Rahmenbedingungen von Aufführungen: Mit oder ohne Publikum? Die Folgen und zukünftige Entwicklungen

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • putto schrieb:

      Gurnemanzens Erklärungsmodell
      Fühle mich hier schon zum Cheftheoretiker ernannt, nur weil ich es gewagt habe, von "Schwingungen" zu sprechen.

      :D
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • putto schrieb:

      Ebenso wird der Wirtshauskonsum nicht dauerhaft vom Take-Away verdrängt. Der Konzertbesuch ist in der Regel etwas "Besonderes" wie der Wirtshausbesuch und ebenso wird Nachfrage bestehen,
      Was ja doch eigentlich genau der Punkt ist. Wenn das Streaming-Angebot alle Erwartungen des Publikums (so wie der Take-Away-Service) erfüllen würde, würde es sich 'nach' Corona mit Sicherheit bleibend durchsetzen. Aber ich gehe auch davon aus, dass das nicht passiert. Und das hat nicht mit einem vermeintlichen oberflächlichen Konzerterlebnis zu tun, mit dem Abendgarderobe-zur-Schau-tragen oder dem Star-bejubeln oder dem Abo-absitzen. Wenn das so wäre, wären Konzerte nicht überall immer wieder gut besucht.
      Zudem glaube ich, dass der Mensch, v.a. nach einem harten Arbeitstag, sehr zur Bequemlichkeit tendiert. Wäre das Streaming-Angebot so überzeugend, würde nach Corona kaum noch einer Live-Konzerte besuchen, was ich ja nun nicht annehme.
      Meine Schwester bedient sich äußerst dankbar an den Streaming-Angeboten und lechzt verzweifelt nach Bayreuth, Hamburg, Berlin, München etc. - live! Natürlich stellt sie keine repräsentative Menge da, aber ich denke schon, dass sie genau das empfindet und vermisst, was Live vor Konserve auszeichnet.
      Live ist eine Unterhaltung zwischen Menschen und nicht zwischen Mensch und Technik. Ich kenne nicht die Sicht vom Podium, nur die des Zuschauers. Aber ganz spontan habe ich seit Beginn meines Musikhörens immer Live-Aufzeichnungen bevorzugt. Ok, da geht manch Ton daneben - so what. Dafür ist die Erregung, die Spannung eine erheblich größere. Und vielleicht auch die der künstlerischen Ehrlichkeit.
      Im Konzert ist das aber noch einmal eine ganz andere Sache. Natürlich spüre. empfinde ich etwas, was mir eine technische Konserve nicht mitteilen kann. Man kann es 'Schwingungen' nennen, was ich gar nicht einmal machen würde. weil mir der Begriff zu schwach erscheint. Es sind körperlich spürbare Erregungen, es sind geradezu Ströme, die durch mich hindurchgehen, es sind Wellen, die mich hochtragen und herunterschweben lassen. Und es ist auch das Agieren oben auf dem Podium, dass mich forttreibt, fesselt, bannt.
      Ich kenne unendlich viele Aufnahmen von Aufführungen, die ich live erlebt habe und nie, wirklich nie wurde diese Aufnahme auch nur im entferntesten dem gerecht, was ich erlebt habe.
      Und natürlich gab es immer auch eine Kommunikation mit dem anderen Hörer. Es gab den Ärger und die solidarische Freude, den sprachlichen Austausch in der Pause wie auch die nonverbale Übereinstimmung während der Aufführung und es gab v.a. auch das Gefühl für die Anspannung, Hochspannung, Enttäuschung, Zufriedenheit, für das Glücksempfinden wie auch für das Unbeteiligtsein.
      Der Austausch zwischen den Hörern, zwischen Agierenden und Publikum (die andere Richtung kenne ich leider nicht) ist so unendlich reich, so vielfältig und auch so wertvoll, wenn man sie denn spüren kann. Kein technisches Medium kann das jemals ersetzen. Es bleiben Krücken. Wunderbare Krücken, wenn man die andere Möglichkeit des Live-Erlebnisses, aus welchen Gründen auch immer, nicht in Anspruch nehmen kann, aber eben immer nur Krücken.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Der Austausch zwischen den Hörern, zwischen Agierenden und Publikum (die andere Richtung kenne ich leider nicht) ist so unendlich reich, so vielfältig und auch so wertvoll, wenn man sie denn spüren kann. Kein technisches Medium kann das jemals ersetzen. Es bleiben Krücken. Wunderbare Krücken, wenn man die andere Möglichkeit des Live-Erlebnisses, aus welchen Gründen auch immer, nicht in Anspruch nehmen kann, aber eben immer nur Krücken.


