Erich von Stroheim - das maßlose Genie

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • Erich von Stroheim - das maßlose Genie

      Erich von Stroheim *1885 in Wien - +1957 bei Paris.

      Stroheim wurde hier ja schon an verschiedenen Orten erwähnt, aber einen eigentlichen Thread zu ihm gibt es noch nicht, was dringend geändert werden muss. Der Faden könnte übrigens auch 'das zerstörte Genie' oder 'ein Monstrum' heißen, aber beides ist ja schon vergeben. Also 'Erich von Stroheim - das maßlose Genie'.

      Denn genau das war er, genau das ist eigentlich die Grundbedingung für seine genialen Filmwerke und genau das hat ihn auch künstlerisch fertiggemacht.

      Stroheim kam sehr früh in Hollywood mit dem Film in Berührung, fing als Statist und Stuntman bei Griffith an ('Birth of a Nation', 'Intollerance'), gewinnt als Schauspieler in Kriegszeiten ganz schnell an Popularität ('The Man You Love to Hate') und kann dann ab 1919 eigene Filme drehen. Insgesamt dreht er 11 Filme in Hollywood, von denen zwei verschollen bzw. zerstört sind und nur einer (!) eine geringfügige Veränderung durch den Produzenten, das Studio erfahren hat.

      Stroheim beginnt 1919 mit 'Blind Husbands', ein Titel, der auf Carl Laemmle zurückgeht. Der Film war eine großer kommerzieller Erfolg, was ihm ermöglichte, weitere Projekte zu beginnen.



      Sein nächster Film 'The Devil's Passkey' gilt als zerstört.

      Aber schon mit 'Foolish Wives' (1922) begann der Ärger.



      Der erste US-Film, der mehr als eine Million Dollar verschlang und nicht, weil es so geplant war, sondern weil Stroheim das Budget und die Produktionszeit immer wieder maßlos überzog. Am Ende hatte er für mehrere Stunden Film Material zur Verfügung, aber zum eigenen Schnitt, auch weil er selber nicht dazu in der Lage war, sich nie entscheiden konnte, kam es nicht mehr. Die Verantwortung für die endgültige Fassung wurde ihm aus der Hand genommen. Heute liegt der Film in einer 122- und einer 142-minütigen Fassung vor. Beide geben aber wohl nur eine Ahnung wieder von dem, was Stroheim eigentlich beabsichtigte.

      Und so ging es weiter. 'Merry-Go-Round' wurde ihm ganz schnell vom Produzenten Irving Thalberg aus der Hand genommen und Ruper Julian übertragen,



      'Greed' von mehr als 8 auf 2,5 Stunden zusammengeschnitten,



      'The Merry Widow' hemmungslos zusammengeschnitten,



      die Dreharbeiten zu 'The Weddingmarsh' vorzeitig abgebrochen (der 2. Teil 'The Honeymoon' ist verschollen) und hoffnungslos zusammengestrichen und -geschnitten,

      (als Film nur auf YT erhältlich)

      und 'Queen Kelly' vorzeitig durch den Star Gloria Swanson und ihren Geldgeber (und Geliebten) Joseph P. Kennedy beendet.



      'The Great Gabbo' ist dann noch ein fahler Abglanz. Stroheim führte Co-Regie, wobei sein Anteil nicht klar ist und 'Walking Down Broadway' wurde ihm erneut entzogen und durch andere Regisseure vollendet, umgestellt, verändert.

      Danach, mit einer Ausnahme 1946 in Frankreich (Co-Regie), trat von Stroheim nur noch als Schauspieler in Filmen auf.

      Also ein Regisseur, der v.a. durch angefangene Produkte auffällt. Warum noch heute über ihn reden? Eben, weil er ein GENIE war! ^^ Und dabei geht es nicht um seine Drehweise. Der Kaviar musste natürlich echt sein ebenso wie der Champagner. Die Orgien in 'Merry Widow' wurden hinter geschlossenen Türen gedreht, weil echte Huren auf dem Set ihrem Beruf nachgingen, die Bauten z.B. für 'Foolish Wives', also das Zentrum von Monte Carlo, wurden original auf dem Studiogelände nachgebaut, in 'Wedding Marsh' wurde ein Baum mit hunderten von Wachsblüten beklebt und so weiter und so fort. Die Extravaganzen und Verschwendungen, die Maßlosigkeit am Set, all das ist legendär. Auch die Überlänge seiner Filme, wenn er denn einmal zum Schnitt kam. Alles war monströs, überdimensional, halt hemmungslos und maßlos.

