GIBBONS, LOCKE, SHIRLEY: Cupid and Death

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    • GIBBONS, LOCKE, SHIRLEY: Cupid and Death

      „O my apes! The darlings of my heart…“ oder Folgen fiesen Pfuschens: die Masque „Venus and Adonis“ von Christopher Gibbons und Matthew Locke auf ein Libretto von James Shirley

      Entstehung und Hintergrund

      Im März 1653 besuchte der Gesandte Portugals, der Graf von Peneguaiõ, England. Portugal gehörte zu den ersten Nationen, die nach dem englischen Bürgerkrieg und der Enthauptung Charles I. den „Commonwealth of England“ unter der Führung seines Lordprotectors Oliver Cromwell offiziell anerkannt hatten. Zu seinen Ehren entschied man, dass am 26. März 1653 eine Aufführung von John Shirleys Masque „Cupid and Death“ stattfinden sollte.

      Diese war vermutlich zu einem früheren, privaten Anlass entstanden, eventuell – wie einige andere auch – für die Schule in Whitefriars, an der Shirley nach 1644 unterrichtete. Zuvor war Shirley ein bekannter Schriftsteller am Stuart-Hof gewesen. Er hatte beispielsweise das Libretto für die überdurchschnittlich aufwändige Court masque „The Triumph of Peace“ beschrieben, deren Aufführung die enorme Summen verschlungen hatte. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Irland von 1636 bis 1640 und einem Intermezzo im Haushalt des Earl of Newcastle, mit dem er im Bürgerkrieg auf der Seite der Royalisten kämpfte, war er nach London zurückgekehrt. Schon in den 1620ern hatte er in St. Albans den Lehrerberuf ausgeübt. Daran knüpfte er nun, da seine Karriere als Bühnenschriftsteller für den Hof des Hauses Stuart beendet war, wieder an. Offensichtlich ließ ihn Cromwells Regime im Anschluss weitgehend in Ruhe. Shirley – dies ließ er entsprechend verlauten – verneinte, dass er versucht habe, die Masque am republikanischen Hof (ein Paradoxon übrigens) unterzubringen und „wie diese Vergnügung am 26.03.1653 den Weg vom Klassenzimmer zum ‚Hof‘ gefunden hat ist nicht bekannt. Doch damit das Skript gefunden werden konnte, muss jemand wenigstens von seiner Existenz oder früheren Aufführungen gewusst haben.“[1]

      Für diese Aufführung der Masque hat vermutlich Christopher Gibbons, der Sohn des großen Orlando Gibbons, die Musik komponiert.[2] Wie viel davon, ist allerdings nicht genau bekannt. Die Quelle, die zur Musik vorliegt, ist das Partitur-Autograph Matthew Lockes („The Instrumental and Vocal Music in the Moral Representations at the Military Ground in Leicester Fields“), das für eine Aufführung im Jahre 1659 entstanden ist. Die jeweiligen Anteile lassen sich nicht ganz genau identifizieren. Sicher ist jedoch, dass Lockes Partitur „gegenüber der älteren Version sicherlich zusätzliche Instrumentalmusik enthält und es ist vollkommen klar, dass die letzten beiden Auftritte – von den wenigen gesprochenen Zeilen des Dieners einmal abgesehen – fast vollkommen als Rezitativ gesungen wurden.“[3] Dieses Rezitativ Merkurs stammt aus Lockes Feder und gehört „zu den besten englischen Rezitativkompositionen, die je geschrieben wurden; […].“[4]

      Vollkommen verloren sind leider die Choreographien, für die der berühmte Tanzmeister Luke Channen (oder Channell) verantwortlich war.

      Inhalt

      James Shirleys lehrhaft-derbes und durchweg komisches Libretto lehnt sich locker an zwei Fabeln Äsops an, und zwar an „Cupido und der Tod“ und „Cupido, der Tod und Fama“. Der Inhalt der Geschichte, die Shirley von hier ausgehend ersonnen hat, ist leicht und schnell erzählt.

