Einstürzende Neubauten - Keine Schönheit ohne Gefahr

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Algabal schrieb:


      (...) Und ich erinnere mich an einen ziemlich derangierten Einkaufswagen mit Metall-/Blechgerümpel drin. An den waren irgendwelche Tonabnehmer montiert und das Ding wurde auf der Bühne rumgeschoben, hin- und hergeknallt oder dagegengetreten. War ziemlicher Krach.
      Ich war auch ziemlich baff, als ich den Einkaufswagen zum ersten Mal im Einsatz gesehen habe. Es ist so genial, dass - ursprünglich aus der Not geboren, weil eben keine Instrumente zur Verfügung standen - solch eine Klangästhetik entstehen konnte.
    • Cosima schrieb:

      motiaan schrieb:

      Hi,

      angeregt durch diesen Faden habe ich mir jetzt die mir noch fehlenden Studioalben bestellt :D
      Ja, Wahnsinn. :thumbup: Welche sind das denn?
      Kollaps, Zeichnungen (die hatte ich damals als LP), Tabula Rasa, Ende Neu, Perpetuum Mobile (20 € inkl. Porto :S ), SIlence is Sexy (2-CD-Version), Alles wieder offen, Jewels, Lament, Alles in allem. Grundstück kommt wohl auch noch dran.

      Lament gefällt mir bisher nicht so, habe bei Spotify probegehört.
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • motiaan schrieb:

      Cosima schrieb:

      motiaan schrieb:

      Hi,

      angeregt durch diesen Faden habe ich mir jetzt die mir noch fehlenden Studioalben bestellt :D
      Ja, Wahnsinn. :thumbup: Welche sind das denn?
      Kollaps, Zeichnungen (die hatte ich damals als LP), Tabula Rasa, Ende Neu, Perpetuum Mobile (20 € inkl. Porto :S ), SIlence is Sexy (2-CD-Version), Alles wieder offen, Jewels, Lament, Alles in allem. Grundstück kommt wohl auch noch dran.

      Lament gefällt mir bisher nicht so, habe bei Spotify probegehört.
      Wow, da hast Du aber zugeschlagen. Bin gespannt auf Deine Eindrücke. :thumbup: Bei "Perpetuum Mobile" hast Du aber noch Glück gehabt, die suche ich schon länger. "Silence is Sexy" ist ganz anders als alles davor, nicht mehr Lärm - Stille war das Motto. "Lament" ist schwierig, da es eigentlich zu einer Performance gehört. Aber das Thema ist interessant. "Grundstück" habe ich auch noch nicht...

      Es bleibt offen und spannend.
    • Cosima schrieb:

      Beryllo schrieb:

      Hallo Cosima,
      Ich habe die Neubauten um 2005/2006 im Konzert erlebt. 2004 hatte ich mir "Perpetuum Mobile" gekauft und die Musik daraus bildete das wesentliche Material im Konzert. Die Halle war ausverkauft und es war absolut grandios, vor allem auch die Klangwelten der verschiedenen Instrumente dabei vor Augen geführt zu bekommen.
      Gruß, Frank
      Hi Frank,

      ich hoffe, Du hast die CD noch und hältst sie in Ehren. Es ist das einzige der Studio-Alben, das mir noch fehlt, weil es derzeit out-of-print ist und gebraucht nur noch teuer zu bekommen ist. Also bewahre Deinen Schatz gut auf. :)

      Gruß, Cosima
      Hallo Cosima,

      Der wahre Schatz ist eine Doppel-LP! :) Jetzt kommt es noch besser, denn später habe ich mir die CD auch noch gekauft, um die Musik auch egal wo mit einem CD-Radio zu hören. Die Musik ist inzwischen auf der Festplatte. Ich höre fast immer die LP, kann aber auch streamen. Du kannst die CD gerne haben. Schreibe mir eine Konversation mit deiner Adresse und ich sende sie Dir.

      Gruß, Frank
    • Beryllo schrieb:


      Hallo Cosima,

      Der wahre Schatz ist eine Doppel-LP! :) Jetzt kommt es noch besser, denn später habe ich mir die CD auch noch gekauft, um die Musik auch egal wo mit einem CD-Radio zu hören. Die Musik ist inzwischen auf der Festplatte. Ich höre fast immer die LP, kann aber auch streamen. Du kannst die CD gerne haben. Schreibe mir eine Konversation mit deiner Adresse und ich sende sie Dir.

      Gruß, Frank
      Wow, ich bin total gerührt! Das hätte ich nie erwartet. Wahnsinn, herzlichen Dank, lieber Frank. Ich schreibe Dir natürlich sehr gerne.

      LG, Cosima
    • Kleiner Einschub - weil es gerade chronologisch passt -, bevor es demnächst mit „1/2 Mensch“ weiter geht. (Übrigens kann auch gerne jemand anderes Besprechungen beisteuern. Algabal oder motiaan, möchte jemand von Euch das nächste Album übernehmen?)

      Kurz zurück zu dem Patienten O.T. und den Aufnahmen im Berliner Studio in 1983.

      Blixa Bargeld erinnert sich: „Wir hatten einen eigenen Schlüssel und konnten zu unmöglichen Tages- und Nachtzeiten dort hinein. Ich kann mich noch an eine nächtliche Session mit Nick Cave erinnern, während der ich in einer immensen Lautstärke Gitarre gespielt habe. So laut, dass Nick Cave überzeugt war, ich müsste auch bei seinen Bad Seeds spielen.“ (1)

      Dieses Angebot nahm Bargeld an, ein Jahr später (1984) erschien das Debut „From Her to Eternity“. Ein großartiges Album. :verbeugung1:




      Ich liebe Nick Cave extrem, fast alles von ihm. Aber das wäre ein eigenes Thema. Dieses 1. Album bedeutete eine Wende für Cave und seine Art, Musik zu machen. Und daran hatte Blixa Bargeld entscheidenden Anteil.

      Nick Cave über Bargelds Einfluss: „Well, I guess we weren't kicking people in the teeth anymore. I mean, it just became different. I wanted it to be more lyrically orientated and getting Blixa Bargeld from Einstürzende Neubauten in the group made an incredible difference. He's a completely kind of atmospheric guitarist and incredibly economical and it gave me room to breathe." (2)

      Als Eindruck dazu dieser geniale Song „Saint Huck“ vom Debutalbum. Nick Cave & The Bad Seeds, live gespielt in Hamburg am 15. August 1987. Man beachte auch die Coolness und Lässigkeit (die Fluppe im Mundwinkel 8) ), mit der Bargeld Gitarre spielt:

      youtube.com/watch?v=lncYnkSeNFc

      Holy shit, was für ein geiler Stoff, was für eine Power, grandios :verbeugung1: ... und erst der Auftakt zu so vielen fantastischen Songs. Auch bei Cave sollte man einen Blick auf die Texte werfen, er ist ein großartiger Songschreiber. Gleichwohl ist es von Vorteil, wenn man ein Faible für die „dunklere Seite“ hat, bei Cave geht es oft um Tod und Tragik.


      Quellen:
      (1) Chronik Sonic Seducer, Einstürzende Neubauten, S. 20
      (2) en.wikipedia.org/wiki/From_Her_to_Eternity
    • Cosima schrieb:

      Kleiner Einschub - weil es gerade chronologisch passt -, bevor es demnächst mit „1/2 Mensch“ weiter geht. (Übrigens kann auch gerne jemand anderes Besprechungen beisteuern. Algabal oder motiaan, möchte jemand von Euch das nächste Album übernehmen?)
      Ich kann/würde gern "Haus der Lüge" übernehmen, denn das kenne ich am besten.
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • In einer Amazon-Rezension wurde "Perpetuum Mobile" gelobt, aber mit dem Verdikt bedacht, dass die Neubauten nun auch alt und zahmer sind. Das finde ich nicht in der Musik (und schon gar nicht in den Texten), auch wenn der frühere Krach mancher Instrumente fehlt. Es hat alles seine Zeit und das Album stellt einen Neuanfang dar, den die Gruppe gebraucht hat. Sie haben sich nicht komplett neu erfunden, sondern weiterentwickelt. Die Gruppe hat dabei hervorgehoben wie wichtig der Einfluss der Unterstützer war, die sich zum ersten Mal aktiv bei der Aufnahme einbringen konnten. Das Album ist rundum ein großer Wurf, alle Lieder sind sehr gut und manche herausragend, insbesondere der Schluss mit "Grundstück".
    • Beryllo schrieb:

      In einer Amazon-Rezension wurde "Perpetuum Mobile" gelobt, aber mit dem Verdikt bedacht, dass die Neubauten nun auch alt und zahmer sind. Das finde ich nicht in der Musik (und schon gar nicht in den Texten), auch wenn der frühere Krach mancher Instrumente fehlt. Es hat alles seine Zeit und das Album stellt einen Neuanfang dar, den die Gruppe gebraucht hat. Sie haben sich nicht komplett neu erfunden, sondern weiterentwickelt. (...)
      Lieber Frank,

      ich stimme Dir in jedem Punkt absolut zu. Mir gefällt tatsächlich jedes Album der Neubauten, wobei ich schon meine Lieblinge habe. Aber die Band war immer besonders kreativ und hat neue und ungewöhnliche Wege/Geräusche/Klangwelten gesucht. Bargeld hat in verschiedenen Interviews gesagt, dass sich häufig für ihn Türen auftaten, von deren Existenz er vorher gar nichts geahnt hatte. Ein Freigeist und ein Feingeist.

      Auf Perpetuum Mobile komme ich ganz sicher noch zurück… :)

      LG, Cosima
    • Das 3. Album der Einstürzenden Neubauten aus 1985 könnte direkt irgendeiner Dystopie entsprungen sein, so bizarr und verstörend klingt es gleich zu Anfang.

      Mit 1/2 Mensch ging die Band neue Wege - in jeglicher Hinsicht.




      Kurz zu den Fakten: Die Besetzung bestand aus Blixa Bargeld, N. U. Unruh, FM Einheit, Mark Chung und Alexander Hacke. Aufgenommen wurde das Album im Berliner Hansa-Studio, Produzent war immerhin Gareth Jones (u.A. Depeche Mode).

      Während die ersten beiden Alben noch eher brachialer Lärm waren und die Texte improvisiert wirkten, gelang den Neubauten mit 1/2 Mensch ein echter Meilenstein. Das Album ist immer noch laut, gleichwohl ist es eine faszinierende Mischung aus (teilweise tanzbaren) Rhythmen, Melodien, düsteren Texten und apokalyptischen Bildern.

      Das Album ist insgesamt musikalisch strukturierter, über die Songtexte sagt Bargeld: „Für die Texte von 1/2 Mensch habe ich im Bett die Nächte durchwacht bei dem Versuch „Trinklied“ zu schreiben. Ich habe unglaublich viele Zettel mit absurd vielen Strophen vollgeschrieben; für mich der Beginn des tatsächlichen Schreibens.“ (1)

      Das Titelstück Halber Mensch mit dem beschwörenden Chorgesang ist beklemmend:

      Halber Mensch
      Sieh deine zweite Hälfte
      die scheinbar grundlos
      schreiend erwacht
      schreiend näher kommt
      Du siehst sie nicht
      Bist gefesselt vom Abendprogramm
      Geh weiter in jede Richtung
      Wer geteilt ist, hat nichts mitzuteilen (2)

      Yü-Gung (Fütter mein Ego) - einer der bekanntesten Songs der Band, beschreibt die Auswirkungen von Amphetamin-Sucht und Schlaflosigkeit. Der uhrwerkähnliche Klackerrhythmus besteht aus dem Hacken einer Rasierklinge auf einen Spiegel. Nicht die einzige Anspielung auf den damaligen Drogenmissbrauch…

      Meine Favoriten auf dem Album sind Letztes Biest (am Himmel), Seele brennt und Sehnsucht (zitternd). Diese Songs, in denen Bargeld seine Stimme (die ich so liebe!) perfekt einsetzt - mal qualvoll, zärtlich, rauschhaft oder mit seinem charakteristischen Schrei - sind für mich unverzichtbar geworden und berühren mich bei jedem Hören neu. Es ist, als würde ich jedes Mal weitere interessante und emotional bewegende Details entdecken. Allein die Zeilen „Die letzte Bestie am Firmament. Ich bin das letzte schöne Sternentier.“ (2) finde ich umwerfend. Vielleicht ist dies sogar mein Lieblingssong. Aber eigentlich sind sie alle großartig auf diesem Album.

      Etwas ganz Besonderes ist auch die Coverversion von Sand - ursprünglich gesungen von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood. Bargeld singt beide Stimmen… und zwar zum Niederknien, einfach grandios. :verbeugung1: Hier in der Live-Version aus dem Rockpalast (die CD/DVD dazu empfehle ich gerne nochmals nachdrücklich; die muss man haben, wenn man die Neubauten liebt):

      Einstürzende Neubauten - Sand (Live 1990)

      Das ganze Album 1/2 Mensch ist meiner Meinung nach perfekt. In jeder Hinsicht. Es ist stilistisch großartig und zeitlos, jede Zeile könnte auch heute so geschrieben worden sein. Ein absolutes Meisterwerk!


      Quellen:
      (1) Sonic Seducer Chronik, Einstürzende Neubauten
      (2) neubauten.org/de/halber-mensch
    • Noch ein kleiner Hinweis für die-hard Fans (wie mich 8) ).

      Kürzlich habe ich mir die Dokumentation „Liebeslieder“ der Einstürzenden Neubauten gekauft (als Download, da als DVD nur gebraucht und teuer verfügbar):



      Der erste Abschnitt (bis 1993) der Bandgeschichte wird darin umfassend gezeigt. Die Doku spannt den Bogen von den Anfängen bis zum Beginn der 80-er Jahre bis in die erste Hälfte der 90-er Jahre. Die Industrial/Noise-Musik der Neubauten entwickelte sich von aus dem Augenblick heraus entstehenden, improvisierten Stücken hin zu konstruierteren Songs. Die Sichtweisen der Bandmitglieder dazu sind interessant.

      Es sind zu sehen: Interviews mit den Bandmitgliedern, Kommentare Dritter aus dem Umfeld, Auszüge aus beeindruckenden Live-Auftritten und von Videos. Die Songs aus der Trackliste werden nicht komplett ausgespielt, vermitteln aber trotzdem einen tollen Einblick. Zum Beispiel wird die bekannte Aufnahme aus dem Inneren einer Autobahnbrücke gezeigt. Wahnsinn das Ding, was für ein Anfang für eine Band… 8o . Außerdem wird in dem Film die internationale Wirkung der Band beleuchtet.

      Für mich war es auch interessant, die verschiedenen „Instrumente“ im Einsatz zu sehen. Faszinierend, was alles so zur Geräusch- und Sounderzeugung herangezogen wurde.
    • motiaan schrieb:

      Gerade gehört aus der Tube, da natürlich heute nicht mehr wirklich erhältlich: Einstürzende Neubauten ‎– Live In Kunstkopfstereo, Live am 1.4.80. Beeindruckend.
      youtube.com/watch?v=1WxVcu8czpY
      Ich bin total begeistert, dass Du den Mitschnitt ihres 1. Konzertes gefunden hast. Einfach super :verbeugung1: .

      Ich hatte nicht einmal danach gesucht, weil ich nicht vermutet hätte, dass überhaupt ein Tape davon existiert. Großartig, das jetzt hören zu können! :thumbup:

      Die Besetzung bestand aus: Blixa Bargeld (Gesang und Gitarre), Beate Bartel (Bass), Gudrun Gut (Korg MS-20 Synthesizer) und N.U. Unruh (echtes Schlagzeug).

      Die Musik ist schon irgendwie anstrengend durch die ständigen Wiederholungen, das wirkt alles sehr roh und improvisiert. Trotz des konventionellen Instrumentariums klingen die Neubauten aber schon damals „anders“. Aus dem Stück „Gier“ wurde später „Tanz debil“ auf „Kollaps“.

      Ich habe eine tolle Fanseite gefunden, u. A. mit einer chronologischen Übersicht der bekannten Konzerttermine, teilweise mit Fotos, Tourpostern, Tickets, Zeitungsausschnitten etc.. Eine echte Fundgrube, auch für die Sachen von Nick Cave & The Bad Seeds, Die Haut usw.:

      fromthearchives.org

      Dort kann man nachlesen, dass dieses Konzert im Moon-Club vor ca. 50 Leuten stattgefunden hat. Sie spielten improvisierte Musik zu Super-8-Filmen. Das Konzert wurde von der Band mitgeschnitten und später als Kassette in Blixas Laden „Eisengrau“ verkauft.

      Auf der Fanpage findet man auch Presseartikel, die einen Eindruck vermitteln, wie die Neubauten damals beim Publikum ankamen.
      Ein Beispiel aus Köln vom 3.11.1981:

      „Blixa Bargeld, gekleidet in Allzweck-Gummi und Leder, urschrie sich genußvoll dem Untergang entgegen. F.M. Einheit wuchtete gnadenlos den Hammer auf‘s Stahl und erkletterte, als würde ihm das nicht genügen, ein Fenstersims der Halle, wo er einem einsamen Stahlträger das Klingen beibrachte. (...) Genug, das Kölner Publikum zeigte sich milde beeindruckt und verlangte keine Zugabe.“ — Zwischendurch hatte man Bargeld mit Bierdosen beworfen... 8o Das Publikum war irgendwie noch nicht bereit für diese Musik. :D

      1985 gingen die Neubauten bereits auf Welttournee, inkl. Auftritten zum 1. Mal in Japan und zum 2. Mal in Nordamerika.

      Die Neubauten waren 1993 Vorgruppe zu U2 in Rotterdam. In einem Interview sagte Bargeld mal, dass er das von Anfang nicht gewollt hatte. Und so wurden sie beim Konzert auch vom ersten Moment an vom Publikum bombardiert und nach dem ersten Gig wieder gefeuert. Einen Zeitungsbericht dazu findet man auch auf der Seite.

      Was für eine erstaunliche Band-Geschichte. -- Demnächst weiter mit „Fünf auf der nach oben offenen Richterskala“. :)
    • motiaan schrieb:

      Krasses Zeug.
      Allerdings. =O

      Ja, das ist verrückt. Auch nach diesen ersten Aufnahmen hatte ich gar nicht gesucht, ich war viel zu sehr auf die bekannten Studioalben fixiert. Dabei merke ich jetzt, wie wichtig diese erste Phase zum Verständnis ist. Die „Stahlmusik“-Aufnahme und das Video aus dem Inneren der Brücke sind fantastische Dokumente. :thumbup: Klar, das ist krasser Stoff, hat auch mit Drogenkonsum zu tun. Und es ist laut und lärmig.

      Aber wenn es einfach nur nerviger Lärm wäre, würde es nicht so faszinierend und anziehend wirken. Da geht es mir wie Nick Cave bei seinen ersten Eindrücken, die er mit dem schreienden Blixa Bargeld hatte: Er fühlte sich sofort vereinnahmt und hingezogen. Er sah da etwas, was unter der Oberfläche war, was vielleicht nur dem Gefühl oder Unterbewusstsein zugänglich war. Denn da ist sehr viel mehr als laute, chaotische Geräusche und ein kreischender Mensch.

      Ich versuche mir das zu erklären: Was ist so anziehend an dieser Art der Musik (die eigentlich keine Musik sein will), die vor über 40 Jahren entstand? Wieso geht mich das heute noch an?

      Ein paar Antworten habe ich in dieser Masterarbeit aus 2012 gefunden:

      Ryszka, M. A. (2012). The Experimental Music of Einstürzende Neubauten and Youth Culture in 1980s West Berlin, University of Calgary, Calgary
      prism.ucalgary.ca/handle/11023/259

      Extrem lesenswerter Stoff! Ryszka untersucht u. A. in seiner Arbeit, inwiefern die Musik der Neubauten die gesellschaftspolitische Atmosphäre West-Berlins in den 1980er Jahren widerspiegelt. Neben der einzigartigen Umgebung und den besonderen Bedingungen in Berlin, ist aber auch die Musik der Neubauten an sich einzigartig, denn die Band war immer offen für neue Entwicklungen und Experimente - bis heute. Für mich ist die Musik der EN komplett zeitlos.

      Bargeld sagt in einigen Interviews (u.A. bei Roger Willemsen, siehe oben), dass er Rockmusik verabscheute und 99 % der Musik für ihn „Sch….“ sei. So ist es nur konsequent, dass er als „destruktiver Charakter“ im Sinne Walter Benjamins „Platz schaffen“ wollte für Neues. Die Neubauten sind die erste Band, die gefundene Objekte und Schrottteile als Musikinstrumente in einem populären Musikkontext verwendet hat. Damit sprengten sie auch die Grenzen des bisher Bekannten mitsamt der vorhandenen Strukturen in der Musik und rissen die Erwartungshaltung des Publikums ein. Aus dem Chaos entstanden Strukturen, das Alte musste zerstört werden, um etwas Neues aufzubauen.

      Dabei war die Idee am Anfang, aus den gefundenen Objekten Musik zu machen und einzigartige, aber vertraute Umgebungen zum Spielen aufzusuchen, wie den niedrigen Raum in der Brücke im Video oder den leeren Wasserturm (für den Song Wasserturm aus dem Album Zeichnungen des Patienten OT), um zu sehen, wie der Raum als Teil der Performance genutzt werden kann. Wobei Architektur nicht nur in den Performances der Neubauten eine Rolle spielte, sondern auch in den von Bargeld verfassten Texten immer wieder vorkommt. Sogar die Albumtitel enthalten Bezüge zur Architektur.

      Interessant sind auch Ryszkas Überlegungen zum markanten Schrei Bargelds.

      "Ich kam vom Schreien zum Singen” – Blixa Bargeld (aus Bargeld, Stimme Frißt Feuer, 110)

      Von Anfang an fühlte sich Bargeld zu dem rohen Klang von Gebrüll und Geschrei hingezogen, wie diese frühen Aufnahmen belegen. So wie sich die Band gegen konventionelle Instrumente und die bekannte Musik-Performance gewandt hatte, wandte sich Bargeld durch die Einbeziehung des Schreis von der Sprache als alleinigem Ausdruck von Emotionen ab. Bargeld selbst hat gesagt, dass er sehr lange schreien kann, weil er das Schreien als Ausdrucksmittel trainiert hat.

      Menschen sind auf den Schrei an sich in besonderer Weise eingestimmt, er ruft in uns allen eine Reaktion hervor. Bargeld stellte den Schrei aber in einen völlig neuen Kontext, indem er ihn quasi "musikalisierte", so wie es die Band mit Objekten getan hatte, die eigentlich anderen Zwecken dienten. Der Schrei ist ein ungehemmter, ursprünglicher Ausdruck und Bargeld sagte in manchen Interviews, dass es in den Anfängen der Band für ihn von Vorteil war, die Kontrolle auf der Bühne zu verlieren. Der Schrei appelliert an unsere Ur-Instinkte, er braucht kein sprachliches Verständnis (wie man bei Säuglingen sieht). Er wird als körperlicher Ausdruck vieler Emotionen wahrgenommen - als direkter Ausdruck von Freude, Schmerz, Trauer und Angst.

      Bargeld sagte auch in Interviews, dass die EN eigentlich immer "altmodisch" waren. Langsam beginne ich zu verstehen, dass er neben den verwendeten Texten (in denen oft von Seele usw. die Rede ist) vielleicht diese starken Gefühle von Unmittelbarkeit, Hingabe und Authentizität meinen könnte.

      Vielleicht sind das Erklärungsansätze für die Faszination, die ich empfinde. :)
    • Holy shit, ich habe gerade in die Compilation „Kalte Sterne“ (Early recordings, 1980-82) reingehört. Übrigens liebe ich das minimalistische Cover.



      Als komplettes Album sind diese frühen Aufnahmen nicht mehr verfügbar, einzelne Songs sollen aber auf der „80-83 Strategies Against Architecture“ wieder veröffentlicht worden sein (?).

      Was für Songs =O … mehr Abgrund und Katastrophe kann man mit musikalischen Mitteln wohl nicht ausdrücken. Total hingerissen bin ich von „Für den Untergang“. Das Stück könnte auch als Untermalung zu einem rituellen Tanz dienen, so ursprünglich und hypnotisch wirkt es. Der Text passt dazu, denn es wird nicht für die Sonne und nicht für Regen getanzt, es wird einzig und allein für den Untergang getanzt. Ein wahnsinniges Ding. :verbeugung1:

      „Für den Untergang“: youtube.com/watch?v=drn9t68FpMw
    • Fünf auf der nach oben offenen Richterskala

      Im Booklet zu „Strategies Against Architecture II“ ist zu lesen: Das Selbstverständnis der Neubauten in einer Zeile zusammengefasst lautet:

      Kein Bestandteil sein.

      Dieses mir sehr sympathische Motto ist gleichzeitig ein Songtitel auf dem 1987 bei Some Bizzare Records veröffentlichten Album: "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala."




      Die Band bestand zu der Zeit aus: Blixa Bargeld, Mark Chung, Alexander Hacke, N. U. Unruh, FM Einheit; Produzent war wiederum Gareth Jones.

      Blixa Bargeld (1): "Die Position auf der Richterskala beschreibt den Moment, in dem Häuser bei einer Erschütterung einstürzen. Außerdem steht die 5 für 5 Bandmitglieder und schließlich auch für unser 5. Album, wobei wir die 1984 erschienene „Strategien gegen Architekturen“-Compilation eingerechnet haben.“

      Im Ergebnis ist auf dieser Veröffentlichung die in den Alben zuvor spür- und hörbare exzessive Aggressivität einer subtilen, beunruhigenden Stimmung gewichen, die ich aber als nicht minder aufregend empfinde. Im Gegenteil, mir gefällt die Weiterentwicklung der Neubauten in jeder Phase... bis heute.

      Das Kernstück - und einer meiner Favoriten - ist „Zerstörte Zelle“ mit einem opulenten, ungewohnt harmonischen Streicherarrangement. Auszüge von Beethovens 7. Symphonie sind darauf zu hören. Ein Zufall, wie Bargeld beschreibt: „Als Jones „Zerstörte Zelle“ abmischte, legte ich im Nebenraum Beethoven auf und booooom - beides passte wie die Faust aufs Auge!“ (1) Es gibt dazu ein Original „Adler kommt später“, zu finden als Bonustrack auf der remasterten CD-Veröffentlichung aus 2002, das man jedoch kaum wieder erkennt.

      Einer meiner absoluten Lieblingssongs der EN überhaupt ist jedoch „(Walk me out in the) Morning Dew“. Im Original von Bonnie Dobson aus 1962, war es ursprünglich ein eher harmlos klingender Folksong, der eine fiktive Unterhaltung in einer Welt nach der nuklearen Katastrophe nach einem Atomkrieg beschreibt. Was die Neubauten daraus gemacht haben, ist sehr viel mehr als eine einfache Coverversion: Sie haben den Song dekonstruiert und völlig neu interpretiert. In der Neubauten-Version klingt er wahrlich surreal und apokalyptisch, meiner Meinung einfach großartig mit dem Peitschenknallen und den „atomaren“ Explosionen. Es gibt hier eine kaum zu beschreibende, wunderschöne und gleichzeitig beängstigende Stimmung. In dieser ruhigen und dunklen Atmosphäre hört man Bargeld atmen, flüstern und kaum hörbare, unheimliche Töne ausstoßen. Überhaupt ist die Wandlungsfähigkeit in Bargelds Stimme phänomenal. Ein ganz großer Song der EN, der lange nachhallt. :verbeugung1:

      Einstürzende Neubauten - Morning Dew

      Fantastisch ist auch „Keine Schönheit ohne Gefahr“. Nicht erst seit Franz Schubert und seiner Klaviersonate D960 liebe ich dieses Tänzeln am Abgrund, hier aber vor allem nach wie vor in der Interpretation von Sviatoslav Richter. Auch die Neubauten waren dem Abgrund oft sehr nahe, nachfolgend ein Textauszug (2):

      Wieder mal
      auf dem Grat
      so nah am Rand
      bereit
      auf eine oder andere Seite zu fallen

      Keine Schönheit ohne Gefahr

      Schließlich ein weiterer Favorit, das oben genannte „Kein Bestandteil sein“. Hier in der Live-Version aus dem Rockpalast 1990.

      youtube.com/watch?v=f8OYFhkqHTo

      Dem gibt es im Moment nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht: Dieses Album ist m.E. eines der ganz großen der Einstürzenden Neubauten. :verbeugung1:

      Alexander Hacke erläutert (1), dass die EN erst ab diesem Album tatsächlich auch Gewinn gemacht haben:
      „Ich glaube, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Wir haben immer hart gearbeitet und nutzten den Vorteil gegenüber vielen damaligen und heutigen Zeitgenossen, immer genau zu wissen, was mir machen wollen. Die Radikalität des frühen Materials hätte sich nicht in dieser Form entwickeln können, wären wir generell gleichgültig eingestellt gewesen. Es stand immer ein umstürzlerischer Gedanke oder eine revolutionäre Motivation hinter dem, was wir getan haben.“

      Ich liebe die Neubauten jedenfalls sehr.



      (1) Sonic Seducer Chronik, Einstürzende Neubauten
      (2) neubauten.org/en/fünf-auf-der-nach-oben-offenen-richterskala


    • "Haus der Lüge", das fünfte Album der Einstürzenden Neubauten, begleitet mich seit dem Erscheinen 1989 (daher sind mir die Bonus-Tracks der Neuauflage nicht geläufig). Es sind "nur" knapp 35 Minuten, aber sehr intensive Minuten, aufgeteilt in acht, ich nenne es mal Episoden, zwischen 0:30 und 12:20 Minuten, mit einer LP-bedingten Zweiteilung.

      Der dreiteilige "Prolog" besteht aus einem jeweils episch deklamierten Text, der mit "wir könnten, aber" endet und dann abrupt durch lauten Krach fortgesetzt wird. Der dritte Krach geht dann stufenlos in den zweiten Titel über.

      Dieser hat Feuer zum Thema, "Feurio". Ein typischer Text, der viele Aspekte von Feuer und Energie auslotet, ausgebreitet auf einem simplen Synthi-Riff, das gerade dadurch die Energie vermittelt. Man sieht geradezu die Flammen aus einem großen Gebäude schlagen. "Benzin" von Rammstein ist dagegen nur ein Abklatsch.

      Mit "Ein Stuhl in der Hölle" folgt ein Walzer, untermalt von Steptanz. Die Diskrepanz könnte kein nicht größer, ein bitterböser Text mit vergleichsweise gefälliger Musik. Im Interview mit Roger Willemsen sagte Blixa, es sei ein Text aus dem 18.(? finde die Stelle grade nicht) Jahrhundert.

      Weiter geht es mit dem Titelstück. Blixa besingt ein imaginäres Haus mit mehreren Geschossen, wo sich entweder bekloppte Personen aufhalten oder Schäden befinden. Sehr krasser Text, der - verschlüsselt natürlich - Dummheit und Engstirnigkeit anprangert. Wunderbar, wie Blixa hier mit den Worten Schoß und Geschoss im doppelten Sinn spielt. Die Musik passt hier in bestem, schleppendem, krachendem Industrial.

      Die erste LP-Seite schließt passenderweise mit dem Epilog, einer kurzen Fußnote zum Haus der Lüge: Das Untergeschoss als Schoß.

      Weiter geht es auf der zweiten Seite mit dem dreiteiligen "Fiat Lux". Bienengesumm entwickelt sich zu gedehnten Ambient-Klängen mit schwebendem Text. Hat mich damals (und heute immer noch) nachhaltig beeindruckt, weil so weit ab von "normalen" Songtexten. Danach folgt derzweite Teil mit minimalistischem Gitarrenspiel und metallischen Klangeffekten, die Aufnahmen einer 1.-Mai-Demo begleitet. Auch wieder ein krasses Statement! Und wie immer dem Hörer überlassen, für oder gegen was überhaupt. Das abschließende, hektische "Hirnlego" spiegelt dann die folgerichtige Verwirrung wider. Perfekt in Szene gesetzt.

      Danch folgt "Schwindel", diesmal anscheinend nicht im Sinne von Lüge. Der Hörer torkelt ziellos durch die Nacht und durch seine Gefühle.

      Im Finale erwartet uns "Der Kuss", aber beileibe kein Happy-End. Ein unerbittliches Klavier und krachendes Metall macht es uns nicht einfach hier.

      Insgesamt ein Album, dass sich nachhaltig in meine Erinnerung eingebrannt hat. Den Prolog kann ich immer noch mitdeklamieren (wenn natürlich längst nicht so gut), und verschiedene Textzeilen leuchten immer noch innotiv nch, durch die über 30 Jahre. Und gealtert ist das Album kein bisschen.

      Quellen
      Interview: Blixa Bargeld - Roger Willemsen: youtube.com/watch?v=dZeeEwEaFPA
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.