      :wink: Wolfram
      Deinen Worten kann ich nur in vollem Umfang zustimmen. Bei mir ist es sogar so, dass ich - ganz unabhängig von Corona - nur noch sehr selten größere Orchesterwerke zu Hause höre, weil für mein Empfinden ein Mahler oder Bruckner einfach nicht ins Wohnzimmer passt, und ich habe bestimmt keine schlechte Anlage (nicht zu reden von Kopfhörern, denn die sind für mich das ungeeignetste Hilfsmittel überhaupt für größere Besetzungen). Bei Kammermusik kann ich mir da eher noch vorstellen, dass sozusagen bei mir im Zimmer musiziert wird und sich damit eine Art Resonanz einstellt. Aber immer ist das Live-Erlebnis im Konzertsaal unersetzlich und kann durch keine noch so perfekte CD ersetzt werden (die man vielleicht nach Durchhören von 50 verschiedenen Interpretationen gefunden hat).
      Ich fand beim ersten Lockdown vor einem Jahr die Streaming-Ideen noch relativ reizvoll, weil sie richtig spontan von einzelnen Musikern kamen und den Menschen in der plötzlichen Leere etwas vermittelten. Aber seit November schaue ich mir solche Dinge nur noch in ganz seltenen Fällen an, so wie z.B. die Initiative "Quintatön" der verschiedenen saarländischen und rheinland-pfälzischen Musikfestivals über die Ostertage, und zumeist nur dann, wenn ich die Musiker persönlich kenne und dadurch einen Bezug aufbauen kann. Ansonsten verpuffen bei mir die viel zu vielen und fast inflationären Streaming-Angebote der großen Veranstalter im Leeren.

      :wink: Stephan
      -----------------------------------------------------------------------------------------------
      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Wolfram schrieb:

      Kein technisches Medium kann das jemals ersetzen. Es bleiben Krücken.
      Nachtrag: Es würde auf OT-Gefilde führen, aber es ist meiner Meinung nach ganz generell zu hinterfragen, ob nicht viel zu viele neue CD-Aufnahmen (vor allem eben des allgemein bekannten "Klassik-Kanons") immer und immer wieder gemacht werden.
      -----------------------------------------------------------------------------------------------
      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • ChKöhn schrieb:

      Gurnemanz schrieb:

      Fühle mich hier schon zum Cheftheoretiker ernannt, nur weil ich es gewagt habe, von "Schwingungen" zu sprechen.
      Stimmt, "Gurnemanzens Erklärungsmodell" klingt so ähnlich wie "Großer Fermatscher Satz".
      Man könnte vielleicht auch vom Gurnemanzschen Oszillator sprechen:
      G+G |n> = n |n>
      -----------------------------------------------------------------------------------------------
      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • n a j a - kann mich auch an Aufführungen erinnern, während derer ich mich (minütchenweise jedenfalls) bei dem Gedanken ertappt habe, dass es doch angenehmer wäre, 'könnte ich mir das jetzt auf DVD ansehen!' ... kann mich an einen (schütter besuchten) Kasseler 'Lohengrin' erinnern, bei dem ich im Verlauf der drei Akte bald das halbe dritte Parkett habe mundtot machen dürfen! Nach der 2.Pause bevölkerten dann noch etliche nicht mehr benötigte Statisten die Reihen hinter mir - ganz offenbar im Glauben, dort einen munteren Feierabendschwatz halten zu können ;(

      Sehr selten fühle ich mich auch bei einem Live-Konzert per DVD oder yT genau so, als sei ich selbst dabei gewesen!! Mein letztes Beispiel dafür möchte ich Euch dann doch nicht vorenthalten - VOILA Cembalo-Abend mit Andreas Staier - YouTube Zwo16 in Washington, ohne nähere Angaben - aber das Programm entspricht dieser Andreas Staier - Pour passer la melancolie (CD) – jpc tracklist minus der allerletzten 'Nummer' !

      < = da kommt nun freilich allerlei positiv zusammen - (i) ein Cembalo Recital als ausgemachte Rarität (denke ich doch: selbst hatte ich ganze 2mal in über 40J. Gelegenheit, es live zu erleben!) (ii) ein spannendes, aber auch nicht zu abwechslungsreiches Programm (iii) ein wohlklingendes (u. aufnahmetechnisch 1a 'eingefangenes'!!) Instrument + (auch nicht das aller-unwichtigste!!) (iv) eine erfreulich un-ambitionierte Kameraführung :)

      Aber klar - eigentl. kreist der thread ja längst um diese Pandemie-bedingten live-streamings... Eigentl. hatte ich ja die Absicht gehabt, mich diesen sehr unvoreingenommen auszusetzen - um dann gleich (letztes '1.Mai - Konzert' des BPO) an eines zu geraten, bei dem manches nicht-positive (höflicher hab ich's nicht!) für mich derart eindringlich zusammenkam**, dass ich diese Konzertform bis hier und heute kein weiteres Mal riskiert habe!!

      ** (i) wer hatte dem guten K.Petrenko denn bloß eingeredet, dass es eine gute Idee sei, vor der Kammerversion der Mahler-Vierten (die ich noch nicht kannte) Arvo Pärts 'Tabula Rasa' - Arrangement für die '12 Cellisten der Berliner Philharmoniker' darzubieten? So sehr ich manche von Pärts A-capella-Chorkompositionen ('Magnificat-Antiphonen' / 'Nunc Dimittis') über alle Maßen schätze, so sehr zieht es mir meist die sprichwörtlichen Schuhe aus, wenn er meint, für (Kammer-)Orchester schreiben zu sollen, dieses ganz offenbar mit einem griechisch-orthodoxen Chor verwechselnd!! Dazu (ii) fröstelige Kamerafahrten kreuz u. quer durch den gähnend leeren Saal, dazu (iii) die (eigentlich ja äußerst angenehm-) unterkühlte Ausstrahlung unseres Bundespräsidenten, gegen die in aller Regel jeder mit Herz u. Verstand nicht im Ernst irgend etwas haben kann - die mir aber in diesem Falle einfach nur als trauriger i-Punkt rüberkam.....
      Das Schlimmste ist Konsequenz Bruno Maderna Fleiß ist gefährlich Henning Venske ''Inventur'' Majo ist ätzend Gus Van Sant ''Paranoid Park''
    • wes.walldorff schrieb:

      Dazu (ii) fröstelige Kamerafahrten kreuz u. quer durch den gähnend leeren Saal, dazu (iii) die (eigentlich ja äußerst angenehm-) unterkühlte Ausstrahlung unseres Bundespräsidenten, gegen die in aller Regel jeder mit Herz u. Verstand nicht im Ernst irgend etwas haben kann - die mir aber in diesem Falle einfach nur als trauriger i-Punkt rüberkam.....
      Ich fühle mich bei Video-Streams oder auch Fernsehen-Übertragungen prinzipiell gegängelt durch die Kameraführung. Ich will eigentlich selber entscheiden, wo ich hinschaue, und vor allem nicht tomatenrote Köpfe von Holzbläsern in Großaufnahme betrachten, wo man lieber den Notarzt rufen möchte wegen der Gefahr einer bevorstehenden Hirnblutung...
      Insofern bevorzuge ich, wenn es nicht live möglich ist, die bildlose Konservenmusik....

      wobei allerdings in dem von Dir geschilderten Fall des Bundespräsidenten und des leeren Saals man dies auch als bewusste Protestaktion verstehen kann, um auf die schlimme Situation hinzuweisen.
      -----------------------------------------------------------------------------------------------
      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • ChKöhn schrieb:

      Stimmt, "Gurnemanzens Erklärungsmodell" klingt so ähnlich wie "Großer Fermatscher Satz".
      Allerdings ist der "große" Satz von Fermat kein "Erklärungsmodell", sondern eine Tatsache, wie "wir" ja heute wissen. :jaja1:


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten