Versuch über die wahre Art, Opernregie zu führen

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    • Versuch über die wahre Art, Opernregie zu führen

      Das Musiktheater steckt in der Krise, daran ist nicht zu zweifeln. Egal in welcher: Es steckt! Um diese Krise zu überwinden, sind nun alle Kreativen (also DU!) gefordert, ihren Beitrag dazu zu leisen. (Zur Überwindung, nicht zur Krise selbstverständlich!) Diese Anleitung wurde erstellt, um Dir diese Überwindung zu erleichtern. Sie beantwortet die Frage, wie eine Oper heutzutage in sinnvoller Weise in Szene gesetzt werden sollte. Gerade der Anfänger auf dem Gebiete der Opernregie läuft Gefahr, nicht alle Konventionen zu beachten, die dabei zu befolgen sind.



      Im Folgenden findest Du eine Zusammenstellung von Punkten, die Du bei Deiner Arbeit unbedingt beherzigen solltest. Kritiker und Publikum erwarten das von Dir, schließlich soll das Werk einen gewissen Wiedererkennungswert besitzen. Daran hat sich bei aller Modernität seit den Zeiten von Hanswurst und Pickelhering nichts geändert! Und Du weißt: Den lautesten Applaus gibt es dort, wo dem Publikum Bekanntes präsentiert wird.









      1. Die Künstlerpersönlichkeit des Regisseurs (also Deine!) steht stets über der des Komponisten oder gar des Librettisten. Von den Sängern, dem Dirigenten und dem Orchester ganz zu schweigen. Letztere sind nur Ausführende DEINER Arbeit. Deren untergeordnete Stellung wird von allen Neuplatonikern unterstrichen. Daraus folgt zwingend, daß die Regie als eigenes Kunstwerk zu gelten hat, das im Rang über der aufzuführenden Oper steht. Die Aufführung einer Oper (oder auch eines Theaterstückes) kann daher stets nur Anlaß, nicht aber Ziel der Inszenierung sein.
      2. Das reine Kunstwerk an sich wäre natürlich eine Inszenierung, die ganz ohne Oper auskäme, also nur Inszenierung, ohne Stoff. Es liegt nun leider in der Natur der Sache, daß der Künstler einen Rohstoff für seine Kunst benötigt, in unserem Fall also die jeweils vorliegende Oper. Doch wie gesagt: Das ist nur der Rohstoff, der erst unter der Hand des Künstlers (des Regisseurs! Also Deiner!) zur Kunst wird. So wie sich der Baumstamm erst durch seine Zerstörung durch den Bildhauer zum Kunstwerk wandelt, wird eine Oper erst zum Kunstwerk wenn der Regisseur Hand daran legt.
      3. Nur der Künstler definiert, was Kunst ist. Du allein! Einen guten Regisseur zeichnet aus, dass er das Publikum ignoriert, das erwartet man von Dir. Das Publikum sind schließlich alles nur Spießer und Prosecco-schlürfende PelztierträgerInnen, die froh und dankbar sein müssen, dass sie für Deinen Lebensunterhalt aufkommen dürfen. Du hingegen bist als künstlerisch tätiger Mensch die Krone der Schöpfung! Wenn es jemand trotzdem wagen sollte, an Deinem Werk herumzumäkeln, dann nenne ihn einen Reaktionär, der im Grunde nur Zensur und Gedankenkontrolle einführen möchte. Verweise auf die Freiheit der Kunst. Zitiere Plato, die Gesetze:
        […] im Verlaufe der Zeit wurden [solche] die ersten Urheber der Gesetz- und Geschmacklosigkeit, […] die [..] ohne Kenntnis des Rechten und Gesetzmäßigen in den Musenkünsten waren, indem sie infolgedessen sich ganz vom Taumel der Begeisterung hinreißen ließen und über Gebühr daranhingen, ihren Zuhörern Genuß zu bereiten. [Pfui!] Demgemäß […] legten [sie] so aus Unverstand […] die falsche Ansicht an den Tag, daß […] der Genuß dessen, welcher sich an ihr erfreue, und zwar des Untüchtigeren so gut wie des Tüchtigeren, am besten das Urteil über sie regle. [noch mal: Pfui!] Da sie nun solche Werke schufen und dazu entsprechende Ansichten äußerten, so raubten sie dadurch der Menge allen Sinn für die Gesetze der Musik und flößten ihr Keckheit im Urteil über dieselbe ein, gerade als ob sie ein solches abzugeben fähig wäre; und infolgedessen ward denn das Publikum aus einem stillen ein lärmendes, gerade als verstände es sich darauf, was in den musischen Künsten schön ist und was nicht, in denselben aus einer Herrschaft der Besten eine schlimme Massenherrschaft des Publikums. […] So […] hat bei uns die allgemeine Einbildung, ein jeder verstünde sich auf alles, und die allgemeine Verachtung der Gesetze von der musischen Kunst her ihren Ursprung genommen, und an sie schloß sich erst die allgemeine und zügellose Freiheit. Denn im Vertrauen auf jene seine vermeintliche Einsicht verlor das Volk alle Furcht, und diese Furchtlosigkeit erzeugte Unverschämtheit; denn aus dreister Zuversicht vor dem Urteil der Besseren [das bist DU!] keine Scheu und Ehrfurcht zu haben, das ist bereits die schmähliche Unverschämtheit, welche die gewöhnliche Folge einer sich allzuviel herausnehmenden Freiheit ist.
        Dem ist nichts hinzuzufügen. Sollte dies aber auch nicht helfen, werde rüpelhaft. Das steigert immerhin Deine Bekanntheit.

      4. Wahre Kunst ist nicht vordergründig ästhetisch, das erwartet allenfalls der inferiore Geschmack Neureicher. Während die Kunst bis zur Renaissance die Religion zum Zentrum ihrer Aussage machte, stand bis in das 19. Jh. das Individuum im Mittelpunkt der Darstellung. Moderne Kunst hat dagegen verpflichtend das Scheitern eben jenes Individuums darzustellen, und zwar vor allem auch dort, wo das die Vorlage (Libretto und Komposition) explizit nicht vorsieht, da diese in der vormodernen Epoche entstanden ist. (Siehe hierzu Punkt 1 und 2.) Scheitern ist jedoch niemals schön. Kunst muß daher zwingend häßlich sein. Es ist Deine Aufgabe, diese Hässlichkeit in der Operninszenierung zu realisieren.
      5. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Du jemals im Zweifel sein solltest, wie man denn erkennt, dass Deine Kunst wahre Kunst ist, gibt es ein einfach zu merkendes Kriterium: Wahre Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie der breiten Masse des Publikums NICHT gefällt. (siehe Punkt 4.) Die hat schließlich auch röhrendes Rotwild vor Gebirgskulisse oder billige Picasso-Reproduktionen über dem Kanapee hängen, und damit willst Du schließlich nicht in einen Topf geworfen werden!
      6. Inszeniere daher nicht für das Publikum, inszeniere für die Kritik. Schließlich sind es die Kritiker, die Deinen Ruf verbreiten. Das erfordert auch schon die Höflichkeit, denn schließlich MÜSSEN diese im Gegensatz zum Publikum Deine Inszenierungen besuchen. Allerdings sind die Kritiker leicht zufriedenzustellen, denn sie halten sich allesamt für intellektuell, was ein großer Vorteil für Dich ist. Zumindest wissen sie, dass man diese Eigenschaft von ihnen erwartet. Das bedeutet, dass sie – anders als das Publikum – auch dort noch einen Sinn in einer Inszenierung finden (müssen!), wo gar keiner ist. Sie würden sich nämlich eher beide Hände abhacken lassen, als zuzugeben, dass sie Deine Intentionen nicht verstanden hätten. Am besten also, Du inszenierst völlig sinnfrei (das klingt besser als „sinnlos“) und überläßt den Rest den Kritikern. Du kannst sicher sein: Sie finden einen Sinn! Und weil sie diese Sinnsuche intellektuell fordert und der „Fundgegenstand“ dann „ihr Kind“ ist, werden sie es auch positiv beurteilen: Was willst Du mehr! Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, sei Dir folgende Pflichtlektüre empfohlen: H. Ch. Andersen, des Kaisers neue Kleider.
      7. Es steht außer Zweifel, dass die Oper neues Publikum benötigt. Das sagen auch McKinsey und Roland Berger, und die müssen es schließlich wissen, sie sind ja teuer genug. Also nimm Dir das zu Herzen und sorge dafür, dass das alte Publikum wegbleibt. Wir wollen weder handtaschenklappaufklappzu-hustenbonbonraschelnde alte Damen mit Abo, noch wollen wir plappernde Kinder, und auch keine nabelgepiercten kapuzenpullitragende Jugendliche, die allesamt nicht fähig sind, deine Genialität zu erkennen!
      8. Es muß unbedingt vermieden werden, dass bei der Inszenierung die ursprüngliche Intention der Handlung herausgearbeitet wird. Das wäre nicht originell. Die Mindestforderung besteht darin, eine im Libretto bereits angelegte Nebenbedeutung zum Kern der Inszenierung zu machen. Zum Beispiel böte es sich bei Mozarts „Zauberflöte“ an, die im Buch inhärent existente Diskriminierung von Minderheiten afrikanischer Herkunft oder die ebenfalls bereits faktisch präformulierte Belohnung von am Erfolg nicht aktiv Beteiligter aus privilegierten Kreisen herauszuarbeiten. Besser wäre jedoch in jedem Fall eine Interpretation auf Basis von Umdeutungen, die im ursprünglichen Stück noch nicht vorgesehen sind. Sei originell! Zeichne Don Giovanni als Tunte, Carmen als Heilige, Scarpia als Opfer, Sarastro als Kinderschänder! Das wird Dich in den Ruf der Unkonventionalität setzen, von dem man mehr sehen möchte! Falls Dir wider Erwarten tatsächlich einmal nichts anderes als die ursprüngliche Handlung einfallen sollte, nimm einfach ein beliebiges Wort aus dem Libretto, suche nach Bedeutungen dieses Wortes, die nicht im ursprünglichen Sinn liegen und mache das zum Kern Deiner Interpretation. Man wird Dich ob Deiner Kreativität bewundern!
      9. Sorge dafür, daß Kostüme, Bühnenbild, Choreographie und die Aktionen der Sänger, Tänzer und Statisten keinerlei Bezug zum Stoff des Librettos aufweisen. Laß deine Intentionen offen! Sei widersprüchlich! Bereits Goethe wußte: „Denn ein vollkommner Widerspruch bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren“. Die Kritiker und die im Publikum stets vorhandenen intellektuellen Schönschwätzer werden es Dir danken. Du gibst ihnen damit die Möglichkeit, Metapher zu konstruieren, die sie in Deine Arbeit hineininterpretieren. (s. hierzu Punkt 6.) Über was könnten sie sich denn sonst in der Pause und nach der Vorstellung unterhalten? Rege die Diskussion über Dein Werk an! Wie könnest Du das besser, als wenn Deine Inszenierung in alle Interpretationsrichtungen so offen ist, wie das Orakel der Pythia? Um nochmals Goethe zu bemühen: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. Beherzige das!
      10. Egal, in welcher gesellschaftlicher Schicht die Vorlage spielt – um eine Oper heute erfolgreich zu inszenieren, musst Du sie zwingend in modernen Randgruppen ansiedeln. Es geht schließlich um das Menschheitsdrama, und wo ließe sich das besser darstellen, als bei den Ausgestoßenen unserer Zeit? Lass also die Figuren im Penner-, Rocker-, Zuhälter- oder Fixermilieu agieren, auch organisierte Kriminalität ist gut geeignet. Hier findest Du vor allem auch die hierarchischen Strukturen, welche die Vorraussetzung für viele Opernstoffe ist. Halte Dir immer vor Augen, dass die Glaubwürdigkeit einer Inszenierung enorm gewinnt, wenn sich z.B. moderne Penner in der Sprache der Oberschicht des 18. Jahrhunderts über die Probleme eben jener Oberschicht auseinandersetzen. In der einschlägigen Literatur nennt man so etwas Entfremdungseffekt. Das Publikum soll schließlich nicht mit den Protagonisten mitfühlen, sondern über die Protagonisten nachdenken, und das erfordert Distanz! Mitfühlen können sie bei GZSZ! DU inszenierst OPER und keine Seifenoper!
      11. Sex sells. Es muß sich also in jeder Inszenierung mindestens(!) ein Sänger/eine Sängerin entkleiden. Entkleidung bis auf die Unterwäsche ist hier die Mindestforderung, es darf gerne auch mehr sein. Der Phantasie des Regisseurs sind hier keine Grenzen gesetzt, weder bezüglich der Umsetzung noch bezüglich der Konsequenzen aus dieser Nacktheit, gerne auch mit Koitus, Oralsex und Masturbation. Um dem Vorwurf der banalen Pornographie zu entgehen, ist jedoch unbedingt zu beachten, dass sich NUR die ältesten, hässlichsten und/oder dicksten Sänger bzw. Sängerinnen entkleiden und daß die Unterwäsche aus grau verwaschener Baumwolle in Lumpensammlungsqualität besteht (s. auch Punkt 10). Gerne benutze Rahmenbedingungen sind in diesem Zusammenhang Sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz, Mißbrauch von Kindern oder gar Inzest. Darauf lassen sich ganze Interpretationen aufbauen (Stichwort „Umdeutung“, Punkt 8). Nimm z.B. Hänsel und Gretel, lasse sie sexuell mißbraucht werden weglaufen, kriminell werden und eine alte Frau überfallen, ausrauben, und ermorden. Oder laß wenigstens die Hexe einen Mann sein, der sich an Hänsel zu schaffen macht. Wenn in der Vorstellung Kinder sein sollten: um so besser, da lernen sie wenigstens etwas vom und für das wahre Leben!
      12. Ziel der Oper als Genre ist die Erzeugung von Emotionen. Die stärkste Emotion, die erzeugt werden kann, ist der Ekel. Du mußt daher dafür Sorge zu tragen, dass in jeder Deiner Inszenierungen Elemente mit ausreichendem Ekelfaktor verwirklicht werden. Erprobte Mittel hierfür ist das Herumschmieren mit Blut oder (viel) besser Exkrementen oder Erbrochenem sowie die Verteilung von Schlachtabfällen auf der Bühne und deren Liebkosung durch die Protagonisten. Auch Leichenteile sind für diesen Zweck hervorragend geeignet. Gestank ist zur Ekelsteigerung durchaus erwünscht und lässt sich gegebenenfalls leicht über die Lüftung im Zuschauerraum verteilen.
      13. Es ist vorteilhaft, die Bösewichte in moderne Uniformen zu stecken. Wehrmachtsuniformen und lange Ledermäntel sind bei den Kollegen sehr beliebt, da versteht auch das dümmste Publikum, was gemeint ist. US-Uniformen sind allerdings mittlerweile ebenso geeignet. Sollte der Bösewicht aber beim besten Willen nicht zur Uniform passen, sind seit Dr. Mabuse auch weiße Kittel und seit der Finanzkrise Business Dress tauglich.
      14. Spätestens seit der vorvorletzten Klimaschutzkonferenz ist klar, dass Energie gespart werden muß. Demonstriere daher Dein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein, indem Du die Bühne dunkel hältst. Das spart Strom und damit Geld und freut die Träger, die dann auch gerne Deinen Vertrag verlängern. Solltest Du aber doch einmal etwas Licht in der Szene benötigen, dann verwende hohes blaues Licht. Es hat sich in den vergangenen Jahren quasi als Naturgesetz herausgestellt, daß die künstlerische Qualität einer Inszenierung direkt proportional der Verwendung von blauem Licht ist.
      15. Im Übrigen bevorzuge als Bühnenbild trostlose Orte (nicht oder allenfalls blau ausgeleuchtet,s. Punkt 14!), um das Scheitern des Individuums zu unterstreichen (s. Punkt 4.) Besonders geeignet sind z.B. Bahnhofstoiletten, Abbruchshäuser, sonstige (moderne!) Ruinen oder Schrottplätze. Das passt dann auch zur bevorzugten Personengruppe nach Punkt 10. Man nennt so etwas eine „stimmige Inszenierung“
      16. Das wahre Leben ist schizophren. Es ist Deine Aufgabe, das wahre Leben auf die Bühne zu bringen. Also, lasse mehrere Sänger, Schauspieler, Tänzer und/oder Statisten dieselbe Figur verkörpern, gerne auch gleichzeitig. Oder noch besser: Lege die Figuren erst gar nicht fest! Lasse alle Sänger bzw. Schauspieler, Tänzer und/oder Statisten alle Rollen verkörpern. Nacheinander oder gleichzeitig, wie Du es für richtig hältst. Das erweitert die Möglichkeiten Deiner Regie ungemein. Stell Dir z.B. vor, Scarpia und Tosca wechseln mitten im zweiten Akt die Rollen, und Scarpia wird hinfort von der Sopranistin gesungen, die anschließend vom Bariton (der nun den Part der Tosca singt) erdolcht wird, dieser wiederum mitten im 3. Akt die Rolle mit dem Tenor (Ex-Cavaradossi) wechselt und zuletzt erschossen wird. Sollte Dir dieses Beispiel etwas sinnfrei erscheinen, dann lese nochmals Punkt 6!
      17. Denke immer daran, daß Dein Publikum nur ausnahmsweise in der Oper sitzt. Normalerweise sitzen sie vor dem Fernseher. Sie sind also daran gewöhnt, daß ständig irgend etwas zappelt - selbstverständlich mit Hintergrundmusik - und die Szene im Mittel nach spätestens 3 Sekunden wechselt. Um die Hintergrundmusik mußt Du Dir in der Oper keine Gedanken machen, dafür tragen andere Sorge. Du kannst das also völlig ausblenden und Dich ausschließlich auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren. Sorge dort für ausreichend Bewegung, die Leute sind das wie gesagt vom Fernsehen her gewohnt! Keine statischen Arien! Laß die Sänger wie Zirkusclowns über die Bühne toben, und wenn es sich schon nicht vermeiden läßt, daß sie still stehen müssen: Sorge wenigstens dafür, daß dann in unterschiedlichen und möglichst weit auseinander liegenden Teilen der Bühne gleichzeitig unterschiedliche Handlungen stattfinden, die aber alle gleich wichtig für Deine Inszenierung sind. Achte jedoch darauf, daß sich die Zuschauer nur auf EINE dieser Handlungen konzentrieren können. Du unterstreichst damit die Vielschichtigkeit Deiner Inszenierung und bildest damit die Komplexität des wahren Lebens ab!
      18. Es ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die technische Leistungsfähigkeit der Sänger in den letzten Jahrzehnten durch die Verbreitung von Tonträgern und durch zunehmende internationale Konkurrenz stark gestiegen ist. Es muß daher den Sängern die Möglichkeit geboten werden, ihre Fähigkeiten auch gebührend zur Schau stellen zu können. Aufrecht stehend singen kann jeder. Der wirkliche Könner beherrscht das auch auf dem Bauche liegend, im Kopfstand, mit angelegten Daumenschrauben, an Seilen baumelnd oder nach anstrengenden Leibesübungen. Derartige Elemente in die Inszenierung einzubauen ist daher im Sinne der Sänger. Sollte es den Sängern in Ausnahmefällen tatsächlich einmal nicht (mehr) möglich zu sein zu singen, dann kann man Tonträger zur Überbrückung einsetzen. Aus Gründen der künstlerischen Wahrhaftigkeit darf dies jedoch nur in einer Form geschehen, in der dem Publikum deutlich bewusst gemacht wird, dass die Musik vom Tonträger kommt (etwa, weil der Sänger gerade stranguliert wird oder den Kopf unter Wasser hat). Der Einsatz von Tonträgern kann somit zu einer wichtigen Erweiterung der Regiemöglichkeiten werden. Echtes Playback ist allerdings als unkünstlerisch und dem Bereich der Unterhaltungsmusik zugehörig abzulehnen. Schließlich soll Deine Regiearbeit nicht unterhalten!



      Wenn Du alle diese Punkte befolgst, wird Dir einer strahlenden Karriere als Opernregisseur nichts im Wege stehen. Die Opernhäuser werden sich um Dich schlagen!



      Alle Regievorschläge, die in dieser Anleitung unterbreitet wurden, unterliegen allerdings selbstverständlich dem Urheberrecht. Solltest Du sie also für ein Opernhaus realisieren wollen, dann setze Dich bitte mit mir wegen der Kontonummer zur Überweisung der Tantiemen in Verbindung. Sollten sie (die Vorschläge) allerdings schon einmal irgendwo ohne meine Kenntnis vor Erscheinen dieser Anleitung zur Anwendung gelangt sein, dann bitte ich die Intendanz des entsprechenden Hauses um eine kurze Mitteilung unter Nennung des Werkes, des Regisseurs und des Datums der Erstaufführung. Haus und Regisseur werden dann hier eine ehrenvolle Erwähnung finden, damit sie so zum Ansporn zu ähnlichen Inszenierungen dienen können. Es ist geplant, künftig hierzu eine Hall of Fame einzurichten.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Lieber Bustopher!

      Leider stimmern alle Deine "Opernregien" heutzutage,

      es ist ist grundfalsch Opern so modern zu inszenieren, dass man einigen Menschen, die sich mit dem Hintergrund, der Erzählung auseinandersetzen, zu hochgejubelten Regisseuren macht, nur weil sie, unbedingt, modern sein wollen und vom Stück aber schon gar keine Ahnung haben. Auch wenn ein Regisseur sagt, dass z. B Rigoletto ihm nichts sagt, dann soll er seine Hände davon lassen, da ruiniert er ales, mit Absicht. :thumbdown: :thumbdown: :thumbdown:

      Jemand der das erste Mal in eine "Norma" geht, die zur Zeit von der römischen Besetzung in Gallien handelt, hat doch mit Maschinpistolen schon gar nichts zu tun, Auffallen ist die Devise, wenns auch grundfalsch ist, so bringt man einen Großteil des Publikums wieder aus den Opernhaus hinaus - und nie mehr hinein. :shake: :shake: :shake:

      Das hat mit Staubi aber schon gar nichts zu tun. :sparkle: :sparkle: :sparkle:

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus dem verregneten Wien. :wink: :wink:
    • Lieber Peter,wie kommst Du dazu, meine gutgemeinten Hilfestellungen satirisch umzudeuten..? :boese:

      Spaß beiseite, Modernität darf meiner Ansicht nach gerne sein, durchaus auch mit Elementen, wie den oben beschriebenen. Dort wo sie hinpassen. In vielen Fällen kommt dadurch ja auch eine gute Inszenierung zustande. Ich persönlich finde z.B. Händels szenische Theodora aus Glyndebourne unter William Christie und der Regie von Peter Sellars als durchaus gelungen und adäquat, auch wenn die Staatsmacht dort in GI-Uniformen mit modernen Waffen steckt. Mich stören auch nicht Schlingensiefs nackte Rheintöchter in Bayreuth. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß man (in Bayreuth) einen handfesten Theaterskandal provozieren könnte, wenn man Wagner GENAU SO inszenieren würde, wie das Wagner in seine Regieanleitungen geschrieben hat. Beispiel:





      Parsifal besteigt die Stufen des Weihtisches, entnimmt dem von den Knaben geöffneten Schreine den Gral und versenkt sich, unter stummem Gebete, kniend in seinen Anblick. – Allmähliche sanfte Erleuchtung des Grales. – Zunehmende Dämmerung in der Tiefe bei wachsendem Lichtscheine aus der Höhe

      ALLE
      mit Stimmen aus der mittleren sowie der höchsten Höhe
      Höchsten Heiles Wunder:
      Erlösung dem Erlöser!

      Lichtstrahl: hellstes Erglühen des Grales. Aus der Kuppel schwebt eine weisse Taube herab und verweilt über Parsifals Haupte. Kundry sinkt, mit dem Blicke zu ihm auf, vor Parsifal entseelt langsam zu Boden. Amfortas und Gurnemanz huldigen kniend Parsifal, welcher den Gral segnend über die anbetende Ritterschaft schwingt. Der Bühnenvorhang wird langsam geschlossen




      Ich seh's direkt vor mir. Das mit dem Pathos des späten 19. Jhs in Szene gesetzt, mit einer Ausstattung, wie man sich seinerzeit das Mittelalter gedacht hat (Beispiel: Schnorr von Carolsfelds Nibelungensäle der Münchener Residenz), und Parsifal wird zur Karrikatur seiner selbst.

      Nein, was mich stört, ist die penetrante Vorhersagbarkeit derartiger Regieelemente. Das ist oft einfach nur Schema F, ob es nun reinpaßt oder nicht, der Gag des Gags halber. Beispiele spar' ich mir jetzt (obwohl es mich jucken täte!), aber da findet jeder wohl selber etwas. Man könnte fast eine Kreuzerl-Liste machen, zum Abhaken. (Und der erste, der seine Kreuzerl voll hat, darf "Bingo" in den Zuschauerraum rufen und bekommt einen Preis! :klatsch: )

      Was mir auffällt – oder ist das nur meine subjektive Wahrnehmung? – daß das Sprechtheater in dieser Hinsicht offensichtlich weit weniger anfällig ist.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Was mir auffällt – oder ist das nur meine subjektive Wahrnehmung? – daß das Sprechtheater in dieser Hinsicht offensichtlich weit weniger anfällig ist.

      Nein das Sprechtheater ist leider davon nicht unberührt. Deine Wahrnehmung hat durchaus objektive Gründe. ich vermag allerdings nicht entscheiden, ob es ein allgemeiner Trend ist, oder ob es einfach bloß eine Häufung stümperhafter Regiearbeiten ist. Ich habe - subjektiv gesehen - in der Oper überwiegend eher sinnvolle zeitgenössische Regiearbeiten erlebt, aber auch einigen Schrott. Im Sprechtheater ist - nach meiner subjektiven Erfahrung - die Lage schlechter - aber auch in diesem Falle würde ich nicht alles über einen Kamm scheren wollen, vor allem nicht in der Stammtischmanier von Kehlmann. Allerdings Deinen Beitrag habe mit großem Genuss gelesen.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Lieber Bustopher, Dein sehr provokanter Katalog amüsiert und erschreckt gleichermassen. Was ja ein sehr gutes Zeichen ist.

      Ich sehe das ganze allerdings aus eigenen Erfahrungen mit moderner Opernregie weit weniger pessimistisch wie Du.
      Du bringst ja selbst schon das wesnentliche Gegenargument: würde man eine Oper heute noch so inszenieren, wie sie vom Komponisten gedacht war(Beispiel Parsifal, dem ic hgneau das gönnen würde- teuflisch grins-) würde die Oper zu ihrer eigenen Karikatur und schnell zum Museumsstück fûr Stimm-Fetischisten.
      Es gilt das rechte Mass zu finden und da habe ich neben einigem Schrott (z.B. einem ziemlich furchtbaren Figaro an der DOB oder einen total unverständlichen Tamerlano hier) auch sehr gute Sachen gesehen. Sowohl an grossen wie auch sehr kleinen Bühnen und das gibt doch wirklch Anlass zur Hoffnung und zum Optimismus.
      Jüngstes Beispiel für mich ist "Cosi fan tutte" von Claus Guth in Salzburg.
      Da zieht sich niemand aus, da gibt es keine politischen Holzhammer, da werden von den Sängern keine unzumutbaren Verrenkungen verlangt- das ist einfach gutes und den Künstlern gerecht werdneedes Regietheater. Solche Beispiel kann ich massenweise nennen.

      Ich fürchte allerdings, beim Sprechtheater geht es viel extremer zu. Da ist z.B. Nacktheit "normal" und eine Opern sängerin kann sich noch weigern, nackt aufzutreten, eine Schauspielerin weit weniger. Ich war aber schon sehr lange nciht mehr in Deutschland im Theater udn kann nur wiedergeben, was mir frz. Schauspieler erzählt haben.
      Werde aber demnächst einen Sommernachtstraum in München besuchen und bin sehr gespannt, was sich an deutschen Bühnen so tut.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Verehrte Titania,



      ich bin gar nicht pessimistisch. Wenn ich das wäre, hätte ich diesen Thread nicht in Scherz, Satire und tiefere Bedeutung eingestellt, sondern woanders. (Ich hab' früher mal eine Zeitlang zum Spaß und nebenher Kabarett gemacht, und ab und zu kann ich's auch heute noch nicht lassen…)



      Wie ich schon geschrieben habe, habe ich gegen Modernität an sich absolut nichts einzuwenden. Schon gar nicht wenn's witzig und gut gemacht ist, wie der Barbier von Claus Guth am Münchner Gärtnerplatz. Das Drumherum des Stückes ist ja schließlich nicht heilig. (Seiner etwas verkopften Erklärung, warum er das so inszeniert hat, muß ich ja nicht unbedingt folgen) Auch Axel Köhlers respektlosen Hallenser Admeto empfinde ich als Bereicherung angesichts so vieler lamorianter Alcestes.



      Die Qualität der Inszenierungen reicht aber halt naturgemäß von sehr gut bis miserabel, das ist ein Kontinuum, und das ist normal. Und gerade schlechte Inszenierungen (Die es auch von bekannten Regisseuren geben soll!) zeichnen sich dadurch aus, daß irgendwelche Elemente klischeehaft übernommen werden, weils halt modern ist. (Oder schlimmer: weil das Ziel a priori banale Provokation ist) Und manchmal erschließt sich so eine Inszenierung einem Normalintelligenten eben nicht mehr.



      Zur Verdeutlichung nun vielleicht doch ein paar Beispiele.



      München, Ariodante, David Alden: Eine im Prinzip durchaus gelungene Inszenierung. Motto: die unterdrückte Frau. Irgendwo zwischendrin Balleteinlagen mit offenkundigen Schwulitäten des Königs und einem angedeuteten Mißbrauch Ginevras durch ihren Vater. Beides kommt aber weder im ursprünglichen Plot vor, noch paßt es zusammen oder in die sonstige Inszenierung. Also: was soll's? So richtig kam das Motto auch nicht rüber, und wenn es nicht im Programm gestanden wäre, wäre wohl keiner daraufgekommen. Ganz anders der völlig unaufgeregte Festspielariodante aus Halle von Stephen Lawless. Das ist für mich eine der ergreifendsten Operninszenierungen, die ich kenne. Nein: keine Erklärungen im Programm, aber so inszeniert, daß die werkimmanenten Konflikte und deren Ursachen und Wirkungen völlig klar werden. Nein, keine neue Deutung, Lawless reicht das, was ohnehin schon vorhanden ist, und das ist überwältigend viel.



      Faust (Goethe): alle männlichen Rollen sind durch Frauen besetzt und umgekehrt. Die Folge: Auch für diejenigen im Publikum die das Stück kannten (und es waren einige darunter, die es sehr gut kannten!) war es zumindest zeitweilig außerordentlich schwierig, die Personen richtig zuzuordnen; das zu bewältigen hat ziemlich viel Konzentration erfordert. Von den anderen war ein nicht kleiner Teil schlicht überfordert und hat das ganze Werk nicht mehr verstanden. Wie ich aus allererster Quelle weiß (deswegen auch keine Nennung von Namen und Ort), hat sich der Regisseur dabei, wie auch bei einer Reihe von anderen Gags in dieser Inszenierung, absolut nichts gedacht. Das Ziel war einfach nur, ungewöhnlich zu sein, ohne tieferen Sinn. So nach der Art: "Hey, könnten wir nicht mal…") So was ist einfach nur schlechte Handwerklichkeit. Hauptsache spektakulär.



      München, Richard III. (Regisseur weiß ich nicht mehr): Alle Schauspieler spielen alle Rollen. Was soll uns das sagen? Jeder ist Richard III.? Fein! Nur: es ist extrem anstrengend, einer solchen Inszenierung zu folgen, weil: Als Publikum bekommt man nicht immer gleich (wenn überhaupt) mit, wer gerade wen darstellt. Und auch hier wieder: wer das Stück nicht wirklich in- und auswendig kennt, verliert ziemlich schnell den Faden. Besonders die Jugendlichen, die ihre Theatererfahrungen erst machen müssen.



      Apropos Jugendliche: Die sind mittlerweile durch ihre Deutschlehrer so auf Metapher und dem Sinn hinter dem Sinn hinter dem Offensichtlichen fixiert, daß sie die auch noch dort vermuten, wo gar keine sind. Ich habe vor einigen Jahren eine hinreißende Schülerinszenierung von Rainald Goetz' Jeff Koons erlebt, als tiefschwarze, bissige Satire auf Kunst, Kunstbetrieb und Künstler. Die älteren im Publikum haben sich köstlich amüsiert. Nur die anwesenden Schüler nicht. Der Versuch, das Geschehen auf der Bühne, das nichts mehr sein wollte, als gute Satire, metaphorisch zu deuteten, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt, denn es gab keine Metapher. Die Heiterkeitsausbrüche der Erwachsenen haben dabei nicht unbedingt zur Verinerung der Verwirrung beigetragen…



      Nein, ich bin nicht pessimistisch. Ich bin auch nicht gegen andere Sichtweisen. Ich bin nur gegen zu häufige Plattitüden.



      Und ich mag keine Striche. Es läßt sich schließlich ALLES beweisen, wenn man alles wegläßt, was dagegen spricht. (So etwa: Wollen wir die Machtlosigkeit des Individuums gegenüber dem "Apparat" demonstrieren? Wohlan: Nehmen wir Fidelio, und lassen in der Kerkerszene Pizarro erst Leonore und anschließen Florestan erschießen. Rocco überlebt, denn er ist Werkzeug und Mitläufernatur. Vorhang.)



      Aber irgendwie ist es hier jetzt gerade nicht scherzhaft, oder? Wie bekommen wir da nun die Kurve..?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Lieber Bustopher!

      Dein "Fidelio" überzeugt mich, da könnte Pizzaro auch den Don Ferrando erschießen, dann würde man sich zwar das Bild mit dem Erscheinen, desselben, ersparen,

      und die Gelegenheit ist ja günstig und das Publikum kann früher heimgehen und die weiblichen Zuhörer und Zuseher brauchten nicht den ganze Weg singen "Wer ein solches Weib gefunden", weil die Mander singen nicht mehr mit, da ist der Pizzaro, dann zuständig, der den richtigen Ton angeben wird, und es wird daraus a Volksdemokratie, zumindest in Sevilla, klein muss man anfangen.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien, ich sehe, langsam versteh ich Dich schon. :wink: :wink:
    • Lieber Bustopher(was bedeutet eigentlch dieser Name?), ich bin nach deinem Artikel noch mehr gespannt, was mich in München mit dem Sommernachtstraum von Shakespeare erwartet und wie sich meine Sichtweise von der meiner Tochter unterscheiden wird.
      Leider kenne ich keine der von Dir genannten Inszenierungen udn kann dazu leider ncihts sagen. Aber die Theodora aus Glyndbourne von Sellars kenne ich und bin total begeistert gewesen. :juhu:
      Da dir das auch gefallen hat, sind wir sicher gar nciht weit entfernt
      Hast du die drei Guth Mozart/da Ponte aus Salzburg gesehen?
      Oder was kennst du von Konwitschny oder McVicars? Mir ist ein konkretes Beispiel, das wir Beide kennen am liebsten um Deinen Standpunkt zu verstehen udn uns auszutauschen..
      Ich sehe gerade den Tristan von Barenboim Chereau (bin aber erst im zweiten Akt, ich schaffe nciht mehr als eine Stunde davon am Tag)- das wäre evtl auch ein Objekt?
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • My dearest Titania!

      Say! You do not know Bustopher? Still a little bit drowsy because of Puck's drugs?

      "http://www.lyricsmode.com/lyrics/c/cats/bustopher_jones.html"

      Und so sehe ich aus: (naja, vielleicht nicht ganz...)

      "http://www.youtube.com/watch?v=MaIKlYQVQLw"


      Von Guths Salzburger Insenierungen kenne ich den Figaro. Ohne Lob und Tadel. In meinen Augen eher brav. Es ist nichts drin, was mich stören würde, aber so richtig vom Hocker hat er mich auch nicht gehauen, auch wenn manche Ideen ganz originell sind. Seinen szenischen Messias am Theater an der Wien fand ich allerdings ziemlich am Text vorbeiinszeniert und von der prinzipiellen Realisierung reichlich banal. ("Falls Dir wider Erwarten tatsächlich einmal nichts anderes als die ursprüngliche Handlung einfallen sollte, nimm einfach ein beliebiges Wort aus dem Libretto, suche nach Bedeutungen dieses Wortes, die nicht im ursprünglichen Sinn liegen und mache das zum Kern Deiner Interpretation.")

      Von Konwitschny kenne ich den Freischütz. Das ist dann eigentlich schon die Art von Inszenierung, der ich nicht mehr folgen will. Ausserdem mag ich es grundsätzlich nicht, wenn die musikalische Substanz angetastet wird ("Daraus folgt zwingend, daß die Regie als eigenes Kunstwerk zu gelten hat, das im Rang über der aufzuführenden Oper steht. Die Aufführung einer Oper (oder auch eines Theaterstückes) kann daher stets nur Anlaß, nicht aber Ziel der Inszenierung sein.") McVicars Giulio Cesare aus Glyndebourne finde ich dagegen ganz witzig. Ich glaube, es gibt grundsätzliche Unterschiede im deutschen und britischen Regietheater...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      Es läßt sich schließlich ALLES beweisen, wenn man alles wegläßt, was dagegen spricht. (So etwa: Wollen wir die Machtlosigkeit des Individuums gegenüber dem "Apparat" demonstrieren? Wohlan: Nehmen wir Fidelio, und lassen in der Kerkerszene Pizarro erst Leonore und anschließen Florestan erschießen. Rocco überlebt, denn er ist Werkzeug und Mitläufernatur. Vorhang.)

      bustopher schrieb:

      15. Im Übrigen bevorzuge als Bühnenbild trostlose Orte (nicht oder allenfalls blau ausgeleuchtet,s. Punkt 14!), um das Scheitern des Individuums zu unterstreichen (s. Punkt 4.) Besonders geeignet sind z.B. Bahnhofstoiletten, Abbruchshäuser, sonstige (moderne!) Ruinen oder Schrottplätze. Das passt dann auch zur bevorzugten Personengruppe nach Punkt 10. Man nennt so etwas eine „stimmige Inszenierung“

      16. Das wahre Leben ist schizophren. Es ist Deine Aufgabe, das wahre Leben auf die Bühne zu bringen. Also, lasse mehrere Sänger, Schauspieler, Tänzer und/oder Statisten dieselbe Figur verkörpern, gerne auch gleichzeitig.

      Ha! Ein déjà vu..!

      Ich glaub' die Amelie Niermeyer (Wiener Staatsoper, Fidelio) hat diesen Faden gelesen... :clap: :clap:

      Da sieht man wieder einmal, was Capriccio für eine Reichweite hat!

      Und die Moral: Du kannst keine Satire machen, die das wahre Leben nicht irgendwann einholt...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Schade, dass ich den Faden jetzt erst entdecke. Großartig der Leitfaden für den endgültigen und dauerhaften Regie-Olymp. :clap: :clap: :clap:

      Allerdings würde ich Punkt 11 ein wenig ergänzen. Beim Geschlechtsverkehr die Frau immer 'von hinten nehmen', um einerseits die Unterdrückung und andererseits das Tierische im Mann darzustellen. Diverse Regisseure haben das, wie ich selber erleben durfte, bereits erkannt, aber es scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben.

      Punkt 13 scheint mir nicht mehr ganz aktuell zu sein. Die typische Gestapo-Ledermäntel, mit denen ich über Jahre beglückt wurde, scheinen mir aus der Mode zu sein.

      Ach ja, bei Punkt 9 fällt mir ein, übrigens gut zu verbinden mit Punkt 14, dass Kostüme (die Kleidungsindustrie ist ja bekanntermaßen ein Hauptverursacher der CO2-Katastrophe) am besten aus dem Second-Hand-Laden zu kommen haben. Hamburg war bei der Idee lange ein Vorreiter. Hansi&Mausi bzw. Cheap and Awful waren auch mal sehr angesagt, kollidieren aber nun eben mit Punkt 14 und dürfen von daher auf keinen Fall mehr verwandt werden. Am besten, weil am Klimaneutralsten wäre dann natürlich gar keine Kleidung mehr und würde auch Punkt 11 entsprechend ansprechen. Allerdings würden dann die Heizkosten mit allen Umweltnachteilen steigen müssen, es sei denn, man ließe den Chor grundsätzlich durch Fahrradfahren Strom erzeugen. Durch eine geringe Regiekonzeptänderung wäre das sicherlich plausibel zu machen.

      bustopher schrieb:

      Nein, ich bin nicht pessimistisch. Ich bin auch nicht gegen andere Sichtweisen. Ich bin nur gegen zu häufige Plattitüden.
      Ein bekannter Regisseur benutzte immer irgendwann eine Einbauküche, bei einem anderen saß mit Sicherheit ein Sänger am Bühnenrand und baumelte mit den Beinen, dazu immer Ledermäntel und riesige Jalousien. Herrscherfiguren immer im Bratenrock, Choristinnen als Trümmerfrauen oder das 'Kleinmachen' von großen Gefühlen (ewiger Schlaf, also vorher Zähneputzen) - Plattitüden nehmen kein Ende. Aber ist da so schlimm? Es geht doch um die Wiedererkennung, um das Altbekannte. Denn sofort fühle ich mich als Zuschauer heimisch in einer möglicherweise fremden Welt. Heimisch und Zuhause, wie vor dem Fernseher. Keine Verwirrung mehr, keine Unsicherheit, nur noch Angenehmes, weil Bekanntes.

      Vielleicht ließe sich daraus ein weiterer Punkt für den Leitfaden entwickeln:

      Verstöre nicht wirklich, tu nur so als ob! Biete den Schein, sei aber eigentlich konservativ und (bestmöglichst) eigentlich spießig. Tu modern und aufrüttelnd, dann fühlen sich Kritiker und Zuschauer, die immer gerne Avantgarde erleben und gutheißen möchten, richtig wohl. Alle können nicken und es toll finden, aber niemand wird wirklich belästigt. Das ist eine Gratwanderung, aber die gerade zeichnet den künftigen Olympier aus. Je mehr aus dem Opernhaus rauslaufen und ihre Abos kündigen, je besser, weil da eigentlich nur die Anzahl zählt. Gut für den Skandal und der ist unabdingbar! Ernst zu nehmen, sind nur die, denen man avantgardistische Brotkrumen hinwirft, die aus 'Wir-sind-ja-so-up-to-date-Bewusstssein' mitjubeln und im übrigen so weiter machen, wie bisher. Denn, wie gesagt, nur keine radikalen Wahrheiten. Theater als moralische Anstalt ist gestrig. Was die paar Zuschauer, um die es letztlich geht und die Kritiker wollen, ist das Feigenblatt!

      :wink: Wolfram