      Die erste Szene spielt in einem Gasthaus. Hier bereiten sich der Wirt und sein Diener auf die Ankunft der beiden unsterblichen Gäste Cupido und Tod vor, die dort die Nacht verbringen wollen. Nachdem die beiden mitsamt ihrem Gefolge angekommen sind, ist es die Aufgabe des Dieners, ihnen aufzuwarten. Dies macht ihm wenig Freude. Schließlich beschließt er, sich an beiden zu rächen: am Tod, weil er immer nur Ärger macht, an Cupido, weil er ihm einst eine „hard-hearted baggage“ – eine hartherzige Tasche – gesandt hat. Es ist klar: er spricht von seiner Gattin.[5] Als Streich tauscht er die Pfeile, die beide mit sich tragen, sodass fortan jene, die der Pfeil Cupidos trifft, sterben und jene, die der Tod trifft, wieder aufblühen. Dieses eigenartige Geschehen nun beobachtet Mutter Natur, die vor lauter Verzweiflung über die widernatürlichen Ereignisse in einem tiefen Schlaf fällt. Der Diener tritt auf. Er hat unterdessen das Gewerbe gewechselt, weil er befürchtete, er könne aufgrund seiner Schandtat von Cupido und dem Tod verfolgt und im Gasthaus gefunden. Nun ist er stolzer Besitzer zweier Affen, die er gegen klingende Münze Kunststücke vorführen lässt. Plötzlich erscheint der Tod und trifft ihn mit einem Pfeil. Liebestrunken wendet sich der Diener nun den Affen zu, die ihm aber von einem Satyr abspenstig gemacht werden. Daraufhin verlässt der gramgebeugte Diener die Szene, um sich zu erhängen. Merkur, den Mutter Natur noch vor ihrem Einschlafen zu Hilfe gerufen hatte, steigt hernieder und macht dem Chaos ein Ende. Mutter Natur erwacht. Tod und Cupido erhalten die richtigen Waffen zurück. Obwohl nun die Ordnung wiederhergestellt ist, ist Mutter Natur doch bedrückt. Sie trauert um die aufgrund des üblen Streiches verstorbenen Liebenden. Daraufhin führt sie Merkur ins Elysium, wo sie die toten Liebenden glücklich vereint sieht. Es tanzen alle den „Grand Dance“ und die Masque findet ihr versöhnliches Ende.

      Einspielung



      Anthony Rooley (1983): Andrew King (Chamberlain), David Thomas (Host, Mercury), Poppy Holden (Cupido), Joseph Cornwell (Death), Emma Kirkby (Nature), Cathy Cass (Despair); in den Songs: Evelyn Tubb (Sopran), Mary Nichols (Alt), Richard Wistreich (Bass), Susan Carpenter Jacobs (Violine), Sharon Liondo (Violine), Alison Crum (Bassgambe), Alan Wilson (Cembalo, Orgel), Jakob Lindberg (Theorbe), Athony Rooley (Laute) [alle als TheConsort of Musicke]. Spielzeit: 89:37 Minuten.

      Die einzige Aufnahme des Werkes ist zwar mittlerweile auch schon fast 40 Jahre alt, hat ihren Charme – wie ich meine – nicht verloren. Die Besetzung präsentiert eine Reihe von exzeptionellen Musikerinnen und Musikern der historisierenden Musikbewegung in England. Über die Künste von Emma Kirkby, David Thomas und Anthony Rooley muss ich sicher keine Worte verlieren. Aber auch alle anderen Mitwirkenden – insbesondere auch die schlichtweg hervorragenden Instrumentalisten – tragen intensiv dazu bei, dass diese Darstellung des Werkes sehr wohl vollfarbig, ab und an auch mal saftig, nie jedoch überzeichnet, sondern eben immer auch „charming“ ist. Manch einem mag das vielleicht zu sehr nach britischem Understatement klingen, besonders aus heutiger Perspektive, wo Inszenierungen ab und an gerne etwas knalliger und Charakterzeichnungen etwas exaltierter daherkommen. Meinen unmaßgeblichen Geschmack trifft’s.

      Die eigentlich zentrale Rolle in „Cupid and Death ist übrigens nicht Cupid. Und Death ist es auch nicht. Die zentrale Gestalt ist der Chamberlain – der Diener also. Und den zeichnet Andrew King wirklich in jeder Hinsicht hervorragend. Er ist – wie auch der Wirt (wunderbar zum Leben erweckt von David Thomas) – eine Figur aus einer anderen Zeit. Im elisabethanischen Drama hätte man diesen bauerschlauen Vogel vielleicht eher erwartet als hier antreffen können. Auf mich wirkt seine Zeichnung jedoch am ehesten durch Chaucers „Canterbury Tales“ beeinflusst. Wie dem auch sei: King jedenfalls gelingt es eben die schelmische Komik dieser Figur bestens herauszuarbeiten, ohne mit der Wurst nach der Speckseite werfen zu müssen. Rundum überzeugend. David Thomas übernimmt in der Produktion ja nicht nur die Rolle des Wirtes, er ist auch Merkur. Und als solcher exzelliert er insbesondere in seiner Aria („Hence ye profane“) und in seinem ausgedehnten Rezitativ, in dem er Cupid, Death, ihre Rolle in der Welt und vor allem ihre Pfeile wieder auseinanderdividiert.

      Wer sich also auf Stück und Aufnahme einlässt, der kann mit beidem meiner Einschätzung nach vergnügliche anderthalb Stunden verbringen.

      :wink: Agravain

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      [1] Wiseman, Susan: Drama and Politics in the Civil War. Cambridge 1998. S. 122.
      [2] Vgl. hierzu: Rooley, Anthony: The Creation of Cupid and Death. Begleittext zur CD-Einspielung John Blow: Venus & Andonis und Christopher Gibbons/Matthew Locke: Cupid & Death. EMI749623 1988. 2 CD. S. 2. (im Weiteren: Rooley)
      [3] Clare, Janet: Drama of the English Republic, 1649-60. Manchester 2002. S. 156
      [4] Rooley, S. 24.
      [5] Vgl. merriam-webster.com/dictionary/baggage