Der musikalische Salon des 19. Jahrhunderts

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    • Felix Meritis schrieb:

      Zu Chopin: natürlich hat seine Musik auch Noblesse, aber warum sie darauf reduzieren?
      solche Versuche, einer Musik einen Sozialcharakter zuzuschreiben, habe ich eigentlich immer so verstanden, daß man eine Art Grundzug der Musik beschreiben will, nicht, daß man die Musik darauf reduzieren will.

      Bei Beethoven wäre das vielleicht, der "Menschheitsbezug", der z.B. das Unwirsche mit umfaßt, aber auch den Einsamen, der im innigen Gesang bei sich selbst ist.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • philmus schrieb:

      unbedingt. Aber glaub mir, nachdem ich nun doch schon ein paar Mal als leicht angefreakter Musikbeitrag gebucht wurde: Man muss sich so einen Künstler auch leisten können. Und wenn er Spaß dran hat, also außer Können noch Freude mitbringt, wirds nicht billiger. Natürlich gibts auch Leute aus "einfacheren" Schichten, die sich mal eine Live-Musik leisten, aber im Großen und Ganzen hat man es mit nicht ganz Armen zu tun. Um mal die Kurve zu etwas Salonartigem zu kriegen: im Konzert teilt sich das durch viele Leute, wird also für den einzelnen Erschwinglicher, während es bei eher privaten Zusammenkünften eben meistens ein Gastgeber ist, der zahlt. Oder sich anderweitig erkenntlich zeigt, weiß ja nicht, wie das zu Chopins Zeiten so lief, aber ganz für Umme oder "für Spass" wirds nicht gewesen sein. hoffentlich.
      Das ist schon klar, umsonst ist der Tod. Mir ging es aber eher darum, was die Leute hören wollen. Meistens wollen sie wohl tanzen, egal ob reich oder arm. Die wenigsten wollen Musik als existenzielle Offenbarung erleben - egal um welche Gesellschaftsschicht es sich handelt. Und was man als schön empfindet, ist dann wieder ein anderes Fass. Ich finde z.B. das meiste von Beethoven auch wirklich "schön", einiges aus dem Spätwerk nicht. Aber reicht das, um Beethoven als Chopins Gegenstück zu sehen? Ich finde nicht.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Die wenigsten wollen Musik als existenzielle Offenbarung erleben - egal um welche Gesellschaftsschicht es sich handelt.
      da bin ich mir eben - anders als Rosamunde - nicht so sicher, ob es nicht gerade in nicht so großen Gesellschaften doch Konstellationen gab, wo wirklich bewegende Musik eben doch geschätzt wurde.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Ich hatte in einem vorherigen Beitrag schon Salons von Künstlerkreisen unterschieden. Aber selbst in den Zweiten kann man Unverständnis ernten, etwa Schubert mit seiner Winterreise.
      Einen typischen Salon hatten die Eltern Mendelssohns, auch um ihre Kinder zu pushen, aber nicht nur. Gerade der Vater war ein ewig besserwisserischer Laie, der für Chopins wilde Experimente sicher kein Verständnis gehabt hätte. Felix musste seine beiden Streichquartette op. 12 und 13 entschieden vor dem Vater verteidigen, der mit solch leidenschaftlicher Musik nichts anzufangen wusste. Mendelssohn hat sich sein ganzes Leben in solchen Salons, parlours, drawing rooms - was weiß ich - rumgetrieben und der bürgerlichen Ästhetik tatsächlich ausgiebig gefrönt. Öfter als Chopin, aber natürlich auch nicht immer.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Melione schrieb:

      Gibt es Salons eigentlich auch heute noch, oder sind die komplett ausgestorben? Wenn ja, wann?
      Vermutlich schon, aber wohl nur im kleinen Kreise. Meine Frau waren mit einer vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen alten Dame befreundet, die ab und zu musikalische Abende veranstaltete - das hatte schon etwas von dem traditionellen Saloncharakter aus der Zeit der Monarchie. Natürlich hörte man da junge Nachwuchskünstler oder Leute, die zwischen ambitioniertem Amateur und Profi einzuordnen wären, keine großen Namen. Aber das Niveau war oft mehr als beachtlich. War auch nur möglich, weil die Wohnung relativ groß war und die Nachbarn entweder verständnisvoll oder abwesend.

      :wink:
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Melione schrieb:

      Gibt es Salons eigentlich auch heute noch
      In Bereich der Malerei und der damit verbundenen Künste schon.
      Ein mit uns befreundetes Paar betreibt sehr engagiert einen Kunstsalon, wo Avantgarde aus- und vorgestellt= diskutiert wird.
      Da mir das meist am A... vorbei geht, bin ich selten dabei, aber 20 - 30 Leute finden sich immer ein.
      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.
    • Such dir einen Kreis von Musikfreunden als Träger der Aktivitäten, dazu Amateurmusiker, die Auftrittsmöglichkeiten suchen, oder Musikhochschulschüler oder dergleichen, und dann einen Auftrittsort zb. in einer größeren Stadtvilla. Wenn niemandem eine gehört kann man sich eventuell noch eine mieten. Jetzt machst du ein einigermaßen zuverlässiges Programm und sprichst mit dem zuständigen Redakteur deines Lokalblatts. Wenn dem die Darbietungen gefallen ist der Start gelungen. Das ganze nennst du dann musikalischer Salon und sorgst eventuell durch ungezwungene geistreiche Gespräche dafür, das sich die Gäste zwischen den Darbietungen gut unterhalten fühlen. Kann eigentlich nicht schief gehen... :)
    • lothar schrieb:

      Je anspruchsvoller die Kunst, desto anspruchsvoller
      Genau. Früher gingen wir auf ne Vernissage: "Bilder gucken, sauren Wein trinken" Das geht nun nicht mehr gut, jetzt muss das Getränk schon besser sein.
      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.