Einstürzende Neubauten - Keine Schönheit ohne Gefahr

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    • Silence is sexy

      "Silence is sexy" ist das siebte Studioalbum der Neubauten, erschienen 1996, also 15 Jahre nach dem ersten Album. Was mir zuerst auffiel - die Texte entfernen sich immer mehr von den nihilistischen Themen auf "Kollaps", und es geht immer mehr in Richtung, nun ja, Liedermacher. Was aber nict heißt, dass hier mit Akustikgitarre geschrammelt wird. Da haben die Neubauten einiges mehr auf dem Kasten. Vieles ist aber doch vom Tempo zurückgenommen.

      Das Album beginnt mit einer Ballade, "Sabrina", sehr zurückgenommen, sowohl textlixh als auch instrumental, mit Streichern als Unterstützung.

      Es folgt das Titelstück, das auf den Geräuschen beim Rauchen einer Zigarette basiert. Hier lohnt es sich, das einminütige Schweigen ziemlich am Anfang über Kopfhörer zu hören - da sind die Umgebungsgeräusche bis zum nächsten Zug an der Kippe deutlich aufgenommen. Sehr spannend - da fällt erst auf, was man bei jeder Bewegung für Geräusche produziert. Danach kommen Bass und Perkussion hinzu, sowie später eine ziemlich enervierend gespielte Gitarre. Am Schluss wird er Refrain immer wieder von einem Chor skandiert. Das unterstreicht den Ohrwurm-Charakter des Stücks, obwohl es sich der Chart-Tauglichkeit erfolgreich widerstzt. Der erste Höhepunkt des Albums.

      Das folgende "In circles" dient als Zwischenspiel, downtempo mit lärmiger Einlage, bevor es mit einem lebhaften Doppelstück weitergeht. Im ersten Teil kämpft Blixa gegen die Gravitation, mit seinen unnahmahmlichen Wortspielen, danach mit dem "großen Zampano", wobei mich das Gefühl beschleicht, dass es sich hierbei um sein Alter ego handelt. Die metallene Perkussion wird hier von schrägen E-Gitarren und Bläsern begleitet. Der Schrei "Damenwahl" auf der Grenze zwischen beiden Stücken ist allerdings i-wie strange.

      "Heaven is of honey" ist wieder ruhiger, mit englischem Text. "Beauty" ist musikalisch ein Drone-Loop, über dem Blixa über die Schönheit sinniert. Melancholie ist das Thema von "Befindlichkeit des Landes", das sich in gemächlichem Tempo mit treibendem Bass ins Ohr bohrt. Ein weiterer, heimlicher Höhepunkt.

      Die folgende Sonnenbarke ist mein nächstes Highlight. Der treibende Bass (der sich anscheinend zu einem Markenzeichen der Neubauten entwickelt), steigert die Ballade nach und nach in eine hypnotische Schleife, die durch den Refrain und die Perkussion aufgebaut wird und sich am Schluss sacht auflöst. Dann folgt das nächste Highlight, der Musentango. Ein witziger, intelligenter Text über Gesang und Tanz, höchst amüsant, adäquat musikalisch begleitet.

      Als nächstes kommt "Alles". Diesmal wird der Text mehr von der Perkussion gestützt, während der Bass etwas im Hintergrund agiert.
      "Redukt" überrascht mit seinem dissonanten, aggresiv 'herausgehauenen' Refrain, während der Text wie soft "nachdenklich" und bildreich ist, eher ruhig in Szene gesetzt, typisch für dieses Album. "Dingsaller" ist ok. Die "Anrufe in Abwesenheit" nerven, weil furchtbare Störsignale von Mobilfunk drauf sind. Hier frage ich mich, warum statt dessen "Total eclipse of the sun" nicht auf dem Album geblieben ist.

      Zum Abschluss, auf der zweiten CD, das 18minütige "Pelikanol". Eigentlich nur ein Perkussion-Loop mit kurzem Text. Eigentlich, aber was draus gemacht wird, ist schon groß. Offensichtlich eine Erinnerung von Blixa (Pelikanol war ein Klebstoff, der nach Bittermandel und Marzipan roch), passen Text und Musik dann doch wieder wie Faust auf Auge. Eine Spielwiese, wo Stimme und Perkussion elektronisch erweitert werden, um das Stück vorwärts zu bringen.

      Yeah, ein geiles Album.
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • motiaan schrieb:

      Zum Abschluss, auf der zweiten CD, das 18minütige "Pelikanol".
      What? 8o


      Hi motiaan,

      vielen Dank zunächst einmal für Deinen wirklich interessanten Beitrag. :thumbup:

      Ich habe zum Beispiel dadurch erfahren, dass es vier verschiedene Ausgaben von „Silence is sexy“ gibt. Und ich besitze die „Regular German Edition“:

      Tracklist: Sabrina / Silence Is Sexy / In Circles / Newtons Gravitätlichkeit / Zampano / Heaven Is Of Honey / Beauty / Die Befindlichkeit des Landes / Sonnenbarke / Musentango / Alles / Redukt / Dingsaller / Anrufe in Abwesenheit.

      Die ist leider ohne die limitierte Bonus-Disk „Pelikanol“.

      Bevor ich zum Album also noch etwas schreibe, muss ich mir unbedingt das fehlende Stück erst einmal anhören.
    • maticus schrieb:

      Interessantes kurzes Interview (schlechte Auflösung; am besten in ganz kleinem Fenster anschauen). Die arme Pegah Ferydoni.
      Ja, sie hatte es nicht leicht. :D

      Ich habe inzwischen eine Unmenge an Interviews geschaut. Einer meiner Favoriten ist ein sehr kurzer Ausschnitt aus 1982, der den jungen und "optimistischen" Blixa zeigt, wie er in einer Art gekachelter Dusche :/ interviewt wird:

      Einstürzende Neubauten: Letztes Biest + interview excerpt

      In einem anderen Interview sagte er einmal, dass eine gewisse Portion Ignoranz und Arroganz dazu gehören, um diese Art von Musik zu machen. Hier kann ich nur zustimmen: Die Beharrlichkeit und Kreativität, mit denen die Neubauten ihren ganz eigenen Weg von Anfang an verfolgen, gefällt mir ganz besonders.
    • Ein paar Ergänzungen noch zu motiaans tollen Beitrag über "Silence is sexy". :)

      Die Aufnahmen entstanden zwischen April 1998 und Januar 2000; veröffentlicht wurde das Album am 1. April 2000, also ganz genau 20 Jahre nach dem ersten Auftritt der Band im Berliner Moon Club. Bargeld dazu in seiner typisch lakonischen Art (1): "Kein Jubiläum. Einfach eine neue Platte, basta!" :D

      Hier das Album-Cover und der Link zur „Regular German Edition“, die ich besitze:



      „Pelikanol“ habe ich inzwischen auf YT gehört. Es ist auf jeden Fall………..….……. seeeeeeehr lang. 8)

      Die Neubauten hatten für dieses Album zum ersten Mal einen eigenen Übungsraum zur Verfügung, konnten dadurch viel freier und ohne Druck arbeiten. Das ganze Equipment musste nicht mehr hin und her transportiert werden, was den Einsatz neuer Instrumente (Hammond-Orgel, Fender Rhodes-Piano, Vibraphon) erlaubte.

      1983 hatte Blixa Bargeld selbstbewusst formuliert (1): „Ich will keine Töne produzieren - ich will, dass etwas passiert. Das Musizieren überlasse ich Musikern, also Lakaien. Ich will Ereignisse verursachen. Intensität ist für mich immer noch der einzige akzeptable Wert, weil alle anderen Werte nur Betrug sind. Intensität hinterlässt Spuren.“

      Die Rolle der Stille ist nur eine andere und sehr effektive Art, Intensität in der Musik zu erzeugen. Auch wenn das Silence-Album also lyrischer und melodischer ist als alles zuvor und der Fokus auf den zurückhaltenden Tönen und den Pausen dazwischen liegt, an Intensität und neuen Eindrücken mangelt es hier wahrlich nicht.

      Ich schrieb weiter oben schon, dass ich mir das Album zum ersten Mal seinerzeit wegen „Sabrina“ angeschafft hatte. Seltsamerweise hatte ich damals die anderen Titel überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, mich kein bisschen mit der Band beschäftigt. Es brauchte wohl den Weg von Anfang an über die alten noisigen Lärmattacken und den Schrei Bargelds, um schließlich in der sexy Stille anzukommen und diese auch schätzen zu können.

      Das geniale Video zu „Sabrina“ liebe ich nach wie vor sehr, es transportiert eine ganz besondere, dunkle und melancholische Stimmung. Das Biest ist vom Himmel in die Niederungen der Unterwelt hinab gestiegen:

      Einstürzende Neubauten - Sabrina (Official Video)

      Bargeld hatte den Song ursprünglich für Leander Haußmanns Film „Sonnenallee“ geschrieben. Jener lehnte ihn aber als „unpassend für die Szene“ ab. (1) Das spielt aber keine Rolle, da Bargelds distanzierte und detailversessene Texte generell viel Spielraum für Interpretationen lassen und trotzdem emotional nahe gehen.

      Der Text ist wieder toll ausgearbeitet, er klingt wunderschön (2):

      It's not the red of the dying sun
      The morning sheets surprising stain
      It's not the red of which we bleed

      The red of cabernet sauvignon
      A world of ruby all in vain

      It's not that red


      Vier Jahre später folgte „Perpetuum Mobile“. Demnächst mehr dazu.



      Quellen:
      1. Chronik Sonic Seducer, Einstürzende Neubauten
      2. neubauten.org/en/silence-sexy
    • Cosima schrieb:

      Einstürzende Neubauten - Ende Neu (1996): (Als Minimalistin kann ich dieses wunderschöne Cover nur lieben.)



      Apropos Minimalismus: Ich hatte vergessen, eines meiner Lieblingsvideos von Ende Neu zu erwähnen, nämlich The Garden.

