Einstürzende Neubauten - Keine Schönheit ohne Gefahr

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    • motiaan schrieb:

      (...)

      Mit "Ein Stuhl in der Hölle" folgt ein Walzer, untermalt von Steptanz. Die Diskrepanz könnte kein nicht größer, ein bitterböser Text mit vergleichsweise gefälliger Musik. Im Interview mit Roger Willemsen sagte Blixa, es sei ein Text aus dem 18.(? finde die Stelle grade nicht) Jahrhundert.

      Weiter geht es mit dem Titelstück. Blixa besingt ein imaginäres Haus mit mehreren Geschossen, wo sich entweder bekloppte Personen aufhalten oder Schäden befinden. Sehr krasser Text, der - verschlüsselt natürlich - Dummheit und Engstirnigkeit anprangert. Wunderbar, wie Blixa hier mit den Worten Schoß und Geschoss im doppelten Sinn spielt. Die Musik passt hier in bestem, schleppendem, krachendem Industrial.

      (...)
      Hi motiaan,

      ich freue mich sehr über Deinen schönen Beitrag. :thumbup:

      Zum Interview: Ja, stimmt. Ab 20:15 Min. fragt Willemsen, ob Bargeld seine Eltern liebt. Und weist auf „Ein Stuhl in der Hölle“ hin. Bargeld antwortet, dass es sich um ein Küchenlied aus dem 18. Jahrhundert handelt und er seiner Mutter erklären musste, dass sie nicht damit gemeint ist. :D

      Überhaupt liebe ich dieses Interview bzw. Gespräch, es ist ein wirkliches Highlight. Willemsen versucht, immer wieder zu provozieren. Als er zum Beispiel fragt, warum das Wort „Penis“ in Bargelds Buch nicht vorkommt und dieser darauf ganz sachlich antwortet, dass „Schwanz“ mehr metaphorische Qualität besitzen würde. Mir gefällt seine ruhige, überlegte und zuweilen verschmitzte Art und Weise, aber Willemsen ist auch ein guter Gesprächspartner.

      Gegen Ende versucht er, Bargeld wieder aus der Reserve zu locken, indem er ihn fragt, ob dessen Narzissmus das stärkste Band zu sich selbst darstellt. Bargeld kontert, dass seine traumwandlerische Sicherheit das stärkste Band sei und dass er immer noch hinter dem stehen würde, was er getan hat und tut. Dies korrespondiert mit einer Aussage von Nick Cave, der Bargeld in einem anderen kurzen Willemsen-Interview als seinen „tower of strength“ beschrieb.

      Zum „Haus der Lüge“ habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Auf der Live-CD „9-15-2000, BRUSSELS“ (die ich übrigens sehr gut finde) kündigt Bargeld den Song so an:



      “Followed by our greatest hit, put on the index by Pope Karol Wojtyla in 1990. We take great pleasure of playing it over and over again.“

      Der Vatikan war also seinerzeit gar nicht erfreut. Was auch kein Wunder ist, stellt die Band in diesem Song die Struktur von Gesellschaft, Hierarchie und vor allem auch Religion in Frage: (1)

      Gedankengänge sind gestrichen
      in Kopfhöhe braun
      infam oder katholisch violett
      zur besseren Orientierung

      Und später:

      Gott hat sich erschossen
      ein Dachgeschoss wird ausgebaut

      Ich finde den ganzen Song großartig - in jeder Hinsicht. Und die Wortspielereien, für die ich ein Faible habe, finden sich in vielen anderen Texten Bargelds auch wieder. Man entdeckt immer wieder interessante Details in den Songs, wenn man genau hinhört.

      Vielen Dank nochmal für Deine schöne Beschreibung dieses unglaublich fantastischen Albums. :)


      (1) Quelle: neubauten.org
    • Je mehr ich mich mit den EN beschäftige, desto vielfältiger und interessanter wird das Neubauten-Universum für mich.

      Kürzlich habe ich die Doktorarbeit aus 2009 (University of Chester) der englischen Autorin Jennifer Shryane gefunden: „Evading do-re-mi: Destruction and utopia: A study of Einstürzende Neubauten“. Sie schreibt darin über den Platz der Neubauten in der Geschichte der populären bzw. experimentellen Musik. Und sie veranschaulicht deren Innovationen mit gefundener und selbst konstruierter Instrumentierung, die Aufführungsstrategien und textlichen Inhalte.

      Man kann diese Doktorarbeit bei der University of Chester hier anfragen, aber ich habe auch einen Link zum direkten Download. Da ich nicht weiß, inwiefern das legal ist, veröffentliche ich ihn besser nicht, gebe ihn aber gerne per PN weiter.

      Später hat Jennifer Shryane diese Arbeit auch als Buch veröffentlicht:



      Die Ausführungen sind sehr umfangreich (450 Seiten auf dem iPad) und ich habe sie bisher nur auszugsweise bzw. quergelesen. Aber ich weiß schon jetzt, dass die erarbeiteten Inhalte (sie hatte wohl auch engen Kontakt zu Blixa Bargeld) unglaublich wertvoll und interessant sind zum Verständnis der Musik der Neubauten.

      Sie widmet zum Beispiel ein ganzes Kapitel dem charakteristischen Schrei Bargelds. Hierzu ist zu lesen (1):

      When I posed the very obvious question - ‘Why do you scream in performance?’ Bargeld (email communication 24 January 2006) explained that:

      It came natural (and at first, before the singing really) I just worked on the more breathtaking aspects a bit. I came from a household where screaming was a daily reality. My father’s typical comment would be, ‘Ich schreie nicht, ich rede nur laut’ [I don’t yell, I just talk loud]. Also contributing to my voice development is the fact of working with small PA systems and/or a too loud band for a normal voice.

      Weiter schreibt sie dazu (1):

      The experimentation in Kreuzberg and Schöneberg in the 1980s tended to be site-specific hence, as Bargeld explained, in wanting to explore new tonal territories, the scream was in competition and cooperation with urban noises from traffic, machinery, supermarkets, building sites and street riots. The early screams were interwoven with the topography of the city and the affirmative incitement of the apocalypse. (...)

      At times Bargeld’s scream can be both spiritual and bestial; it is often incantatory, high-pitched, androgynous and usually in excess. It has many variations and despite its pre-symbolic state, these are capable of analysis. (...) Bargeld can employ a punch scream (heavy, direct, sudden), a wring scream (heavy, indirect, sustained) or a flick scream (light, indirect, sudden) and so forth.

      Der Schrei - in seinen Variationen - war das erste Merkmal, das mich magisch anzog. Aber es gibt noch so viel zu entdecken und zu analysieren. Ich kann es nicht anders sagen: Ich bin sehr glücklich, die Einstürzenden Neubauten für mich entdeckt zu haben. Das ist wirklich bereichernde Musik und großartiges Material. :verbeugung1:

      Demnächst weiter mit Tabula Rasa. Ein großer Sprung ins Jahr 1993. :)


      Quellen:
      (1) Jennifer Shryane: „Evading do-re-mi: Destruction and utopia: A study of Einstürzende Neubauten“
    • Ein kurzer Hinweis zwischendurch, es geht um die Dokumentation „Elektrokohle – Von Wegen“ von Uli M Schueppel aus 2009
      Als DVD nur noch teuer und gebraucht verfügbar:



      Seit kurzem aber auch auf YouTube zum Anschauen hier: youtube.com/watch?v=Yx77aLgBTxM

      Am Mittag des 21. Dezember 1989 machen sich die Musiker der zur damaligen Zeit als westdeutscher Kultexport gefeierten Band “Einstürzende Neubauten” von West-Berlin aus auf den Weg zu ihrem ersten Konzert in Berlin-Ost, der (noch) Hauptstadt der DDR. Und noch ist es ein langer, ungewöhnlicher Weg von Kreuzberg nach Lichtenberg – in den Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle. Noch steht die Mauer und noch gibt es Grenzkontrollen… (1)

      Der Filmemacher Uli Schueppel begleitete die Einstürzenden Neubauten durch diesen Tag. Ich habe es noch nicht ganz durch, es handelt sich nicht in erster Linie um eine Dokumentation über das erste Konzert der Neubauten in Ostberlin (obwohl auch Konzertmaterial eingebunden ist), vielmehr ist es ein Zeitdokument rund um dieses Konzert bzw. eine Zeitreise zurück in diese spannende Zeit kurz nach dem Mauerfall.

      (1) Quelle: schueppel-films.de/portfolio/elektrokohle-off-ways/?lang=de
    • Tabula Rasa

      Nun also ein Sprung ins Jahr 1993.

      Blixa Bargeld über „Tabula Rasa“: Das Album ist maßgeblich von zwei Ereignissen beeinflusst worden: Von der deutschen Wiedervereinigung und vom Beginn des 1. Golfkrieges, der in den Medien als eine Art virtuelle Schlacht dargestellt wurde. (…) Und auch im Studio nahm alles sehr martialische Formen an: Andrew und ich haben Sand und Kies eingekauft und überall ausgekippt, um uns die irakische Wüste nachzubauen. (…) Außerdem verbrannten wir Öl; auf dem Stück „Wüste“ hört man die brennenden Öltropfen am Mikro vorbei fallen. (1)

      Auch wenn Tabula Rasa das wohl zugänglichste und - gemessen an den Vorgängern - am kommerziellsten klingende Album der Neubauten ist, lebt auch hier der Experimentiergeist der Band weiter fort.

      Mir liegt die ursprüngliche Ausgabe mit einer einzelnen CD vor, weshalb ich zusätzlich die beiden EP Malediction und Interim dazu angeschafft habe (das spätere Reissue enthält alle Titel auf zwei Disks).



      ...

      Tabula Rasa stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung der Band dar. Das Album wirkt in sich durchdachter, künstlerisch ambitionierter und scheint professioneller produziert worden zu sein. Nun steht auch erstmals der Gesang Blixa Bargelds mehr im Vordergrund. Dieser wird nun weniger als akustische Waffe eingesetzt, die Schmerzen bereiten und aufrütteln soll, sondern vielmehr als weiteres Instrument, das Emotionen hervorruft. Die Art und Weise, wie Bargeld nun mit Aussprache, Betonungen und lyrischen Eigenheiten umgeht, ist eine völlig neue Qualität in der Musik der Neubauten.

      Erstmals wurden auch zwei offizielle Videos gedreht, nämlich zu Die Interimsliebenden und Blume.

      Die Interimsliebenden hat einen seltsamen, aber sehr einprägsamen Groove; Blume liebe ich besonders, es klingt irgendwie magisch und verwunschen, hat einen ganz eigenen Zauber: (2)

      If you know my name
      don’t speak it out
      it holds a power - as before

      Das erinnerte mich gleich an das Rumpelstilzchen, dessen Namen man auch nicht aussprechen durfte. ^^
      Bargeld (3): Durch das Aussprechen des Namens gewinnt man Macht über etwas. Es ist die Rückkehr der Sprache zur Zauberformel.

      Blume ist auf der EP Malediction zusätzlich als japanische und französische Version enthalten; mir gefällt aber die englische Version am besten, weil die Stimmen von Anita Lane und Bargeld am besten harmonieren.

      Mit Headcleaner kehrten die Neubauten dann wieder zurück zu ihren Wurzeln. In dem gut 15 Minuten langen Stück wird es wieder laut, extrem und wild.

      Zwischen dem zarten Blume und dem extremen Headcleaner (in dem Zitate der Beatles an deren „All you need is love“ vorkommen) verarbeitet die Band aber unzählige verschiedene Stile mit großem Effekt. Sie erreichen mit dieser Vielfalt, dass man sich trotzdem immer heimisch fühlt im Neubauten-Kosmos und die Weiterentwicklung der EN nur staunend verfolgen kann. Für mich ist Tabula Rasa ein einzigartiges, auch wieder völlig zeitloses Album, das erstmalig die tatsächliche Bandbreite der Neubauten aufzeigt. Hier dringen sie zum ersten Mal in ganz neue Dimensionen vor, ihre Musik bekommt eine neue, aufregende Qualität.

      Mein absoluter Lieblingssong ist 12305te Nacht mit einem recht eindeutigen Text Bargelds (2):

      Dies ist meine 12305te Nacht
      Die ersten paar tausend
      die kannst du vergessen
      Ich hab es auch getan
      Diese hier ist auch schon fast vorbei

      Untypisch für Bargeld ist der unverstellte Text. Bargeld dazu (3):
      12305te Nacht habe ich nach Berechnungen in der 12305ten Nacht meines Lebens geschrieben. Das heisst der ganze Text ist eine Lüge, denn ich habe in dieser Nacht weder jemanden getroffen, noch besucht, sondern ich war im Studio und habe ausgerechnet, wie lange ich schon am Leben bin.

      Eigentlich schade, denn der Song ist unglaublich sexy, mir gefällt auch der sinnliche, androgyne Touch. :love: (Überhaupt glaube ich, dass Bargeld seinerzeit für beide Geschlechter sehr anziehend gewirkt haben muss.) Hier eine alte TV-Aufzeichnung, die, obwohl sie leider nur playback ist, dennoch einen Eindruck von Bargelds charismatischer und cooler Präsenz vermittelt:

      youtube.com/watch?v=pkFUoNZ6bWE


      Quellen:
      (1) Sonic Seducer, Chronik Einstürzende Neubauten
      (2) neubauten.org/en/tabula-rasa
      (3) Blixa Bargeld, Headcleaner
    • Kurz zurück ins Jahr 1992, bevor es mit 1996 und dem 7. Album Ende Neu weiter geht.

      Die Haut war eine experimentelle Underground-Band aus Berlin, die in den 80er und 90er Jahren Erfolge feierte. Die Band hatte oft Gastsänger, wie Nick Cave und Anita Lane. 1992 tourte Blixa Bargeld mit Die Haut. Er sang dabei eine Coverversion von Johnny Guitar, einem Song aus 1954 von Peggy Lee. Diese geniale Version zeigt einmal mehr die unglaubliche Wandlungsfähigkeit in Bargelds Stimme. Sein Cover wirkt sehr sinnlich, zart und androgyn. :verbeugung1:

      Blixa Bargeld (with Die Haut) - Johnny Guitar - Live, Berlin Tempodrome, 1992

      Ich erwähne die Band noch aus einem anderen Grund. Schon seit Tabula Rasa hatten die Neubauten mit internen Querelen zu kämpfen, wobei es um die weitere stilistische Ausrichtung ging. Mark Chung hatte die Band verlassen, das verbliebene Quartett war deutlich geschwächt. Als sie mitten in den Aufnahmen zu Ende Neu waren, verließ auch FM Einheit überraschend die Band.
      Bargeld dazu: (1)

      „Ich hatte nur einen einzigen Gedanken: Das war’s wohl. Obschon wir mitten in den Aufnahmen steckten und bereits viel Geld in die Platte investiert hatten, haben wir für die Entscheidung, als Trio weiterzumachen, eine ganze Weile gebraucht.“

      Die drei verbliebenen Mitglieder (Blixa Bargeld, N. U. Unruh und Alexander Hacke) standen vor einem Scherbenhaufen. Ursprünglich sollte Roland Wolf von den Bad Seeds als Bassist einspringen, tragischerweise verstarb er jedoch kurz vorher. Das Auseinanderbrechen der Band war eine traumatische Erfahrung, das Trio schaffte es trotzdem, diese großartige Platte aufzunehmen. Der Albumtitel gewinnt dadurch eine zusätzliche Dimension. Als es um die Überlegung ging, das Album live zu präsentieren, wurde dies der Einstieg von Rudolf Moser (Schlagzeug) und Jochen Arbeit (Gitarre) eben von jener Band Die Haut.

      Einstürzende Neubauten - Ende Neu (1996): (Als Minimalistin kann ich dieses wunderschöne Cover nur lieben. :love: )



      Ich habe zusätzlich die EP angeschafft, sie enthält das Radio Edit von Stella Maris:



      Was ist ist: Im energiegeladenen Eröffnungsstück heißt es „Nur was nicht ist, ist möglich.“ (2) Ein Motto der Einstürzende Neubauten von Anfang an.

      Stella Maris ist ein Duett mit Meret Becker, die seinerzeit die Ehefrau von Alexander Hacke war. Der Song war auch kommerziell ein Erfolg, das sehr ansprechende Schwarz-Weiß-Video dazu ist hier zu sehen:

      Einstürzende Neubauten - Stella Maris (1996)

      Blixa Bargeld auf die Frage (3):
      „Stella Maris ist in gewisser Weise eine Fortsetzung von 12305te Nacht? —- "Ich habe versucht, mit Meret Becker ein Duett zu schreiben, ohne sie hätte ich das auch nicht so schreiben können. Sie war ein wunderbares Gegenüber. Der Ausgangspunkt war ein Satz in einem Brief von Héloise an Abelard: „Man hat mich meiner selbst beraubt, als sie dich mir stahlen.“ (…)

      Es gibt keine zwei Personen in „Stella Maris“, eher zwei Hälften. Als Duett ist der Text eigentlich misslungen. Es sind keine verschiedenen Personen, keine unterschiedlichen Positionen. Es sind lediglich zwei Richtungen derselben Entität. Auch „Stella Maris“ könnte wieder eine Fortsetzung haben. Die hätte dann die Form eines mittelalterlichen Tageliedes. Die Liebenden werden geweckt, entweder von der Sonne, meistens aber von einem Vogel und müssen sich eiligst trennen - die verboten Liebenden." (4)

      Bei all der oft als „Lärm“ zu Unrecht verschrieenen Musik war und ist Bargeld musikalisch schon sehr früh ein Romantiker gewesen - und zwar im besten Sinne des Wortes. Und das nicht erst seit „Ich bin das letzte Biest am Himmel“. --- Ich finde das einfach hinreißend. :love:

      Installation No. 1 war ursprünglich als Haus der Lüge II gedacht und ist ein ähnlich eingänglicher Song.

      NNNAAAMMM bedeutet ausgeschrieben New no new age advanced ambient motor music machine. Dies ist ein perfektes Beispiel für Bargelds brillante Verwendung von Worten als Klänge und Rhythmen. Das Stück ist ironisch gemeint, aber leider ellenlang (10:59). Bei mir hat es sich vom total nervigen Stück (leider) zum Ohrwurm entwickelt. Der Song ist um die Rhythmen verschiedener Motoren - von Baustellenmaschinen, Planierraupen, Autos etc. - herum gebaut. Man wird diesen Rhythmus irgendwie nicht mehr los (2):

      Das Lied schläft in der Maschine
      In der Maschine schläft das Lied

      NNNAAAMMM ist die klingende, die belebte Maschine, das Spiel mit dem romantischen Zitat. Bargeld bezieht sich hier auf „Schläft ein Lied in allen Dingen“ von Joseph Freiherr von Eichendorff.

      The Garden basiert auf einem Satz, den Bargeld im Museumsshop des Prado hörte, als eine ältere Dame zu ihrer Begleiterin sagte: „Du wirst mich im Garten finden, wenn du mich brauchst, falls es nicht in Strömen gießt.“ (4) In diesem Song nutzt Bargeld wieder einmal die Kraft der Wiederholung, diesmal auf Englisch, unterstützt von einem großzügigen Streicherarrangement. Der Song ist wunderschön instrumentiert und erinnert an das schmerzhafte Armenia.

      Bargelds lyrischer Stil ist für mich überhaupt der Hauptanziehungspunkt auf diesem Album. Es gibt darauf einige Songs, die sich tief ins Gedächtnis brennen, auch wenn das Album nicht die Perfektion hat wie zuvor noch Tabula Rasa. Dennoch liebe ich dieses unter so schwierigen Bedingungen entstandene Album sehr, zeigt es doch wieder einmal eine erstaunliche Weiterentwicklung und die schier unglaubliche Kreativität der Einstürzende Neubauten.

      Quellen:
      (1) Sonic Seducer, Chronik Einstürzende Neubauten
      (2) neubauten.org/en/ende-neu
      (3) Headcleaner, Blixa Bargeld
      (4) Booklet zu Ende Neu
    • Ein kurzer Einschub zum Thema „Einfluss der EN auf andere Bands“ (oder wie auch immer). Jedenfalls geht es um die Band Algiers, weil es irgendwie gerade passt.

      Algiers aus Atlanta - das sind Franklin James Fisher, Ryan Mahan, Lee Tesche und Matt Tong. Gegründet wurde die Band in 2012.

      Der Gitarrist, Lee Tesche, erzählt in einem kurzen Clip, dass er unter Anderem durch die experimentellen Sounds der Einstürzende Neubauten aus den 80er-Jahren beeinflußt wurde. Insofern passt es perfekt in diesen Thread.

      Algiers' Lee Tesche Discusses Custom Instruments

      Tesche geht mit seinem Instrument in der Tat ähnlich unkonventionell um wie der junge Blixa Bargeld seinerzeit. Mir gefällt der Sound der Algiers sehr.

      In einem sehr aktuellen Interview mit Blixa Bargeld, in dem es vornehmlich um "Kollaps" ging, spricht dieser auch über die Algiers, deren Musik er als sehr interessant bezeichnet. Früher einmal hatte Dave Gahan von Depeche Mode auch auf diese Band verwiesen, was seinerzeit mein Interesse geweckt hatte.

      Wie dem auch sei, die Musik der Algiers entzieht sich einer eindeutigen Kategorisierung. Ihr Sound ist eine Mischung aus Industrial, Post-Punk, Gospel, Rock und Soul. Sie transportieren eindeutig sozialkritische und politische Inhalte, klingen dabei sehr kraftvoll und ungewöhnlich. Der Sänger, Franklin James Fisher, hat eine fantastische Stimme. :verbeugung1:

      Ich habe mir das großartige Erstlingswerk „Algiers“ aus 2015 zugelegt:



      Meine Favoriten darauf sind Blood (der junge Blixa Bargeld wird in dem Video bei 3:27 übrigens kurz eingeblendet):

      Algiers - „Blood"

      Mein Lieblingssong ist dies - mein Lieblingszitat daraus: Art is dead, do not consume its corpse. Capital is undead.

      Algiers - "Irony. Utility. Pretext.“

      Hier ist irgendwie alles cool: Die Location, der Song natürlich und der Stil des Videos an sich. Großes Kino und eine Band, die mir am Herzen liegt.
    • Nach dem oben verlinkten Interview mit Blixa Bargeld zog es mich wieder zum ersten Album „Kollaps“. Bargeld erzählt, dass nicht nur die Aufnahmen in Eigenregie entstanden, auch das Cover hat dieser bei der taz in Berlin selbst gestaltet. Das muss eine irre Zeit gewesen sein. Andeutungsweise nachzuempfinden mit diesem Livemitschnitt des Titelsongs vom 4. Sept. 1981; Berlin,Tempodrom, Große Untergangsshow/Festival Genialer Dilletanten:

      Einstürzende Neubauten - Kollaps [Live] :verbeugung1:
    • Hm, wenn man das heute so sieht, ist man ja zumindest erfreut, dass Blixa sich inzwischen offensichtlich reichhaltiger ernährt. Die Performance ist 1980er at it’s best. Klar. Musikalisch? Hm. Toll ist es, wenn der Einheit der Hammer aus der Hand fällt. Oder er mit irgendwelchen Sachen irgendwie auf dem Metall-/Blechblock rumhaut. So ganz für sich, ohne jeden Bezug zum Pulse des Stücks (den hat’s ja trotz aller Anarchie). War eine gute Zeit damals. :)

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Cosima schrieb:

      Man kann diese Doktorarbeit bei der University of Chester hier anfragen, aber ich habe auch einen Link zum direkten Download. Da ich nicht weiß, inwiefern das legal ist, veröffentliche ich ihn besser nicht, gebe ihn aber gerne per PN weiter.
      Ich wüsste nicht, warum dies nicht erlaubt sein sollte. Den Link (bzw. auch direkt das PDF) findet man z. B. mit Google Scholar:

      scholar.google.com/scholar?oi=…0Neubauten&lookup=0&hl=de

      (1. Treffer.) Sie ist sogar nicht einmal direkt verlinkt. ;)


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Algabal schrieb:

      Hm, wenn man das heute so sieht, ist man ja zumindest erfreut, dass Blixa sich inzwischen offensichtlich reichhaltiger ernährt. Die Performance ist 1980er at it’s best. Klar. Musikalisch? Hm. Toll ist es, wenn der Einheit der Hammer aus der Hand fällt. Oder er mit irgendwelchen Sachen irgendwie auf dem Metall-/Blechblock rumhaut. So ganz für sich, ohne jeden Bezug zum Pulse des Stücks (den hat’s ja trotz aller Anarchie). War eine gute Zeit damals. :)

      Adieu
      Algabal
      Jo, das mit der Ernährung kann man auch im Video mit Alfred Biolek sehen :D :

      alfredissimo Kochen mit Bio und Blixa Bargeld: Sepiarisotto

      Ich habe noch niemanden in einer so verdammt coolen Art und Weise kochen sehen. 8) Heutzutage kocht Blixa in Echtzeit mit seinen Supportern und gibt kleine Kurse. (Nein, ich bin keine Supporterin...)

      Ich sehe schon: Musikalisch haut Dich das nicht mehr um. :/

      Ganz anders bei mir. Ich kannte von den EN bis vor kurzem tatsächlich nur „Sabrina“, weil das seinerzeit eine Art Hit war. Ich besaß sogar damals die CD, hatte sie wieder verkauft und jetzt neu angeschafft. :rolleyes:

      Insofern lernte ich die anderen Alben erst jetzt kennen, und ich kann mich nur wiederholen: Für mich ist das zeitlose, immer noch relevante Musik. Das Frühwerk der Neubauten ist schwer zu charakterisieren, es ist eine bizarre Mischung aus Noise, Industrial und anderen Genres. Aber trotz der chaotischen Natur dieser Musik, all dem Schreien (den Schrei in seinen unterschiedlichen Ausprägungen liebe ich tatsächlich besonders) und den seltsamen Instrumenten, hat sie für mich eine unwiderstehliche, sehr fragile Schönheit, die manchmal ganz unverhofft aufblitzt.

      Ja, es ist diese fragile Schönheit, die ich zuerst in "Armenia" liebte.
    • Cosima schrieb:

      Algabal schrieb:

      Hm, wenn man das heute so sieht, ist man ja zumindest erfreut, dass Blixa sich inzwischen offensichtlich reichhaltiger ernährt. Die Performance ist 1980er at it’s best. Klar. Musikalisch? Hm. Toll ist es, wenn der Einheit der Hammer aus der Hand fällt. Oder er mit irgendwelchen Sachen irgendwie auf dem Metall-/Blechblock rumhaut. So ganz für sich, ohne jeden Bezug zum Pulse des Stücks (den hat’s ja trotz aller Anarchie). War eine gute Zeit damals. :)

      Adieu
      Algabal
      Jo, das mit der Ernährung kann man auch im Video mit Alfred Biolek sehen :D :
      alfredissimo Kochen mit Bio und Blixa Bargeld: Sepiarisotto

      Ich habe noch niemanden in einer so verdammt coolen Art und Weise kochen sehen. 8) Heutzutage kocht Blixa in Echtzeit mit seinen Supportern und gibt kleine Kurse. (Nein, ich bin keine Supporterin...)

      An die Sendung erinnere ich mich noch - hab ich damals im fernsehen angeschaut (wegen Bargeld). Ich fand damals aber die schwarze Plempe etwas abtörnend... :D

      Cosima schrieb:

      Ich sehe schon: Musikalisch haut Dich das nicht mehr um. :/

      Ach, würde ich so nicht sagen. "Neubauten" sind für mich eben irgendwie sehr, sehr zeitgebunden. Wobei ich gar nicht weiß, ob das an der Musik selbst liegt. Ich glaube eher, dass es daran liegt, dass ich persönlich mit dieser Musik Dinge und Menschen verbinde, die inzwischen sehr weit weg sind (manche Leute wandeln gar nicht mehr auf Erden). Die letzte Platte, die ich noch in den alten Zeiten gekauft habe, war "Haus der Lüge" und dann noch der Sampler "Strategies against Architecture II". Alle was danach kam, hab ich nicht mehr wahrgenommen - bis ich kürzlich aufgrund Deines Threads "Tabula rasa" gekauft habe. "Haus der Lüge" finde ich immer noch großartig in vielerlei Hinsicht. Und vieles, was sie davor gemacht haben ist ebenfalls großartig und war ja auch irgendwie richtungsweisend und stilbildend.

      Also: Vielleicht würde ich eben doch so sagen und antworten "ja, es haut mich nicht mehr um, jedenfalls nicht mehr so wie früher - und wenn es mich dann doch mal beim Hören richtig angeht, ist es immer so ein wenig mit dem Gefühl eines recycelten Flashs ...".

      Cosima schrieb:

      Ganz anders bei mir. Ich kannte von den EN bis vor kurzem tatsächlich nur „Sabrina“, weil das seinerzeit eine Art Hit war. Ich besaß sogar damals die CD, hatte sie wieder verkauft und jetzt neu angeschafft. :rolleyes:


      Insofern lernte ich die anderen Alben erst jetzt kennen, und ich kann mich nur wiederholen: Für mich ist das zeitlose, immer noch relevante Musik. Das Frühwerk der Neubauten ist schwer zu charakterisieren, es ist eine bizarre Mischung aus Noise, Industrial und anderen Genres. Aber trotz der chaotischen Natur dieser Musik, all dem Schreien (den Schrei in seinen unterschiedlichen Ausprägungen liebe ich tatsächlich besonders) und den seltsamen Instrumenten, hat sie für mich eine unwiderstehliche, sehr fragile Schönheit, die manchmal ganz unverhofft aufblitzt.

      Ja, es ist diese fragile Schönheit, die ich zuerst in "Armenia" liebte.
      Kann ich irgendwie gut verstehen. Ist vielleicht wirklich anders, wenn diese Musik für einen nicht aus einer anderen eigenen Zeit stammt ...

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Cosima schrieb:

      Jo, das mit der Ernährung kann man auch im Video mit Alfred Biolek sehen
      Oha! Indeed, heute ist er in etwas... different...shape. ;) Von wann ist die Sendung?

      Nachtrag: da ich selbst gerne Risotto koche (und esse), ist die Sendung natürlich doppelt interessant für mich. (Wobei ich AB als Gastgeber immer sehr gut und interessant fand, aber mir seine Kochkünste doch immer sehr schematisch vorkamen...)


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Algabal schrieb:



      An die Sendung erinnere ich mich noch - hab ich damals im fernsehen angeschaut (wegen Bargeld). Ich fand damals aber die schwarze Plempe etwas abtörnend... :D
      Ist ja verrückt, dass Du das gesehen hast. :thumbsup: Die Erstausstrahlung soll am 23.04.1995 gewesen sein.
      Ja, sieht nicht so appetitlich aus das schwarze Etwas, aber cool irgendwie.

      Ansonsten ist es echt schön, dass Du meine Beweggründe ein wenig nachvollziehen kannst. Das bedeutet immerhin, dass die Musik - immer noch - einen gewissen Wert für Dich hat. Ich verstehe wiederum, dass die Neubauten-Songs für Dich und andere sehr zeitgebunden sind. Jeder kennt das ja: Musik, Erinnerungen und Emotionen sind eng miteinander im Gehirn gekoppelt.

      Bei mir gibt es diese Rückkopplung in die Vergangenheit nicht, obwohl ich die Musik gerne schon in einer wilderen und gefährlicheren Zeit meines Lebens kennengelernt hätte. :) Dann hätte ich zumindest die Konzerte besuchen können. Ich habe mich übrigens um eine Karte für Juni 2022 (Konzerthalle, Berlin) bemüht. Als ich noch darüber nachdachte, war die letzte Karte schon weg... ;(
    • Cosima schrieb:

      Algabal schrieb:

      An die Sendung erinnere ich mich noch - hab ich damals im fernsehen angeschaut (wegen Bargeld). Ich fand damals aber die schwarze Plempe etwas abtörnend... :D
      Ist ja verrückt, dass Du das gesehen hast. :thumbsup: Die Erstausstrahlung soll am 23.04.1995 gewesen sein.Ja, sieht nicht so appetitlich aus das schwarze Etwas, aber cool irgendwie.

      Ja, cool, aber es bedient auch eine Erwartungshaltung. Noch cooler wäre gewesen, wenn er ein Risotto mit Rote Beete und saurer Sahne gemacht hätte, das am Ende eine hübsche rosa Schlempe gegeben hätte, oder? Aber 1995 war noch nicht die Zeit der Diffusion von Identitäten (nichtmals im Independentsektor), sondern ihr Affirmation. Naja, ich hab mich nie genötigt gefühlt, das Rezept nachzukochen…

      Jedenfalls bin ich Dir dankbar für diesen Thread, der mich animiert, mal wieder die Neubauten zu hören. :)

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • maticus schrieb:

      Cosima schrieb:

      Jo, das mit der Ernährung kann man auch im Video mit Alfred Biolek sehen
      Oha! Indeed, heute ist er in etwas... different...shape. ;) Von wann ist die Sendung?

      Nachtrag: da ich selbst gerne Risotto koche (und esse), ist die Sendung natürlich doppelt interessant für mich. (Wobei ich AB als Gastgeber immer sehr gut und interessant fand, aber mir seine Kochkünste doch immer sehr schematisch vorkamen...)


      maticus
      Die Erstausstrahlung soll am 23.04.1995 gewesen sein. Nun ja, wir alle verändern uns. Ist halt so. :D

      Das ist eine tolle Sendung gewesen, nicht wahr? Ein tiefenentspannter Blixa und ein Biolek, der irgendwie etwas nervös herumwuselt.
      Mir gefällt, wie die Beiden miteinander umgehen.
    • Cosima schrieb:

      Das ist eine tolle Sendung gewesen, nicht wahr? Ein tiefenentspannter Blixa und ein Biolek, der irgendwie etwas nervös herumwuselt.
      Mir gefällt, wie die Beiden miteinander umgehen.
      Ja, Blixa ist toll hier. Und Alfred mit seiner unsäglichen elektrischen Parmesanreibe...furchtbar. Wahrscheinlich ist er mitverantwortlich dafür, dass ich in manchem italienischen Restaurant in Deutschland damit belästigt worden bin. Es gibt nichts atmosphäreversauenderes als mit so einem Ding am Tisch geradezu vergewaltigt zu werden. --- Übrigens bin ich auch kein Fan davon, wenn die Bedienung mit (mechanischer) Reibe und einem Stück Parmesan an den Tisch kommt und auf das noch heiße Gericht etwas darüber hobelt. Ist zwar besser, aber immer noch schlimm. Nein, es muss (selbstverständlich) frisch geriebener Parmesan in einem Gewäß dem Gast zur freien Verfügung stehen, so dass man insbesondere auch später noch nachportionieren kann.

      Alfred hatte auch immer schon ein Faible für deutsche Weine. Das war zu der Zeit sicherlich noch eher selten. Bei Blixa kann er auch nicht wirklich damit landen... :D

      Interessantes kurzes Interview (schlechte Auflösung; am besten in ganz kleinem Fenster anschauen). Die arme Pegah Ferydoni. :trost:

      youtube.com/watch?v=hT3GU9YT6PU


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten