Thomas Bernhard - und immer feste druff

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    • Thomas Bernhard - und immer feste druff

      09.02.1931 in Heerlen, Niederlande - 12.02.1989 in Gmunden, Österreich

      'Immer feste druff' - eigentlich müsste das natürlich oder besser gesagt naturgemäß österreichisch ausgedrückt werden, aber da ist mir ein entsprechender Ausdruck leider nicht geläufig.

      Aber auch so trifft es das wohl ziemlich gut, was man mit Thomas Bernhard zunächst einmal am stärksten verbindet. Endlose Hasstiraden auf Gott und die Welt, auf Einzelpersonen, Institutionen, Länder, Städte, Gesellschaften und immer wieder und besonders heftig auf Wien und die Wiener, auf Österreich und die Österreicher. Und natürlich macht das einen bedeutenden Anteil seines Werkes aus und spricht womöglich im positiven wie negativen Sinn die meisten oder viele seiner Leser an. Wer mag nicht einmal so richtig vom Leder ziehen und das jenseits aller Kontrollmechanismen, die man im Laufe eines Lebens aufgebaut hat. Und dann gibt es nun einen Schriftsteller und dann noch einen wahrlich anerkannten, der das ausgiebig, stellvertretend für einen macht. Welche Freude! ;)

      Nur wird man Bernhard mit dem ausschließlichen Blick auf die 'Tiraden' überhaupt nicht gerecht, ist er doch so viel mehr. Natürlich hat er vordergründig sein eigenes Leben, seine eigene Lebenssituation in Literatur verwandelt. Nur bleibt er dabei nicht stehen. Unter der Schicht von Klage und Verzweiflung kommt immer, wohlgemerkt immer ein allgemeingültiges, für alle Menschen geltendes Gefühl, Erkennen, Betreffen heraus. Bei Bernhard muss man genau hinschauen. Unter all den großen, lauten, plakativen Gesten lauert es, das tief und wirklich Verzweifelte, die schlichte Wahrheit und auch die Selbstentblößung, die immer auch zu unserer eigenen werden kann. Bernhard ist ein zutiefst menschlicher Literat, der uns immer, wenn wir es denn annehmen wollen, ein Spiegelbild vorhält.

      Natürlich ist seine Weltsicht pessimistisch geprägt, oftmals geradezu absurd und dann steckt in ihm auch viel Beckett. Gemeinsam mit Beckett hat er aber auch den Humor. Wenn man die Absurdität des Lebens begreift, wenn man alles letzten Endes nur noch negativ sieht, was bleibt einem dann noch? Das Lachen. Bernhards Lachen ist aus der Verzweiflung geboren und war für ihn vielleicht noch ein letzter Rettungsanker und genau dazu kann es für den Leser auch werden. Wir lachen über die Situationen, die Formulierungen, wir lachen mit ihm, aber letztlich zwingt er uns dazu, über uns selbst zu lachen. Oder zu weinen. Aber beides geht bei ihm durchaus Hand in Hand. Denn Bernhard war ein Meister in der Melange aus Wut, Verzweiflung und Humor.

      Und er war ein Meister des Stils. Endlose Wiederholungen prägen oftmals seine Texte, geradezu absurde Wiederholungen, die aber dann immer wieder eine kleine, wenn auch wichtige Variation aufweisen, mit der das Thema dann voranschreitet. Und es gibt diese Wellenbewegungen. Es baut sich auf zum nächsten 'Furiosum', mal ein langsames Crescendo, mal halt schneller. Dann kommt der Ausbruch, um dann erst einmal wieder zusammenzubrechen in Form eines langen oder kurzen Decrescendo. Und so weiter. Ich kenne kaum einen Schriftsteller, der so musikalisch geschrieben hat wie Bernhard.

      Thomas Bernhard ist vielleicht ein großer Individualist der Literatur. Er ist unverkennbar, extrem eigen, streitbar und anfechtbar. Man kann ihn in eine literarische Linie stellen, man kann versuchen, ihn einzuordnen, aber er springt aus solchen Schubladen auch immer wieder heraus. Bernhard ist eben Bernhard.

      Was von ihm sollte man lesen?

      Zunächst einmal alles. ^^ Es gibt von ihm v.a. Erzählungen, Romane und Theaterstücke und eine erschütternde Autobiographie. Seine Theaterstücke muss man eigentlich sehen, v.a. in den kongenialen Inszenierungen von Claus Peymann, so weit sie noch verfügbar sind. 'Der Ignorant und der Wahnsinnige', 'Minetti', 'Der Theatermacher'. 'Elisabteh II' oder den berüchtigten 'Heldenplatz' (den ich persönlich über weite Strecken gar nicht einmal so genial finde).

      Bei den Romane würde ich sofort 'Alte Meister' oder 'Wittgensteins Neffe' empfehlen, aber auch 'Holzfällen', 'Der Untergeher', 'Beton'. Was aber nur eine kleine Auswahl ist, denn Bernhard war durchaus ein sehr produktiver Autor. Ich denke mal, egal wo man bei ihm einsteigt, man wird immer auf einen typischen Bernhard und gleichzeitig auf einen ganz besonderen treffen. Immer gleich, immer eigen, immer besonders.

      :wink: Wolfram
    • 'Alte Meister' - eine Komödie.



      Nun muss man mit dem Begriff 'Komödie' bei Thomas Bernhard vorsichtig sein. Natürlich gibt es die komischen Stellen, natürlich kann man lachen, aber eigentlich ist es eher eine Art menschlicher Komödie, ein ironischer Blick auf die Lebenstragödie eines Menschen. Oder eher ein ironisch-liebevoller Blick.

      Ein Mensch namens Reger, seines Zeichens Musikwissenschaftler, sitzt seit mehreren Jahrzehnten jeden zweiten Tag im fiktiven Bordone-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums und schaut sich Tintorettos Bild des weißbärtigen Mannes an. In Gesprächen mit einer Person namens Atzbacher offenbart sich nun die ganze Lebensgeschichte dieses Regers, der auch immer ein Selbstporträt von Thomas Bernhard ist.

      Reger entpuppt sich zunächst als ein Mensch, der, ausgehend von seiner obsessiven Betrachtung des Bildes, seine Abneigung gegen die 'Alten Meister' ganz allgemein kundtut, der dann aber grundsätzliche Tiraden gegen quasi alles und jeden in der Kunstgeschichte loslässt. Stifter und Bruckner, Heidegger und Mahler im Besonderen. Dazu die üblichen Beschimpfungen von Staat und Kirche. Nichts und niemand ist vor ihm sicher, vor einem Menschen, der dazu den heftigen Drang hat, jeden anderen Menschen nach seinen Ideen und Vorstellungen zu formen. Aber dann plötzlich blitzt es auch bei ihm auf. Die Verzweiflung angesichts des Todes seiner Frau, das Leiden in der Einsamkeit.

      Wenn es denn ein Selbstporträt ist, dann offenbart sich Bernhard hier ungemein schonungslos. Gleichzeitig entwickelt er in 'Alte Meister' langsam und stilistisch raffiniert musikalisch das Charakterbild eines Menschen, den man einerseits abstoßend findet und den man andererseits ganz langsam beginnt zu lieben, mit dem man aber mindestens ein ungemeines Mitleid verspürt.

      :wink: Wolfram
    • Oh, wie habe ich ihn gelesen in den 80igern!
      Dieses Empören, diese Suaden.
      Und dann den "Untergeher"

      Doch damals schon Theaterstücke wie "Minetti" oder "Der Theatermacher"- Seltsam redundante, langweilige Stücke.

      Vor Monaten griff ich erneut zum "Untergeher". Nix rührte mich mehr an.
      "Auslöschung" legte ich nach ca. 30 Seiten beiseite. Was soll das?
      "Holzfällen" ein entsetzlicher Sermon.

      Nee. Heute erscheint mir Thomas Bernhard wie ein damals total aufgeblasener Luftsack, heute mit nix mehr drin.
      Eben aus der Zeit gefallen und die Probe auf die Ewigkeit nicht bestanden.

      Tut mir leid, ich dachte, es wäre mal anders.
      Gruß aus Kiel

      PS. auch mein Urteil über Arno Schmidt fällt nicht viel günstiger aus: Verklemmter Altherrenschmonz, mehr nicht.
      Damit meine ich nicht das Werk bis "Kaff". Sondern den in Einsamkeit produzierten Kram ab "Zettels Traum."
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Bernhard lesen sehen und hören . . .

      die Stuttgarter UA von Minetti war ja dann Wochen später bereits im ZDF zu sehen (u. dort dann weit vor Mitternacht zu Ende - Zeiten waren das!) - als ich mir Jahre später dann mal den gedruckten Text vornahm, war ich schier entsetzt ob der bleiernen Depri-Stimmung, die mir da entgegenwaberte!!!

      der Eindruck seinerzeit am TV war ein sehr anderer gewesen - Papa und ich (bis dato von Namen wie Peymann, Bernhard und Minetti nie etwas gehört habend!) blieben in einer Mischung aus Ratlosigkeit + Faszination quasi atemlos dabei: heute halte ich die damalige Entdeckung für eines der vier, fünf TV - Schlüsselerlebnisse meiner Jugend! (<= und nein: Hoeneß' verschossener Elfmeter gehört da nicht dazu, Entschuldigung ;) )

      Bernhard-Stücke zu lesen könnte in aller Regel tatsächlich ein zumindest zweifelhaftes Erlebnis sein - ich kann das nur vermuten, weil ich (Tatsache!!) mich nach diesem Minetti-Lese-Schock niemals wieder getraut habe, mir einen Bernhard-Theater-Text pur vorzunehmen... Reich-Ranicki (im Gespräch mit P. Voß vom ZDF) mag schon recht gehabt haben, wenn er Bernhards (so genannte) Theaterstücke eher für Text-Steinbrüche (und also Vorlagen) für motivierte und (hoffentlich im gleichen Maße!) fähige Regisseure hielt....

      meine Bernh.-Theatererfahrung (nach besagter TV-Sendung) sind (i) die beiden (bei 2001 auf DVD herausgekommenen) UA-Inszenierungen von Macht der Gewohnheit u. Der Ignorant und der Wahnsinnige - Erstere durchaus mit ein Highlight meiner (nicht so kleinen) Sammlung an Schauspiel DVDs, letztere - habe ich inzwischen weitergegeben: 'aufgeblasen' hieß es eben bei meinem Vorredner - das trifft es für mich in etwa, will heißen ein rabenschwarzes 40min.-Sketch zerdehnt in einen 110min.-Theaterabend!! (ii) Vor ein paar Jahren hat dann am Staatsschauspiel Nürnberg der damalige Hausherr Klaus Kusenberg Am Ziel herausgebracht - und nach zwei, drei sich ganz ansehnlich lesenden Kritiken bin ich dann tatsächlich 2mal für hingefahren... ...dass sie diese trailer selbst bei so eigensinnigen Sachen mit derart rasanten Schnitten ausstatten müssen, als sei's irgendwas aus Hollywood, naja... ...allzu viel hat er mit der Inszenierung, die ich da gesehen habe, nicht (mehr) zu tun - u. schon gar nicht spielte der Ravel-Bolero eine solche Rolle, wie man es aufgrund dieser zwei Minuten vermuten könnte! youtube.com/watch?v=NCce1nIvMsk

      < = viell. sind dann auch die Bernhard'schen Prosatexte eigentlich eher Vorlagen für Rezitatoren resp. Hörbuch-Sprecher?? (Müsste sehr überlegen, ob ich je einen Bernhard-Prosatext zu Ende gelesen habe!!) ..... Das Kalkwerk, von Ullrich Matthes mit bitterbösen Understatement eingelesen (u. von Regisseur Ulrich Gerhardt mit sehr sparsamen Sound-Effekten versehen!) gehört zu den Highlights meiner Hörbuch-Sammlung - dagegen liegt Beton, von Peter Fitz gesprochen und von Peymann-Spezl Hermann Beil inszeniert, inzwischen in meinem 'Aussortiert'-Fach: schwer zu erklären, was mir daran fast körperlich nicht behagt - vielleicht ist es so etwas ähnliches wie dieses prononcierte Natürlichsein, was die Jelinek am Spiel der Paula Wessely so abstoßend findet....

      :!: Was in jedem Fall für Thomas Bernhard spricht: der Versuch, mal selbst a la maniere de Th. B. zu schreiben, macht durchaus Laune!! Ursprünglich hat mal ein Kalenderblatt-Aprilscherz draus werden sollen, aber dann bin ich vorgestern bei der Einleitung hängen geblieben Eigenes von allen für alle - Jeder herzlich eingeladen!!! - Seite 15 - Literatur: Schreiben - Capriccio Kulturforum (capriccio-kulturforum.de) - und der Rest will Weile haben.......

      :wink:
      Das Schlimmste ist Konsequenz >Bruno Maderna< Fleiß ist gefährlich >Henning Venske ''Inventur''< Majo ist ätzend >Gus Van Sant ''Paranoid Park''<
    • wes.walldorff schrieb:

      Was in jedem Fall für Thomas Bernhard spricht: der Versuch, mal selbst a la maniere de Th. B. zu schreiben, macht durchaus Laune!!
      Oh, ja das macht viel Freude.
      Ich habe mit den Spaß des Öfteren gegönnt, unser Management mit vernichtender Kritik zu überhäufen ohne Punkt und Komma. Ohne Absatz und total redundant in den Vorwürfen, dabei stetig steigernd einen "draufsetzend"
      Ich wollte eigentlich gekündigt werden, doch man nahm mich ernst.
      Auch nicht schlecht.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • < = a propos...

      ernst nehmen und weißes Zeug anhaben.........

      Dieser ''Rechtfertigungstext'' einer überzeugten Impfgegnerin ist m. E. nicht ganz ohne ''schräge'' literarische Qualität - auf korrekte(n) Satzbau/Grammatik hätte sie ihn halt noch mal durchsehen sollen.... Telegram: Contact @liebeisstleben

      Was das nun mit Th. B. zu tun hat? Im Ernst, irgendwie bekam ich das Gefühl, so ein ähnlicher Text** könnte glatt von ihm sein (lebte er heute u. unter den gerade aktuellen Bedingungen!) - diesen** einem fiktiven Ex-Schulfreund, Ex-Studienkollegen usw. in den Mund legend, der ganz offensichtlich eben dabei ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren...

      Holt manche Realität diesen Bernhard inzwischen ein?? Hatte dieser Th. B. gar (leider nicht im positiven Sinn!) visionäre Züge?? Man denke an diese Demo neulich in Kassel - Menschengerümpel, das sich mit perfidem Stumpfsinn Mund- und Rachenflüssigkeiten gegenseitig in die Gesichter schleudert wäre das 'korrekte' Th. B. - Deutsch dazu - und nicht die Bohne übertrieben!!

      Leute ich glaub' ich brauche ein paar Feiertage 8|
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    • Interessant eure Statements zu lesen. Ich kann vieles nachvollziehen, verstehen, auch wenn ich es naturgemäß schon anders sehe.

      Ich habe nach gut 15 Jahren erstmalig wieder Bernhard gelesen und bei mir hatte er überhaupt nicht Effekt, den der Doc beschrieben hat, sondern im Gegenteil empfinde ich ihn um vieles reicher als bei der Erstbegegnung. Sicherlich hat das damit zu tun, dass für mich damals die Suaden stark im Vordergrund standen, die ich heute in ihrer Bedeutung für den einzelnen Text nicht mehr als so wichtig ansehe.

      Spannend für mich ist im Moment die Wiederbegegnung mit den Schauspielen. Aktuell habe ich 'Heldenplatz' gesehen und 'Der Ignorant und der Wahnsinnige', der 'Theatermacher' und 'Elisabeth II' sollen noch folgen. Als ich damals 'Heldenplatz' las, fand ich es sogar stärker als die jetzige Inszenierung (abgesehen von den letzten 20 Minuten), weil ich beim Lesen die Möglichkeit hatte, mir meinen eigenen Rhythmus zu schaffen. Peymann hat zunächst einmal eine großartige Inszenierung geschaffen, keine Frage, mit bewundernswerten schauspielerischen Leistungen. Nur spult sie sich für mein Empfinden zu langsam ab. Die permanenten Wiederholungen der immer selben Klagen werden dann irgendwann schon a bisserl eintönig. Beim Lesen kann ich halt selber den Erregungszustand steuern.

      Überhaupt das Lesen. Ich erinnere mich, dass ich damals bei der Erstlektüre die Romane oftmals laut gelesen habe, was ich als unglaublich gewinnbringend empfand. Und vielleicht ist Bernhard schlichtweg ein geborener Dramatiker, der immer das laut gesprochene Wort braucht. Und das nicht nur für die Suaden, sondern erst recht auch für die leisen, eindringlichen, langsamen und oftmals sehr erschütternden Stellen.

      Ich weiß gar nicht einmal, ob Bernhard visionäre Züge hatte. Letztlich sind seine Suaden mit ihrem Plakativen ja auch Weiterentwicklungen von Stammtischgerede, was es ja immer gegeben hat und wohl auch immer geben wird. Was ihm auch bewusst war und womit er ja auch spielt. Entweder dass er es ziemlich direkt anspricht oder dass er selbstironisch damit umgeht. Die Selbstironie fehlt mir allerdings beim 'Heldenplatz'. Aber das nur nebenbei.

      Mit 'Der Ignorant und der Wahnsinnige' hatte ich zunächst auch meine Problem, dann sah ich es mir unter dem Aspekt 'absurdes Theater', denke aber weiterhin, dass es doch insgesamt zu lang ist.

      :wink: Wolfram
    • wes.walldorff schrieb:

      dagegen liegt Beton, von Peter Fitz gesprochen und von Peymann-Spezl Hermann Beil inszeniert, inzwischen in meinem 'Aussortiert'-Fach: schwer zu erklären, was mir daran fast körperlich nicht behagt - vielleicht ist es so etwas ähnliches wie dieses prononcierte Natürlichsein, was die Jelinek am Spiel der Paula Wessely so abstoßend findet....
      Alternativ gibt es "Beton" z.B. mit Peter Simonischek. Kann man aktuell auch nachhören.
      deutschlandfunkkultur.de/hoers…ml?dram:article_id=493522
      Mich überzeugen hier Werk und Interpretation. Bin aber vielleicht immer zu sehr in Simonischek vernarrt.

      Viele Grüße

      "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
      Markus Lüpertz (www.focus.de, 17.4.2015)
    • Ich möchte hier noch einmal auf eine Peymann-Inszenierung von 2006 hinweisen:

      youtube.com/watch?v=ysREFpuVCB8

      'Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen' - Drei Dramolette von Thomas Bernhard in einer Inszenierung vom Berliner Ensemble und einer Aufzeichnung von den Wiener Festwochen 2006.

      Zunächst einmal ist das eine wirklich köstlich-selbstironische Darstellung, zunächst einmal naturgemäß von Bernhard ausgehend, aber durch die Darstellung des 'Peymann' durch Claus Peymann selber auch eine doppelte. Das ist streckenweise absurdes Theater, das ist aber auch ein Diskurs über Theater als solches, über seine Gegenwart und Zukunft und über die Beziehung von Peymann und Bernhard. Und es ist auch über die Fähigkeit von zwei großen Komödianten, sich selber auf die Schippe zu nehmen.

      Interessant wird es aber bei den Reaktionen des Publikums. All die Aufregerei über die ewig wiederkehrenden Suaden und Tiraden Bernhards über Wien und die Österreicher und das Burgtheater und über den Rest der Welt scheint vorbei und vergessen. An entsprechenden Stellen wird nur noch gelacht. Als ich jetzt 'Heldenplatz' sah, habe ich mich ständig gefragt, warum das eigentlich zu solch einem Theaterskandal führte. Natürlich wurde damals v.a. im Vorfeld der UA Stimmung gemacht, aber vielleicht wird Bernhard heute wirklich langsam, selbst in Österreich, objektiver betrachtet. Das Publikum weiß um die Tiraden, schätzt sie ganz anders ein und hat vielleicht auch eine gewisse Distanz zu sich selber gefunden. Was aber gleichzeitig nicht bedeutet, dass Bernhard nun ad acta gelegt wird. Erst im September hat Peymann in der 'Josefstadt' Bernhard erneut inszeniert.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Erst im September hat Peymann in der 'Josefstadt' Bernhard erneut inszeniert.
      Oh, ich wusste gar nicht, das er noch lebt! Schön! Er wirkte zuletzt ziemlich ver(w)irrt.
      Doch wenn interessiert er noch? Er hat seine Zeit längst gehabt.
      Sehr schön das Dramolette "Claus Peymann kauft sich KEINE Hose und geht mir mir essen" von Stuckrad Barre mit Harald Schmidt als Peymann als Persiflage auf das fast gleichnamige Bernhard Stück .

      Im Ernst: "Bernhards Text" vor der Brust, ich probierte es gerade (die ersten 2 Seiten vom Untergeher) zum Leidwesen von CMS aus, deklamierend durch die Wohnung schreitend, hat schon was, selbst wenn ich es vorlese. Große Vorleser*innen könnten es besser und der Zuhörer*in hält es länger aus.
      Doch was sollen die Texte heute noch bedeuten?

      Ich riskiere mal was: Christian Kracht ist z.B. mit "Faserland" und nun mit "Eurotrash" in seinen Beschreibungen der Gesellschaft, der Welt einfach näher an dem, was wir heute erleben.
      Und er ist unbarmherzlicher: Wir erleben heute Bernhards Suaden teilweise als komisch, als würden Donald Duck oder das HB Männchen in die Luft gehen oder Ekel Alfred monologisieren..
      Sie waren anders gedacht. Heute kann man immerhin noch die Sprache bewundern.
      Peymann als 68iger hat in Bernhards Texten wohl die vergebliche Aufarbeitung der Nazi*innenzeit bzw. deren Verdrängung gefunden und deshalb Bernhard jede Menge Kränze gewunden. Für mich ist das zuviel Transfer. Für mich schrieb sich Bernhard sein Leiden an der Welt ob seiner Krankheit und seiner Biografie, insbesondere seiner langen Nichtbeachtung von der Seele.
      Kracht schreibt einfach nur arrogant elitär mit voller Absicht! Das verärgert den Leser*in viel mehr als Geschimpfe. Dem Le*in(oh falsch gesetzter Stern)ser elitär und arrogant gegenüber zu treten ist normalerweise nicht erlaubt.
      Kracht erlaubt es sich, wie übrigens auch sein großes Vorbild Bret Easton Ellis.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Doc Stänker schrieb:

      Doch was sollen die Texte heute noch bedeuten?

      Doc Stänker schrieb:

      Für mich schrieb sich Bernhard sein Leiden an der Welt ob seiner Krankheit und seiner Biografie, insbesondere seiner langen Nichtbeachtung von der Seele.

      Das könnte man so ähnlich über so einige Literaten schreiben. Imo auch über Kafka. :versteck1:

      Viele Grüße

      "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
      Markus Lüpertz (www.focus.de, 17.4.2015)
    • wes.walldorff schrieb:

      Was in jedem Fall für Thomas Bernhard spricht: der Versuch, mal selbst a la maniere de Th. B. zu schreiben, macht durchaus Laune!! Ursprünglich hat mal ein Kalenderblatt-Aprilscherz draus werden sollen, aber dann bin ich vorgestern bei der Einleitung hängen geblieben Eigenes von allen für alle - Jeder herzlich eingeladen!!! - Seite 15 - Literatur: Schreiben - Capriccio Kulturforum (capriccio-kulturforum.de) - und der Rest will Weile haben.......
      Ich kann zwar nicht nachvollziehen, warum es für einen Autor sprechen soll, wenn man Lust hat, den Schreibstil nachzumachen. Aber es spricht vielleicht für den Autor, wenn man man sofort merkt, dass es sich um eine Nachahmung und nicht das Original handelt.
      Das ist mein größter Einwand gegen Musik, dass Österreicher darin exzelliert haben.
      (Arno Schmidt: Das steinerne Herz)
    • mathisolde schrieb:

      Das könnte man so ähnlich über so einige Literaten schreiben. Imo auch über Kafka
      Da empfehle ich als Gegenmittel die dreibändige Kafka Biografie von Reiner Stach, die sich wie ein Roman liest. Genial.
      Eben gewälzt
      Kafka war sehr gesellig, aber sein Nachlassverwalter Max Brod wollte wohl den Leidensmann in Kafka sehen und hat die Rezeption verstellt.
      Wie sagt Denis Scheck so schön?

      Scheck im Interview mit dem SZ Magazin. schrieb:

      Was ist von Reisegruppen in Prag zu halten, die auf dem Segway Kafkas Lebensstationen abfahren?
      Sie sollten absteigen und sich Reiner Stachs wunderbare dreibändige Kafka-Biografie kaufen. Ich habe früher Kafka regelrecht verachtet, weil er mir in der Schule als jemand präsentiert wurde, der alles verkörperte, wovor ich Angst hatte: ein erfolgloser Schreiber und sexueller Versager, der es nicht schafft, sich von seinem Elternhaus zu lösen und mit einer Frau zu leben. Stach hat mich von meinen Klischees kuriert. Ich hatte mir Kafka immer als verhutzeltes, spilleriges Männlein vorgestellt. In Wahrheit maß er 1,81, was in seiner Zeit eine beachtliche Größe war. Er ruderte und schwamm, war meist braungebrannt und hatte nachgewiesen Sex mit 41 Frauen, Bordellbesuche eingerechnet. Für 40 Jahre und elf Monate Lebenszeit ist das gar nicht schlecht.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Doc Stänker schrieb:

      Da empfehle ich als Gegenmittel die dreibändige Kafka Biografie von Reiner Stach, die sich wie ein Roman liest. Genial.
      Eben gewälzt
      Kafka war sehr gesellig, aber sein Nachlassverwalter Max Brod wollte wohl den Leidensmann in Kafka sehen und hat die Rezeption verstellt.
      Stachs Buch ist vielleicht sehr lesenswert.
      Aber es ist nicht Kafka, den ich verachte, sondern es sind seine Figuren, die mir verschlossen bleiben. Ob Landvermesser, Handelsreisender oder Prokurist - dieser männliche Kleinbürger, seine Eitelkeit und sein Ringen um Beachtung. Vor allem im Proceß dieses unterschwellige Sehnen, in der Welt wenigsten an Widersachern einen ordentlichen Kreis zu haben, der sich ausgiebig und ausdauernd mit einem beschäftigt.
      Ähnlich geht es mir mit Orwells Hauptfigur in 1984.

      Dagegen sind mir der Serious Man der Coens oder Bernhards Beton-Ich und die Härdtls einfach näher.

      Viele Grüße

      "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
      Markus Lüpertz (www.focus.de, 17.4.2015)
    • Doc Stänker schrieb:

      "Auslöschung" legte ich nach ca. 30 Seiten beiseite. Was soll das?
      Du hast immerhin 30 Seiten geschafft? Ich habe mir dieses Buch, das mir (ausweislich der handschriftlichen Widmung) zum 34. Geburtstag geschenkt wurde und seitdem ungelesen bei mir im Regal vor sich hinstaubt, jetzt auch mal vorgenommen. Immerhin: Es gibt zwei Kapitel ("Das Telegramm" und "Das Testament"). Bernhard hat also nicht die gesamten 651 Seiten seines letzten Romans ohne jeden Absatz durchgeschrieben, sondern "nur" die Seiten bis S. 310 und ab S. 311. Und was wollen mir diese jeweils gut 300 Seiten Geschwafel sagen?

      Von Bernhard habe ich gelesen: "Der Atem", "Gehen", "Midland in Stilfs", "Wittgensteins Neffe", "Alte Meister", "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" sowie natürlich "Der Untergeher". Möglicherweise auch noch einiges mehr aus seinem Band "Die Erzählungen" (das erinnere ich nicht mehr präzise). Außerdem habe ich zwei seiner Stücke im Theater gesehen.

      Ich stimme Dir zu:

      Doc Stänker schrieb:

      Heute erscheint mir Thomas Bernhard wie ein damals total aufgeblasener Luftsack, heute mit nix mehr drin.
      Eben aus der Zeit gefallen und die Probe auf die Ewigkeit nicht bestanden.
      Obwohl ich seine Romane und Erzählungen früher mal ganz gut fand (die Theaterstücke weniger), kann ich damit heute nichts mehr anfangen.

      Auch darin stimme ich Dir zu:

      Doc Stänker schrieb:

      Ich riskiere mal was: Christian Kracht ist z.B. mit "Faserland" und nun mit "Eurotrash" in seinen Beschreibungen der Gesellschaft, der Welt einfach näher an dem, was wir heute erleben.
      "Eurotrash" kenne ich noch nicht, aber "Faserland" ist ein einfach nur großartiges Buch.
      :cincinbier:
      Kultur ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Wir haben mehr Umsatz als die Lufthansa, auch wenn man gerade das Gefühl hat, Kunst rangiert so zwischen Spaßbad und Puffbesuch.
      (Jan Josef Liefers in der "Berliner Zeitung")