      Nein, es ist das Sittengemälde, das er erschaffen und die Art und Weise, wie er es auf die Leinwand gebracht hat. Stroheims großes Thema ist, mit einer Ausnahme, das K.u.K.-Reich, die Dekadenz, der Verfall des Adels, einer ganzen Gesellschaft, einer Ära. 'Greed' ist die große Ausnahme, vielleicht überhaupt sein Meisterwerk, so weit man es aufgrund der vergewaltigten Fassung, die uns Hollywood hinterlassen hat, noch beurteilen kann. 'Greed' ist eine reine Sozial- und Menschenstudie und das in einer solch intensiven Weise, dass es einen, auch in der jetzt vorhanden mehrstündigen Langfassung, den Atem raubt.

      Aber auch 'Greed' fügt sich in das Oeuvre ein. Stroheim war ein hemmungsloser, ein maßloser Realist. Alles, wirklich jedes kleinste Detail (hin zur seidenen Unterwäsche der Soldaten, also der Statisten) musste stimmen. Endlose Probe- und Drehzeiten, bis seine Vorstellung der Realität stimmig war, seine Vorstellung des alten Österreichs, das er aber nur bis 1909 selber kannte. Alles ist real, es wirkt real, es scheint real zu sein. Und ist trotzdem Imagination, ist Film, ist künstlich. Das scheint immer wieder überall durch (mit der Ausnahme von 'Greed'). Und in diese scheinbar reale Welt, in diese realistisch-künstliche Welt platzierte er nun seine Geschichten. Und diese Geschichte erzählen immer von den wirklichen Abgründen im Menschsein, von all den Verfehlungen, Perversion, Leidenschaften, Sadismen, Masochismen, Quälereien, von der Erotik, vom Sex, von Gewalt. Plötzlich bricht in seinen Filmen, also in diese Pseudo-Realität, das wahre, wirkliche Leben hinein. Und das dann wirklich mit doppelter Wucht!

      Stroheim war ein ganz früher Analytiker des Menschen im Film, hatte absolut keine Scheu, tobte sich geradezu lustvoll aus. Natürlich ging das gar nicht im amerikanischen Film. Natürlich war seine Maßlosigkeit beim Drehen nicht tragbar. Aber die Deutlichkeit seiner Aussage hätte ihm eh das Genick gebrochen. Die Zeit war noch lange nicht reif für ihn, für einen Stroheim.

      Wie setzte er nun seine Gedanken, Ideen, Aussagen filmisch um? Stroheim hatte bei 'Birth of a Nation' offensichtlich sehr genau zugeschaut. Schon sehr früh nutzte er alle Möglichkeiten der Montage (durchaus diffizil zu beurteilen, da er selten den endgültigen Schnitt überwachen konnte), positionierte die Kamera nicht nur so, als würde sie einen Bühnenraum abfilmen. Grundsätzlich war er aber eher jemand, der eher vor als mit der Kamera arbeitete. Die 'entfesselte Kamera', wie sie der deutsche Stummfilm entwickelte, lag ihm nicht so. Seine penibel ausgestatteten Tableaus wollte er auch zeigen. Trotzdem hatte er immer den richtigen Blick, arrangierte die Bilder genau richtig, ließ die Kamera los, wenn es die dramatische Situation verlangte.

      Aber es ist wohl wirklich der Inhalt, der seine Filme, all diese zerstörten Illusionen, heute noch so sehenswert machen. Dieser Kontrast oder eben auch das Zusammenspiel von Künstlichkeit im Realen und bürgerlichen Verlogenheit.

      :wink: Wolfram
    • Sämtliche Filme Stroheims als Regisseur hier genauer vorzustellen, dürfte rein quantitativ (leider) nicht das Problem darstellen. So fange ich heute einmal mit 'Foolish Wives' von 1922 an.



      'Blind Husbands' (1919) war ein gigantischer Box-Office-Erfolg in den USA, was auch noch für 'The Devil's Passkey' (1920 - verschollen) galt. Von daher bekam er vom Universal-Chef Carl Laemmle für seinen nächsten Film ziemlich unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Etwas, was das Studio und v.a. sein Studiochef Irving Thalberg sehr schnell bedauerten. Also wurde Stroheim zunächst bekniet und dann mit Anweisungen überhäuft, die er aber alle ignorierte. Ihn zu feuern war nicht möglich, da er auch Hauptdarsteller war. Das gesamte bis dahin gedrehte Material wäre nutzlos gewesen. Dem Studio blieb dann zunächst nur übrig, gute Miene zum hemmungslosen Spiel zu machen und mit den laufenden Kosten Werbung zu machen. 'Foolish Wives' wurde so der erste Film, der die Universal mehr als eine Million Dollar kostete.

      Stroheim war wohl nicht zu bremsen. Er ließ für wenige Szenen das Zentrum von Monte Carlo mit dem Casino, dem Hotel de Paris und anderen Gebäuden auf dem Studiogelände originalgetreu nachbauen. Und originalgetreu meint genau das. Als eine Klingel in der Portiersloge des Hotel de Paris nicht funktionierte (noch einmal zur Erinnerung - es handelt sich um einen Stummfilm! ^^ ), weigerte er sich bis zur Reparatur die Dreharbeiten an dem Tag zu beginnen.

      Stroheim drehte und drehte und drehte und hatte irgendwann Material für Zig-Stunden Film. Aber er schaffte es dann auch nicht, dieses Material in irgendeiner Form zu einem Film mit relativ normaler Länge zusammenzuschneiden, so dass das Studio ihn irgendwann vor die Tür setzte und einen endgültigen Schnitt anfertigte, der dann in die Kinos kam.

      Woraufhin der nächste Sturm losbrach. Frivol, unmoralisch, pervers - you name it. :) Konservative und sittenstrenge Kreise liefen Sturm gegen den Film und erwirkten teilweise auch Verbote.

      Aus dem ganzen Material, das nach heutigem Wissensstand überlebt hat, wurde nun eine 142-minütige Fassung zusammengestellt, die sich wohl v.a. am Schnitt von Arthur Ripley orientiert, so dass die Intentionen Stroheims dabei wohl ziemlich außen vor bleiben.

      In 'Foolish Wives' geht es um eine Bande von Hochstaplern, die sich in Monaco als russische Adelige ausgeben und schlichtweg zu Geld kommen wollen. Dabei gibt es quasi keine Tabus, weder im Kriminellen noch im Sexuell-Erotischen. Selbst in dieser 'kastrierten' Form wird es klar, dass der Film für einen sittenstrengen US-Amerikaner eine ziemliche Herausforderung war. Sergius (Stroheim) kennt keinerlei moralische Bedenken und das wird auch ziemlich deutlich gezeigt. Man hätte auf das Lotterleben des 'alten Europas' verweisen können, aber für die USA war damals wohl schon die schlichte Idee, was alles im menschlichen Zusammenleben möglich ist, zu viel. Übrigens ist Stroheim in diesem Film durchaus auch sehr politisch. Immer wieder werden Krieg spielende Kinder gezeigt, Verwundete und Krüppel des I. WK. als Kontrast zu der hemmungslos sich auslebenden High Society. Was in den USA übrigens auch nicht so gut ankam.

      Die 142-Minuten-Fassung ist, was die Bildqualität angeht, wahrlich kein Highlight. Die einzelnen Szenen sind von denkbar unterschiedlichster Qualität und zudem ist der gesamte Film digital nicht restauriert worden. Und trotzdem bietet er zwei Stunden lang furioses Kino. Wie Stroheim einzelne Szene anlegt, wie er Kamerapositionen festlegt, wie er überhaupt die Kamera (Ben Reynolds, William Daniels) bewegt, wie er die Schauspieler führt, mit welchem sadistischen Charme er selber sich durch den Film bewegt, wie er die Schauplätze integriert usw. - das ist meisterhaft und sichert ihm wirklich einen besonderen Platz auf dem Olymp der Regisseure. Und es war erst sein dritter Film!

      Der Schnitt ist ebenso furios, aber der stammt ja nun nicht von ihm. Niemand kann sagen, was er selber daraus gemacht hätte, bzw., ja auch in seiner mehrstündigen Fassung daraus gemacht hat.

      'Foolish Wives', so wie wir ihn heute sehen können, ist zunächst ein Porträt einer untergegangenen Adelswelt. Aber er zeichnet eben auch ein Bild des Menschen jenseits der Historie. Und das auf eine filmisch unglaublich spannende und packende Weise. Mit einem Wort - ein Hammer! ;)

      :wink: Wolfram