August Halms Musik/Kunstverständnis und sein Beethoven und Brucknerbild

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    • August Halms Musik/Kunstverständnis und sein Beethoven und Brucknerbild

      als totaler musikalischer Laie, ja musikalisch völlig theorielos erzogener Mensch - aber leidenschaftlicher Beethoven und Musikfan - wage ich mich dennoch immer wieder auf das Feld der Musikwissenschaft und bin so jetzt auf das Beethovenbuch von August Halm gestoßen, das ich unheimlich spannend und interessant finde, obwohl ich manches hörend kaum nachvollziehen kann, da ich nie Musikunterricht hatte und nie ein Instrument gelernt habe nicht einmal singen. Mich wundert, dass ich noch nie auf eine Diskussion des Halmschen Beethoven- und Musik/Kunstverständnisses gestoßen bin. Kennt jemand von Euch das Buch oder zumindest Halms Überlegungen? Vielleich ist er ja bei Brucknerfans bekannter in der Beethovenliteratur bin ich kaum auf Erläuterungen zu Halm gestoßen, selbst im Beethovenlexikon und Handbuch etc wird nicht einmal der Name erwähnt, auch in Revolution im Konzertsaal finde ich ihn nicht, nur Geck bringt ein Zitat von ihm, aber nicht aus dem Beethoven-Buch. Hat jemand von Euch, die ihr ja meist auch Musikpraktiker seid, etwas interessante oder eine dezidierte Meinung zu sagen? Es würde mich sehr interessieren
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Bei August Halm fühle ich mich ganz stark angesprochen.

      Leider kann ich hier kaum was beitragen, schon weil mir die Bücher von Halm z.Zt. nicht zugänglich sind.

      Ersatzweise zitiere ich mal einen Großteil eines Beitrags von mir aus dem von Gurnemanz verlinkten Faden:

      zabki schrieb:

      Halm unterscheidet "zwei Kulturen der Musik" (entsprechend dem Titel eines anderen Buches von H.) Das eine ist die Kultur der Fuge, die themenbezogene Musik Bachs, das andere ist die Kultur der Sonate, die Musik "der Zeiten und Verwandlungen" Beethovens. In Bruckner sind diese beiden Kulturen zur Synthese gekommen. Halms [Bruckner-]Buch ist weder als Gesamtdarstellung, noch als Einführung gedacht. Wie der Titel ("Die Symphonie...") schon zum Ausdruck bringt, beschreibt Halm einen Idealtypus von Bruckners Sinfonien. Keine wird auch nur annähernd vollständig behandelt, das Buch gliedert sich nach den "Satztypen". In modernerer Sprache könnte der Titel lauten "Der Formbegriff von Bruckners Sinfonik". Als solches ist es bahnbrechend und nicht zu überschätzen - eine bisher unbekannte Art, musikalische Form als Prozess (und zwar nicht unbedingt als Prozess thematischer Arbeit) zu beschreiben.

      ein paar weitere Bemerkungen hoffentlich morgen.

      Eine gute Halm-Einführung bieten die Artikel aus beiden Auflagen der MGG.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Der Thread gibt mir Gelegenheit, noch einmal auf August Halms eigene A-Dur-Sinfonie (die ja wahrscheinlich auch etwas über das Musikverständnis ihres Schöpfers aussagt ;) ) hinzuweisen:



      Nachdem ich das stark lyrisch intendierte Werk hier im Forum vor Jahren schon mal empfohlen hatte, gab es einen brüsk ablehnenden (meines Erachtens von völligem Unverständnis geprägten) Kommentar eines enttäuschten Users. Ich habe die Sinfonie neulich wieder (sicher zum fünfzehnten Mal) gehört und halte sie nach wie vor für eine ausgesprochen inspirierte und daher zu Unrecht fast komplett vergessene Komposition, die man nicht nur, wenn man sich für Halms Schriften interessiert, kennen lernen sollte.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Nachdem ich das stark lyrisch intendierte Werk hier im Forum vor Jahren schon mal empfohlen hatte,
      ja schade, ich würde mich gern weiter mit dem Werk auseinander setzen, das so ohne alle gängigen Reize auskommt.

      geht leider zur Zt. nicht.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • zabki schrieb:

      ein paar weitere Bemerkungen hoffentlich morgen.
      an August Halm kann u.a. befremden, daß er in den 3 Hauptbüchern "Von zwei Kulturen", Bruckner-Buch, Beethoven Buch so kraß auf die drei Himalaya-Gipfel Bach, Beethoven, Bruckner fixiert erscheint, als ob alles andere nicht wirklich zählen würde.

      Das hängt eben mit seiner Geschichtskonstruktion zusammen, die ich dennoch höchst lehrreich finde.

      dazu scheint er in den beiden früheren Büchern auch Beethoven z.Teil gar nicht gerecht zu werden. Halm hat was gegen die oratorische, "überwältigende" Art Musik, wie sie mit Beethoven in die Welt gekommen ist. Dann findet sich aber auch ganz Hervorragendes zu Beethoven, im Bruckner-Buch z.B. eine Analyse von op. 2/1,I, in der man m.E. meisterhaft vorgeführt bekommt, was "Form als Prozess" sein kann. Und im Beethoven Buch revidiert er z.T. oder er erläutert frühere Äußerungen.

      auch seine Dreigipfel-Fixierung wird in anderen Schriften relativiert. so findet sich in "Von Grenzen und Ländern der Musik" m.E. Schönes u.a. zu den Trojanern (1916!) und Wagner.

      der atonalen Musik gegenüber stand Halm distanziert, aber ohne Gehässigkeit.
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • arundo donax schrieb:

      Der Thread gibt mir Gelegenheit, noch einmal auf August Halms eigene A-Dur-Sinfonie (die ja wahrscheinlich auch etwas über das Musikverständnis ihres Schöpfers aussagt ) hinzuweisen:



      Nachdem ich das stark lyrisch intendierte Werk hier im Forum vor Jahren schon mal empfohlen hatte, gab es einen brüsk ablehnenden (meines Erachtens von völligem Unverständnis geprägten) Kommentar eines enttäuschten Users. Ich habe die Sinfonie neulich wieder (sicher zum fünfzehnten Mal) gehört und halte sie nach wie vor für eine ausgesprochen inspirierte und daher zu Unrecht fast komplett vergessene Komposition, die man nicht nur, wenn man sich für Halms Schriften interessiert, kennen lernen sollte.
      Ich gehöre zu den Sympathisanten dieses Werkes und damit dieses Komponisten. Durch die CD angeregt, wusste ich auch um die Beschäftigung mit Beethoven und Bruckner. Leider sind die Bücher nicht mehr verfügbar. Sie waren wohl mit noch einer Veröffentlichung eines anderen Autors die frühesten Schriften zum Schaffen Bruckners, hier wohl besonders fundiert noch dazu.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Leider sind die Bücher nicht mehr verfügbar.

      über eurobuch antiqu. relativ billig (ca. 12.--):

      Zwei Kulturen, Bruckner-Buch

      mittel:

      Von Grenzen und Ländern der Musik

      relativ teuer (20.-- +):

      Beethoven-Buch

      der Wiki-Artikel enth. bei sehr magerem Haupttext gute Bibliographie, mit Links zu online zugänglichen Schriften von H., u.a. das frühe Büchlein "Harmonielehre".

      In dem Aufsatz "Über den Wert der Brucknerschen Musik", der schon zeigt, worauf es Halm ankommt, äußert er die Hoffnung, Bruckner könne "schulbildend" sein. Das hat er später verworfen.

      digizeitschriften.de/dms/img/?…013&physid=PHYS_0027#navi
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    • arundo donax schrieb:

      Der Thread gibt mir Gelegenheit, noch einmal auf August Halms eigene A-Dur-Sinfonie (die ja wahrscheinlich auch etwas über das Musikverständnis ihres Schöpfers aussagt ;) ) hinzuweisen:



      Nachdem ich das stark lyrisch intendierte Werk hier im Forum vor Jahren schon mal empfohlen hatte, gab es einen brüsk ablehnenden (meines Erachtens von völligem Unverständnis geprägten) Kommentar eines enttäuschten Users. Ich habe die Sinfonie neulich wieder (sicher zum fünfzehnten Mal) gehört und halte sie nach wie vor für eine ausgesprochen inspirierte und daher zu Unrecht fast komplett vergessene Komposition, die man nicht nur, wenn man sich für Halms Schriften interessiert, kennen lernen sollte.

      Herzliche Grüße

      Bernd
      Nun habe ich mir diese Sinfonie auch mal angehört und stelle fest: gefällt mir richtig gut 8o

      Der erste Satz weckt Assoziationen zu Humperdinck und Tschaikowsky und das Adagio ist wunderschön lyrisch. Auch die Instrumentierung (schön viel Holz :D ) gefällt mir sehr.
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • ich sehe, daß z.Zt. die Aufsatzsammlung

      Halm, August:
      Von Form und Sinn der Musik. Gesammelte Aufsätze. Mit einem einführenden Essay herausgegeben von Siegfried Schmalzriedt.


      über eurobuch/booklooker für 15.-- Eur zu haben ist. Lange war das Buch eine richtige Rarität.
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • Hier noch ein m.E. schöner Aufsatz von Halm online:

      "Über den Wert musikalischer Analysen," in; Die Musik xxi (1928-9)

      I. Der Fremdkörper im ersten Satz der Eroika (S. 481-484)

      II. Die fausse reprise im ersten Satz der dritten Sinfonie von Anton Bruckner (S. 591-595)
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • Halms "Einführung in die Musik" ist ein ungewöhnliches Buch, das von der Erörterung elementarer musikalischer Phänomene bis zu zu subtilen analytischen Vergleichen von Fugenschlüssen des WTK reicht.

      hier online zu lesen, download anscheinen nicht mögl.:

      daten.digitale-sammlungen.de/~db/0013/bsb00130789/images/
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    • "Die Symphonie Anton Bruckners" ist hier:

      mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00128938-1

      und "Von zwei Kulturen der Musik" hier:

      mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00134081-1

      zu lesen, leider ohne download.

      Das sind wohl die beiden einflußreichsten Schriften von Halm.

      Eine teilweise religiöse Färbung der Sprache im Brucknerbuch hat Halm später bedauert.
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    • Ich habe den August Halm Artikel in wikip. weiter stark bearbeitet, insb. Links überarbeitet,
      sollten jetzt funktionieren. Habe auch den Haupttext weitgehend neu verfaßt.
      Es gibt tatsächlich überraschend viele Schriften von Halm im Netz, die einzige größere Lücke von dem zu Lebzeiten Halm erschienenen Sachen dürfte das späte Beethoven-Büchlein sein.

      viele Änderungen sind aber noch nicht freigeschaltet (gesichtet). Ob das ein berechtigter Capriccio-Wiki-Mitarbeiter gelegentlich nochmal machen könnte? - wäre sehr sehr nett!

      herzlichen Dank!
      ---
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    • ich wollte mich nochmal melden wegen des Wikip-Artikels August Halm, dessen Bearbeitung ich jetzt vorläufig abgeschlossen habe..

      Die Bibliographie sollte eine ganze Menge Gelegenheit zu intensiver Halm-online-Lektüre liefern.

      der Haupttext - na ja, kann zur Zeit nichts besseres abliefern.
      ;)
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