Art sind. Vielleicht (und das würde bestätigen, was ich in den besagten Diskussionen der letzten Wochen immer wieder festgestellt habe) muss man auch über Erfahrungen auf beiden Seiten der Bühnenkante sowie im Aufnahmestudio verfügen, um das wirklich verstehen zu können. Jedenfalls scheint es mir besser zu sein, das hier nicht weiter zu diskutieren.
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      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • was mich doch immer mal wieder wundert, mit welcher Selbstverständlichkeit die Alternative Konzert/Studioproduktion vorausgesetzt wird.

      Ich würde doch davon ausgehen, daß z.B. die primäre Form der Rezeption des WTK für einen Musiker die war und ist, daß er es selber und für sich spielt, da mögen denn auch mal ein oder wenige Personen mithören.

      Das wäre also schon einmal eine wesentliche Form der Musikrezeption, die weder Konzert noch Studioproduktion ist. Warum sollte also dazu sich nicht eine weitere Form entwickeln, in der ein nicht anwesendes Publikum zuhört? Das wäre eine Art Mittelding zwischen Konzert und Spielen für sich.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • ChKöhn schrieb:

      Kater Murr schrieb:

      wenn sich auch einiges zugespitzt hat, aufgrund neuer techn. Möglichkeiten, gab es vieles im Grunde schon seit Jahrzehnten. Es gab früher zB Funkkonzerte, die live ohne Publikum in einem Studio gespielt wurden. Mitschnitte und Übertragungen gibt es ebenfalls schon sehr lange (und auch schon lange als Tonträger neben Studioproduktionen).
      Die Funkkonzerte ohne Publikum waren ein Versuch, der meines Wissens lange vor Corona schon wieder fallengelassen wurde. Mitschnitte und Übertragungen sind etwas anderes, weil da Publikum im Saal ist und in gewisser Hinsicht auch aktiven Anteil am Geschehen hat. Den haben Stream-Zuhörer nicht. Sie können bei einer Übertragung zwar von außen auf des Geschehen blicken, oft sogar auf das im Zuschauerraum, nehmen aber selbst nicht teil. Ich halte das für einen extrem wichtigen Unterschied. Vor ein paar Tagen musste ich eine Kammermusik-Prüfung abnehmen, bei der neben den Spielern (Trio) nur vier Kommissionsmitglieder weit voneinander entfernt im rund 600 Plätze fassenden Konzertsaal saßen, dafür aber ca. 2 Meter vor der Bühne eine Kamera für das Live-Streaming auf einem Stativ thronte. Ich fand das extrem unangenehm und eigentlich unzumutbar für die Spieler (aus deren Reihen mir das später auch bestätigt wurde).
      Wäre eine solche Prüfung normalerweise ganz öffentlich mit Publikum gewesen, oder wäre nur ein kleineres Publikum aus den Reihen der Mitglieder der Hochschule o.ä. anwesend gewesen?
      Die Kamera hätte man ja vielleicht etwas diskreter oder entfernter anbringen können.
      (Ich finde es ebenfalls lächerlich, dass im ÖPNV Leute weiterhin recht dicht aufeinandersitzen dürfen, während man bei Konzerten Superspreaderevents befürchtet, mit Logik und Konsistenz kommt man in der gegenwärtigen Situation nicht weit, aber diese Diskussion sollte hier vermutlich nicht schon wieder geführt werden.)

      Diese Funkkonzerte gab es in den 50ern und 60ern, ich weiß da keine Details, nur, dass es das gab (und sie hatten oft sicher auch Publikum, nur eben typischerweise weniger Leute in einem Sendesaal als in einem Konzertsaal). Es lag mir auch ferne zu behaupten, dass das dasselbe wäre wie ein Konzert. Nur dass es schon vor Jahrzehnten etwas zwischen normalem Livekonzert (egal ob mit Übertragung) und Studioproduktion gab.
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    • zabki schrieb:

      Warum sollte also dazu sich nicht eine weitere Form entwickeln, in der ein nicht anwesendes Publikum zuhört? Das wäre eine Art Mittelding zwischen Konzert und Spielen für sich.
      Eine neue Form müsste aber gegenüber der alten doch wohl durch ihren künstlerischen Wert legitimiert werden. Worin liegt der bei den derzeitigen Streaming-Formaten? Diese werden auch ganz eindeutig nicht als "weitere" oder neue Form gedacht, beworben und durchgeführt, sondern als Ersatz für das Konzert. Man kann das meinetwegen machen (ich mache es wie gesagt bisher so gut wie nicht), aber man sollte dann doch ehrlich eingestehen, dass der künstlerische Mehrwert nicht gleich sondern unter Null ist... Das ist bei CDs/Studioproduktionen immerhin anders: Sie ermöglichen einzeln z.B. ein höheres Maß an Perfektion und insgesamt ein wesentlich besseres Kennenlernen von Werken, Kompositions- und Interpretationsstilen usw.

      Kater Murr schrieb:

      Wäre eine solche Prüfung normalerweise ganz öffentlich mit Publikum gewesen, oder wäre nur ein kleineres Publikum aus den Reihen der Mitglieder der Hochschule o.ä. anwesend gewesen?
      An unserer Hochschule sind alle künstlerischen Abschlussprüfungen (in normalen Zeiten) öffentlich mit Publikum, ebenso Vortragsabende usw..

      Kater Murr schrieb:

      Die Kamera hätte man ja vielleicht etwas diskreter oder entfernter anbringen können.
      Ja, das hat die Sache noch schlimmer gemacht. Aber die Atmosphäre im Saal war in jedem Fall bedrückend und äußerst unangenehm, nicht nur wegen der aufdringlich platzierten Kamera.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
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