Das Lucerne Festival gestern und heute

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    • Das Lucerne Festival gestern und heute

      Liebe Capricciosi,

      im Thread über die 2. Sinfonie von Gustav Mahler gab es im Zusammenhang mit der Live-Aufnahme vom Lucerne Festival 2003 unter Claudio Abbado eine kleine Diskussion über die Entstehung des Orchesters. Dies hat mich ermuntert dort eine kurz gefasste Dokumentation über die Geschichte des Festivals zu posten. Da das Thema vielleicht von allgemeinem Interesse ist und nicht unbedingt mit Mahlers Sinfonie zusammenhängt, erlaube ich mir einen eigenen Thread zum Lucerne Festival zu eröffnen, der vielleicht auch dazu ermuntert, eigene Erlebnisse beim Festival mitzuteilen, egal ob schon vor 50 Jahren oder erst knapp vor Corona...

      Die wesentlichen Informationen zur Geschichte des Festivals habe ich aus dem folgenden Buch entnommen und teils wörtlich oder in verkürzter eigener Formulierung übernommen:

      Erich Singer: Lucerne Festival – Von Toscanini zu Abbado
      Verlag Prolibro, Luzern, 2014

      Das Buch ist sehr empfehlenswert, weil es fern von chauvinistischer Lobhudelei die Geschichte des Festivals mit all ihren Ecken und Kanten und auch den internen Auseinandersetzungen im Führungsgremium darstellt.

      Ich werde den Anfang meiner Ausführungen etwas ausführlicher gestalten, weil dadurch deutlich wird, dass Toscanini eigentlich gar nicht der eigentliche Motor des Unternehmens war, sondern Ernest Ansermet und die örtliche Verkehrskommission Luzern.
      Die Gründung von Festspielen in Luzern wurde seit 1936 geplant. Das geschah dabei in erster Linie um den Fremdenverkehr zu beleben, und weniger aus dem Geist als Hort der Freiheit, wie es dann später in lokalpatriotischen Äußerungen oft verbrämt dargestellt wurde.

      Spätestens im ersten Halbjahr 1937 nahm die Planung konkrete Formen an. Im ersten Protokoll einer gemeinsamen Sitzung der Vorstände der Verkehrskommission und des Offiziellen Kurkomitees vom 16.11.1937 ist festgehalten, der Vorsitzende Zimmerei habe die "Anwesenden über vorangegangene Besprechungen mit Herrn Ansermet (Orchester Romand [sic!]) und Herrn Schulthess (Zürich)" orientiert. Weiter liest man: "Der Vorsitzende glaubt, dass die große Veranstaltung den Namen Luzerns als Fremdenplatz mit einem Ruck in den Vordergrund rücken würde. Schon die Mitwirkung berühmter Dirigenten würde eine Sensation bedeuten und die Veranstaltung durch ihre propagandistische Wirkung auch wirtschaftlich rechtfertigen." Der legendäre Dirigent Ernest Ansermet, 1918 Gründer des Orchester de la Suisse Romande,fasste aus menschlichen und künstlerischen Gründen ins Auge, dem in den Folgejahren gültigen Arbeitsvertrag seiner Musiker zu einer sinnvollen Ergänzung zu verhelfen. Diese waren nämlich lediglich für die Konzertsaison, also für rund ein halbes Jahr, fest angestellt; während der anderen Jahreshälfte waren die Mitglieder arbeitslos, was sie zu einem Nebenerwerb zwang. In der Regel verdienten sie sich in der Sommersaison ein Einkommen durch die Mitwirkung in einer Kurkapelle, was der künstlerischen Entwicklung nicht unbedingt förderlich war.
      Deshalb hielt Ansermet nach künstlerisch ergiebigeren Betätigungsfeldern Ausschau, ging auf Mission und fand für sein Anliegen Gehör - in Luzern, nach seinen Worten dem «Montreux der deutschen Schweiz». Das Begehren passte haargenau zu den dortigen Festwochen-Absichten - man benötigte schließlich ein gutes Orchester...

      Ursprünglich wollte man bei der Eröffnung der ersten Festwochen Richard Strauss dabei haben, der zunächst zusagte. Jedoch ergaben sich im Verlauf der Verhandlungen Schwierigkeiten und schließlich lehnte Strauss ab. Über die Gründe gibt es keine klaren Antworten, nur Mutmaßungen...
      Auch Hermann Scherchen sollte (zumindest als Berater und Helfer) eingebunden werden, aber auch dies scheiterte. Der als «Kulturbolschewist» in die Schweiz Verjagte erlebte in Luzern einmal mehr, dass ihn konservative Exponenten der Musikgilde unter Zuhilfenahme der Behörden mit allen Mitteln zurückbanden.

      Schließlich und endlich fand man aber eine beeindruckende Zahl von international bekannten Exponenten der Musikszene, die dem Festival zur Eröffnung Glanz gaben:
      Fritz Busch sprang für Richard Strauss ein. Zudem lagen Zusagen von Toscanini und Bruno Walter vor. Dabei willigte Toscanini spontan ein, neben dem Galakonzert noch zwei weitere Konzerte im Kunsthaus zu dirigieren.

      1938: Das erste Konzert fand am 18. Juli im Kursaal statt unter Ernest Ansermet mit Alfred Cortot als Solist. Dazu hatte Ansermet ein Orchester zusammengestellt, das aus dem Luzerner Kursaal-Orchester bestand und um Mitglieder des Orchestre de la Suissse Romande erweitert wurde. Am 19. August gab es ein weiteres großes Orchesterkonzert unter Fritz Busch, wobei dessen Bruder Adolf als Solist auftrat. Erst am 25. August fand dann das legendäre „Gala-Konzert“ vor dem Wagner-Haus in Tribschen unter Toscanini statt, das seitdem als Geburtstunde des Lucerne Festival und seines Festival-Orchesters angesehen wird. Der als „Elite-Orchester“ bezeichnete Klangkörper ging aus dem von Ansermet zusammengestellten hervor, wurde aber nochmals erweitert. Dies organisierte in erster Linie Adolf Busch in Absprache mit Toscanini. Dabei wurden die Streicher des Orchesters durch das Busch-Quartett, den Geiger Enrico Polo und weitere führende Streichquartette (namentlich nicht genannt) sowie die Geigerin Stefi Geyer verstärkt. Dieses so erweiterte Orchester stand aber nur Toscanini zur Verfügung, nachfolgende Konzerte in Luzern unter Willem Mengelberg und Bruno Walter fanden wieder mit dem von Ansermet zusammengestellten Orchester statt.

      1939: Das von Adolf Busch und Ernest Ansermet zusammengestellte Elite-Orchester stand nun nach einer Intervention von Bruno Walter nicht nur Toscanini, sondern auch anderen Dirigenten zur Verfügung. Walter selbst konnte jedoch wegen der bekannten tragischen familiären Ereignisse nicht teilnehmen und musste während der Proben abreisen (er hätte die 2. Sinfonie von Mahler dirigieren sollen) .

      1940: keine Festwochen.

      1941-42: Auf Initiative des Verkehrsdirektors Pessina wurde das Orchester der Mailänder Scala eingeladen. Dies stieß nicht überall auf Zustimmung, aber man entschied sich für die Lösung, weil dadurch Proben schon in Mailand stattfinden konnten. Ansermet fühlte sich vor den Kopf gestoßen und war nicht bereit zu dirigieren. Man fand schließlich zwei - allenthalben nicht achsenfeindliche - Dirigenten schweizerischer Provenienz, die das Orchestra della Scala di Milano leiten konnten: Robert E. Denzler und Othmar Schoeck. Zusätzlich kamen Victor de Sabata, Antonio Guarneri und Bernardino Molinari. 1942 war auch Tullio Serafin mit von der Partie.

      1943: Es ergaben sich nun doch starke Widerstände gegen die neuerliche Verpflichtung eines Klangkörpers aus einem faschistischen Staat. Ein „Schweizer Orchester“ aus verschiedenen lokalen Orchestern wurde daher gebildet, das als Festwochenorchester der IMF (Internationale Musikfestwochen) von 1943 an ca. 50 Jahre bestand und mit nur einer Ausnahme (1954, siehe unten) bis zur Auflösung Anfang der 90er-Jahre in Luzern auftrat. 1943 war laut Singer «mehr als die halbe Formation des Eliteorchesters von 1939» dabei, u.a. Rudolf Baumgartner, der spätere künstlerische Direktor der IMF. Sicher fehlten dabei aber auch wichtige Exponenten von 1939, wie z.B. das Busch Quartett, das zu der Zeit in den USA war [meine eigene nicht nachprüfbare Meinung]. Auch Toscanini dirigierte das Orchester nach 1939 nicht mehr. Er kam nur 1946 zu sogenannten "Extra-Konzerten" noch einmal nach Luzern, dabei allerdings mit dem Orchester der Mailänder Scala.

      1944: Erstmals tritt Wilhelm Furtwängler ans Dirigentepult in Luzern. Ab 1947 nimmt er regelmäßig bis zu seinem Tod an den Festspielen teil.

      1945-1952: Zum 10-jährigen Jubiläum 1948 konnten Karajan und Kubelik verpflichtet werden. Toscanini jedoch war zu dieser Zeit schon nicht mehr reisefreudig und winkte ab. 1949 entstehen Streitereien zwischen IMF und SMV (Schweizer Musikverband) über Zuständigkeit und Programmgestaltung, die fast zum Zerwürfnis führen. 1952 ergaben sich neue Differenzen.

      1954: Das Philharmonia Orchestra aus England ersetzte das Festspielorchester vollständig, das wohl wegen der beschriebenen Differenzen nicht verpflichtet wurde. Zusätzlich gab es organisatorische Probleme, um die «Gegenpäpste» Karajan und vor allem Furtwängler bei der Stange zu halten. Das Orchester wünschte zwei Konzerte mit seinem Chef (Karajan). Das hätte die Absage Furtwänglers bedeutet, der exklusiv 2 Auftritte verlangte. Es gab dabei Grabenkämpfe der jeweiligen Anhänger: Die einen unterstellten Karajan gewiefte Taktik, warnten vor ihm und fürchteten, Furtwängler werde geopfert. Die anderen argumentierten, Furtwängler sei ein kranker Man, Karajan gehöre die Zukunft. Schließlich fand man einen Kompromiss. Eines der Furtwängler-Konzerte wurde doppelt gegeben und so hatte er am Ende ein Konzert mehr als Karajan.

      1955: Neuer Anlauf und Wiederverpflichtung des Festspielorchesters, das ab jetzt unter dem Namen Schweizer Festival-Orchester (SFO) auftritt.

      1956: Die „Lucerne Festival Strings“ werden gegründet und geben ein erstes Konzert mit Schneiderhan u. Baumgartner. Zusätzlich wird auch das Philharmonia Orchestra als Gastorchester wieder eingeladen. Damit beginnt die Phase der Gastorchesterauftritte, die sich in den folgenden Jahren immer mehr verstärkt.

      1957: Erstmaliger Auftritt der Wiener Philharmoniker. (Davon gibt es einen Mitschnitt von Beethovens Klavierkonzert op. 73 mit Robert Casadesus und Dimitri Mitropoulos).

      Später treten auch die Berliner Philharmoniker auf und ab Mitte der 60er-Jahre amerikanische Orchester.

      1992 (oder 1993 ?) wird das SFO aufgelöst.

      Danach erfolgt vom damaligen Intendanten Bamert der Versuch, ein neues Festivalorchester zu schmieden aus Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchester (GMJO) und des European Community Youth Orchestra (ECYO). Dies gelingt nur zwei Jahre lang (1994-95), in denen verschiedene Dirgenten (Sanderling, Menuhin, Roshdestvenski, Dutoit) künstlerisch erfolgreiche Aufführungen realisieren. Allerdings lässt der Besucherzuspruch zu wünschen übrig und deckt damit in keiner Weise die organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten für die Weiterführung eines solchen „Sommer-Orchesters“. 1996 wird der Plan endgültig aufgegeben.

      1999: Festliche Einweihung des neuen KKL und der „Salle blanche“ durch die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado mit Rihms In-Schrift und Beethovens 9. Sinfonie.

      2000: Claudio Abbado kontaktiert den Intendanten Michael Haefliger und unterbreitet ihm die Idee eines neuen Lucerne Festival Orchestra.

      2003: Eröffnungsgala des LFO unter Abbado mit Debussy’s La Mer. Danach in zwei weiteren Konzerten Aufführung der 2. Sinfonie von Gustav Mahler.

      2013: Letzte Konzerte unter Abbado, der am 20. Januar 2014 in seiner Heimatstadt Bologna stirbt.

      2016: Riccardo Chailly wird Nachfolger von Claudio Abbado
      Aus den Entwicklungen der ersten beiden Jahre erkennt man, dass das erste Luzerner Festival-Orchester nicht im eigentlichen Sinn ein von Toscanini komplett „handverlesenes“ Orchester war, sondern nur durch zusätzliche illustre Kammermusikformationen erweitert wurde. Eine Beständigkeit dieses Orchesters gab es eigentlich auch nur 1938-39. Selbst wenn nach den Angaben des Singer-Buchs im Jahr 1943 „mehr als die halbe Formation des Elite-Orchesters von 1939“ spielte, so war nach meiner Vermutung dann z.B. das Busch-Quartett nicht mehr dabei, das in Kriegszeiten natürlich nicht von USA aus anreisen konnte. Und auch Toscanini dirigierte das Orchester nach 1939 nicht mehr. Er kam nur 1946 zu sogenannten "Extra-Konzerten" noch einmal nach Luzern, dabei allerdings mit dem Orchester der Mailänder Scala.

      Nach dem Krieg war das Festival-Orchester Luzern bzw. Schweizer Festival-Orchester auf jeden Fall ein nationaler Klangkörper. Nur so ließen sich anfänglich überhaupt die Festwochen im organistaorischer und finanzieller Hinsicht realisieren. Dabei gab es allerlei Gerangel um Zuständigkeiten. Mit dem Beginn der Gastspiele fremder Orchester ab den späten 50er-Jahren ging die Bedeutung des Festival-Orchesters offensichtlich allmählich Stück um Stück zurück, so dass die Auflösung 1992 nicht verwunderlich ist.

      So gesehen war der Neuanfang 2003 wirklich von ganz anderer Qualität und der Beginn einer ganz anderen Ära, wo nach anfänglichen stark variierenden Orchesterbesetzungen auch mit den Berlinern und sogar den Wienern (Franz Bartolomey!) so ab 2007 ein klar definierter Klangkörper entstand, wo bis auf wenige Ausnahmen immer dieselbe Besetzung spielt. Natürlich gab es nach dem Tod von Abbado eine größere Veränderung, als Chailly übernahm und Leute aus dem Scala-Orchester unterbringen wollte. Ich war zum letzten Mal 2016 bei einem Konzert des LFO. Über den derzeitigen Stand habe ich aber nun auch wegen Corona keinen Überblick mehr.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • leverkuehn schrieb:

      1954: Das Philharmonia Orchestra aus England ersetzte das Festspielorchester vollständig, das wohl wegen der beschriebenen Differenzen nicht verpflichtet wurde. Zusätzlich gab es organisatorische Probleme, um die «Gegenpäpste» Karajan und vor allem Furtwängler bei der Stange zu halten. Das Orchester wünschte zwei Konzerte mit seinem Chef (Karajan). Das hätte die Absage Furtwänglers bedeutet, der exklusiv 2 Auftritte verlangte. Es gab dabei Grabenkämpfe der jeweiligen Anhänger: Die einen unterstellten Karajan gewiefte Taktik, warnten vor ihm und fürchteten, Furtwängler werde geopfert. Die anderen argumentierten, Furtwängler sei ein kranker Man, Karajan gehöre die Zukunft. Schließlich fand man einen Kompromiss. Eines der Furtwängler-Konzerte wurde doppelt gegeben und so hatte er am Ende ein Konzert mehr als Karajan.


      Mindestens eines der Konzerte aus dem Philharmonia-Jahr ist in guter Qualität mitgeschnitten worden - live aus dem Kunsthaus Luzern am 22. August 1954 (also genau sieben Wochen nach dem Endspiel):

      Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

      Elisabeth Schwarzkopf, Elsa Cavelti, Ernst Haefliger, Otto Edelmann
      Lucerne Festival Chorus
      Philharmonia Orchestra
      Wilhelm Furtwängler



      Meines Wissens ist das Furtwänglers letzte Aufnahme der Neunten (von gut 13 erhaltenen) und meiner unmaßgeblichen Meinung nach in dieser Reihe eine der besten.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind." - Bertrand Russell
    • Mauerblümchen schrieb:

      Meines Wissens ist das Furtwänglers letzte Aufnahme der Neunten
      In der Tat. Und wenn man nur über seine Nachkriegsaufnahmen der Neunten spricht, ist Luzern unter diesen bestimmt seine beste Aufnahme.

      Zu den "Klassikern" der Luzern-Aufnahmen von Furtwängler zählt das Brahms-Violinkonzert mit Yehudi Menuhin und dem Festspielorchester. Erhältlich in vielen Editionen, u.a. in dieser hier

      die auch einige weitere Mitschnitte von Furtwänglers Wirken in Luzern bereit hält.
    • Herzlichen Dank für Deinen wertvollen Beitrag zur Chronik des Lucerne Festivals, lieber leverkuehn.

      Als das Musikfest in der Zentralschweiz noch "Internationale Musikfestwochen Luzern" hiess und in der Tat in der Schweiz ein gesellschaftliches Grossereignis war, erlebte ich meine musikalische Initiation!

      Ich kopiere aus dem Thread zu Bruckner's Sinfonie Nr.3:

      Walter Heggendorn schrieb:

      philmus schrieb:

      Meine allererste Bruckner-Erfahrung, mit 14 von der LP mit Szell und dem Cleveland Orchestra...
      Natürlich die Letztfassung von 1889/90, die ich auch immer noch sehr schätze.
      Für mich war das echt eine Offenbarung: diese Ruhe, in der das gelassene Hauptthema - von der Trompete vorgetragen! - wie ein Naturereignis wirkt...

      Gruss
      Herr Maria
      Werter philmusischer Herr Maria
      Stell dir vor, ich hatte mein erstes Bruckner-Erlebnis auch im Alter von 14 Jahren - ebenfalls mit der Dritten - und sogar auch mit den fetzigen Cleveländlern unter dem akribischen Dirigat des gestrengen Mr. George Szell - und darüberhinaus auch noch live (!!!) ... nämlich anlässlich der Internationalen Musikfestwochen Luzern (IMF)!

      Ich bin meinen klassikaffinen Eltern in alle Ewigkeit dankbar dafür, dass sie mir damals dieses exzeptionelle, ja fürwahr gleichsam existenzielle Konzerterlebnis ermöglicht haben:

      Das Konzert war für mich - dem einsamen Klassik-Freak (den seine Mitschüler deswegen hänselten und mobbten) - ein zutiefst aufwühlendes, ja erschütterndes und letztlich schicksalshaftes Geschehen.

      (Jawohl, die grossen Worte sind durchaus angemessen und angebracht.)

      Der famose Geza Anda spielte vor dem Bruckner-Hochamt Ludwig Van's drittes Klavierkonzert.

      Ich habe ihn daraufhin mit einem Brief kontaktiert.
      Er hat mir sehr freundlich geantwortet, und ich habe schliesslich den Entschluss gefasst, mein Leben fürderhin der Göttin Musica zu widmen ...

      Seither ist Bruckner's Dritte meine wahrhaftige Schicksalssymphonie.

      Weit über 20 Aufnahmen bereichern meine Diskothek: Simone Young (Hamburg) hat durchaus ein Stein auf meinem Brett, und auch der Ekstatiker Stanislav Skrowaczewski (Saarbrücken) kann prächtig punkten bei mir.

      Nachhaltig überzeugen kann mich aber bisher keine neuere Aufnahme. Nun denn, es muss nicht sein. Ich bewege das Erlebnis aus Luzern zeitlebens dankbar in meinem Herzen, und das Ist "Glück's genug".

      Sei herzhaft gegrüsst, lieber "Amigo in Antonio"
      vom Walter aus Bern :cincinbier:
      Insofern verdanke ich dem Festival in Luzern eine lebenswegweisende Erfahrung.

      Gruss aus Bern vom Walter
    • Mauerblümchen schrieb:

      leverkuehn schrieb:

      1954: Das Philharmonia Orchestra aus England ersetzte das Festspielorchester vollständig, das wohl wegen der beschriebenen Differenzen nicht verpflichtet wurde. Zusätzlich gab es organisatorische Probleme, um die «Gegenpäpste» Karajan und vor allem Furtwängler bei der Stange zu halten. Das Orchester wünschte zwei Konzerte mit seinem Chef (Karajan). Das hätte die Absage Furtwänglers bedeutet, der exklusiv 2 Auftritte verlangte. Es gab dabei Grabenkämpfe der jeweiligen Anhänger: Die einen unterstellten Karajan gewiefte Taktik, warnten vor ihm und fürchteten, Furtwängler werde geopfert. Die anderen argumentierten, Furtwängler sei ein kranker Man, Karajan gehöre die Zukunft. Schließlich fand man einen Kompromiss. Eines der Furtwängler-Konzerte wurde doppelt gegeben und so hatte er am Ende ein Konzert mehr als Karajan.

      Mindestens eines der Konzerte aus dem Philharmonia-Jahr ist in guter Qualität mitgeschnitten worden - live aus dem Kunsthaus Luzern am 22. August 1954 (also genau sieben Wochen nach dem Endspiel):

      Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

      Elisabeth Schwarzkopf, Elsa Cavelti, Ernst Haefliger, Otto Edelmann
      Lucerne Festival Chorus
      Philharmonia Orchestra
      Wilhelm Furtwängler



      Meines Wissens ist das Furtwänglers letzte Aufnahme der Neunten (von gut 13 erhaltenen) und meiner unmaßgeblichen Meinung nach in dieser Reihe eine der besten.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Aufführung der IX. von Beethoven war das erwähnte Programm, das doppelt gegeben wurde (21. & 22.8.54)
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Herzlichen Dank für Deinen wertvollen Beitrag zur Chronik des Lucerne Festivals, lieber leverkuehn.

      Als das Musikfest in der Zentralschweiz noch "Internationale Musikfestwochen Luzern" hiess und in der Tat in der Schweiz ein gesellschaftliches Grossereignis war, erlebte ich meine musikalische Initiation!

      Ich kopiere aus dem Thread zu Bruckner's Sinfonie Nr.3:

      Walter Heggendorn schrieb:

      Stell dir vor, ich hatte mein erstes Bruckner-Erlebnis auch im Alter von 14 Jahren - ebenfalls mit der Dritten - und sogar auch mit den fetzigen Cleveländlern unter dem akribischen Dirigat des gestrengen Mr. George Szell - und darüberhinaus auch noch live (!!!) ... nämlich anlässlich der Internationalen Musikfestwochen Luzern (IMF)!


      ...

      Der famose Geza Anda spielte vor dem Bruckner-Hochamt Ludwig Van's drittes Klavierkonzert.
      Insofern verdanke ich dem Festival in Luzern eine lebenswegweisende Erfahrung.

      Gruss aus Bern vom Walter
      Dein Erweckungskonzert war dann also am 3.9.1966...

      Mein eigener erster Besuch in Luzern fand 1975 statt, zu einer Zeit, als für mich Reisen zu Konzerten in fernen Städten und Ländern eigentlich noch überhaupt kein Thema waren. Aber damals ritt ich gerade auf meiner ersten - nicht Corona- :D - sondern Mahlerwelle und hörte speziell die 9. Sinfonie so im Abstand von ca. 10 Tagen, zumeist in der Aufnahme mit Barbirolli. Da fiel mir bei der damals abonnierten NZfM ein Programmprospekt aus Luzern in die Hände, wo die 9. von Mahler mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Pierre Boulez angekündigt wurde. Das war für mich der Antrieb, das zu Studentenzeiten nicht reichlich vorhandene Geld zu sichten und zu sammeln, um eine Kurzreise nach Luzern zu diesem Konzert zu finanzieren.
      Damals wurden die IMF, wie sie noch hießen, in dem nicht sehr attraktiven Kunsthaus durchgeführt, das dort stand, wo sich heute das KKL befindet. Ich hatte natürlich einen billigen Platz, sehr weit hinten, in einem Bereich, der gar nicht mehr zum eigentlichen Saal gehörte, so weit ich mich entsinne. Akustisch war das nicht optimal und so richtig erinnern kann ich mich an das Konzert nun doch nicht mehr.
      Danach kam ich erst 2005 wieder nach Luzern, auf Betreiben von guten Freunden, die ich regelmäßig in Salzburg bei der Mozartwoche und bei den Osterfestspielen traf. Das war dann natürlich alleine vom Saal und der Akustik im neuen KKL etwas ganz anderes. Als Einstand erlebte ich dort die 7. von Mahler mit Abbado und auch ein Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra unter dem damaligen Chef Daniel Harding. Dieser Besuch war für mich in gewissem Sinn weichenstellend, denn ich meldete mich damals als Unterstützer und "Friend" beim Mahler Chamber Orchestra an und durfte von da an bei allen Proben des Orchesters dabei sein, besonders natürlich in Luzern, wenn sie mit Abbado spielten, aber auch an allen anderen Spielorten, wo ich das Orchester hörte. 2005 war das Orchester noch nicht so richtig aus den Kinderschuhen gewachsen (es hatte sich 1997 gegründet mit Hilfe von Abbado, als viele der Mitglieder des GMJO gleichzeitig die Altersgrenze erreicht hatten und ausscheiden mussten, aber eben weiter zusammen musizieren wollten). Ich habe es seitdem bei über 100 Konzerten gehört und miterlebt, wie es immer besser und auch professioneller wurde. Ein Höhepunkt dabei war die sogenannte "Beethoven Journey", bei der alle 5 Beethoven-Klavierkonzerte und auch die Chorfantasie zusammen mit Leif Ove Andsnes (Klavier und Leitung) in vielen europäischen und überseeischen Städten aufgeführt wurden. Alle Musiker sind mit einer ungeheuren Begeisterung bei der Sache und scheuen nicht die Nachteile eines internationalen Tournee-Orchesters, das keinen festen Sitz hat und immer unterwegs ist. Desto schwieriger ist die derzeitige Situation, wo seit dem Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr wohl mehr als 90% der Auftritte ins Wasser gefallen sind.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Meine Aufnahmen von den IMF Luzern bzw. vom Lucerne Festival sind folgende:



      Mozart, Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur, KV 467
      Dinu Lipatti, Schweizer Festspielorchester, Herbert von Karajan (Aufnahme vom 23.8.1950)
      Dies ist eine wahre Perle in meiner Vinyl-Sammlung (noch als 10" gepresst !!)




      Mozart, Klavierkonzert Nr. 20 d-moll, KV 466
      Clara Haskil, Philharmonia Orchestra, Otto Klemperer (Aufnahme vom 8.9. 1959)

      Beethoven, Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur, op. 73
      Robert Casadesus, Wiener Philharmoniker, Dimitri Mitropoulos (Aufnahme vom 1.9.1957)




      Dvorák, Cellokonzert op. 104
      Pierre Fournier, Schweizer Festspielorchester, István Kertész (Aufnahme vom 16.8.1967)

      Saint-Saëns, Cellokonzert Nr. 1
      Pierre Fournier, Orchestre Philharmonique de la RTF Paris, Jean Martinon (Aufnahme vom 10.9.1962)

      Pablo Casals, "El cant dels ocells"
      Pierre Fournier, Festival Strings Lucerne, Matthias Bamert (Aufnahme vom 4.9.1976)




      Schubert, Sinfonie Nr. 7 h-moll
      Wiener Philharmoniker, Claudio Abbado (Aufnahme vom 5.9.1978)

      Beethoven, Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36
      Richard Wagner, "Siegfried-Idyll"
      Chamber Orchestra of Europe, Claudio Abbado (Aufnahme vom 25.8.1988)


      [ohne Bild]
      Eröffnungskonzert im neuen KKL Luzern, Aufnahme vom 19.8.1998
      (limitierte nicht käufliche Sonderedition)
      Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-moll, op. 125
      Soile Isokoski, Birgit Remmert, Reiner Goldberg, Bryn Tefel
      Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado




      darin enthalten:
      Debussy: Auszüge aus "Jeux"
      Boulez: Notations & Auszüge aus Répons
      Lucerne Festival Academy Orchestra, Pierre Boulez (Aufnahmen 2009)




      darin enthalten:
      Mozart: Konzertarien KV 369, 579 und 583
      Rossini, Ouvertüre zu "La scala di seta"
      Fauré: Pelléas et Mélisande, op. 80
      Ligeti: Concert Romànesc
      Ligeti: Mysteries of the Macabre

      Mahler Chamber Orchestra, Barbara Hannigan (Sopran und Leitung), (Aufnahme vom 16.8.2014)
      und zusätzlich eine umwerfende Hannigan-Performance im kleinen Schwarzen bei Mysteries of the Macabre




      Bruckner, Sinfonie Nr. 1 (Wiener Fassung)
      Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado (Aufnahme 17./18.8.2012)




      Bruckner, Sinfonie Nr. 4
      Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado (Aufnahme vom Gastspiel in Tokyo, 18./19.10.2006)




      Prokofiev, Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur, op. 26
      Mahler, Sinfonie Nr. 1
      Yuja Wang, Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado (Aufnahme 11.-15.8.2009)




      Bruckner: Sinfonie Nr. 9
      Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado (Aufnahme 23.-26.8.2013)

      Das war der letzte öffentliche Auftritt Abbados. Ich war in der ersten Aufführung vom 23.8., wo man schon sah, dass es ihm unwahrscheinlich schwer fiel. Eine Geigerin des MCO sagte mir später, dass viele bei der letzten Aufführung am 26.8. befürchteten, er würde es nicht durchstehen und während der Aufführung zusammenbrechen.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Ja, ich habe auch einige in der Sammlung, eigentlich ohne es genau zu wissen.
      Das Konzert mit Haskil/Klemp habe ich schon ewig, das es nun neu aufgelegt wurde und endlich so sauber klingt, als wäre es neu abgeputzt, ist wunderbar.
      Es war übrigens der erste(?) Auftritt Klemperers nach seinem Brandunfall.
      Doch es gibt noch andere Schätze.
      Fleisher und Annie Fischer

      oder ein Szell Konzert:

      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.