      Diese Zeilen in Verbindung mit der eingängigen Musik haben sich bei mir zu einem ziemlichen - aber sehr angenehmen - Ohrwurm entwickelt*:

      You will find me if you want me in the garden
      unless it’s pouring down with rain

      Hier das tolle Video dazu: Einstürzende Neubauten - The Garden (Official Video)

      Schöner und ästhetischer kann man Minimalismus im Einklang von Text, Musik und visuellem Eindruck wohl kaum darstellen. Die Schlichtheit täuscht jedoch im ersten Moment, es sind religiöse Anklänge im Text zu finden:

      Bei Bargeld heißt es*: You will find me by the banks of all four rivers. — In der Bibel steht: Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. (Gen 2, 10)

      Bargelds Text*: You will find me waiting for the apples to ripen. — Die Rolle des Apfels und Apfelbaums in der Bibel sind bekannt.

      Dies ist übrigens Bargelds Lieblingssong von der CD, wie er in einem sehr sehenswerten Interview erzählt. Hier war er mal extrem relaxed, sehr cool und auskunftsfreudig wie selten 8) :

      1:1 with Blixa Bargeld (VH-1) promoting Einstürzende Neubauten's "Ende Neu" album



      Quelle: *) neubauten.org/de/ende-neu
    • Cosima schrieb:




      Als komplettes Album sind diese frühen Aufnahmen nicht mehr verfügbar, einzelne Songs sollen aber auf der „80-83 Strategies Against Architecture“ wieder veröffentlicht worden sein (?).

      Was für Songs =O … mehr Abgrund und Katastrophe kann man mit musikalischen Mitteln wohl nicht ausdrücken. Total hingerissen bin ich von „Für den Untergang“. Das Stück könnte auch als Untermalung zu einem rituellen Tanz dienen, so ursprünglich und hypnotisch wirkt es. Der Text passt dazu, denn es wird nicht für die Sonne und nicht für Regen getanzt, es wird einzig und allein für den Untergang getanzt. Ein wahnsinniges Ding. :verbeugung1:

      „Für den Untergang“: youtube.com/watch?v=drn9t68FpMw
      Inzwischen habe ich mir auch das Album Kalte Sterne angeschafft, nachdem ich bereits von Für den Untergang so fasziniert war.

      Überhaupt haben die Faszination und mein Erstaunen bislang kein bisschen nachgelassen, im Gegenteil: Je mehr ich von den Neubauten höre und über sie lese und mir anschaue, desto mehr fühle ich mich hingezogen. Eigentlich sollte es mit den neueren Alben weitergehen, aber ich bin immer noch in den Anfängen gefangen. Das ist ein so weites Feld, es tun sich immer mehr interessante Nebenschauplätze auf. Zum Beispiel lese ich momentan ein Buch über Antonin Ardaut, dessen Arbeiten und Thesen wohl einigen Einfluss auf die EN hatten. Aber davon ein anderes Mal mehr.

      Verweilen wir einstweilen bei Kalte Sterne. Zusammengestellt wurde die Compilation von Bargeld; die meisten der 13 Tracks aus 1980-1982 entstanden also vor dem 1981er Debüt Kollaps.

      Es sind die frühesten aufgenommenen Arbeiten der Neubauten. Wer meint, dass Kollaps oder Halber Mensch schon irgendwie brutal waren, der wird feststellen, dass diese Songs noch viel kompromissloser und extremer waren. Hier geht es wirklich um Schrecken, Abgründe und Katastrophe, hier wird nichts beschönigt, es gibt keine Zugeständnisse an irgendwelche Hörgewohnheiten oder Konventionen.

      Die Klangpalette ist noch total rau und ungeschliffen, sie wirkt aber auch irgendwie begrenzter als auf den folgenden Alben. Hier war eine Band noch auf dem Weg zum eigenen Stil.

      Einige Tracks, wie Durstiges Tier, bestehen aus wenig mehr als skelettartigem Glucksen unbestimmter Herkunft, in das sich Bargelds geflüsterte Stimmfetzen einmischen; Alexander Hacke ist auf dem Track mit verstärktem, gebogenem Draht zu hören, der einen dünnen, hässlichen Klang erzeugt. Zuckendes Fleisch ist wohl der zugänglichste Song auf dem Album. 13 Löcher (Leben Ist illegal) verwendet eine elektrische Bohrmaschine als Instrument. Die Band geht sogar so weit, eine Überlebensdecke als mysteriöse Geräuschquelle auf dem Track Schwarz einzusetzen. Alles sehr extrem und man muss mit Kopfhörern aufpassen, denn es gibt Ausbrüche (vor allem von Bargelds ungestimmter Gitarre), die dem Gehör gar nicht gut tun… =O

      Als im Laufe des Jahres 1981 neue Mitglieder an Bord kamen, ließen die Neubauten diesen sehr extremen Ansatz teilweise hinter sich. Fortan konzentrierten sie sich darauf, dichte, martialische Geräuschkulissen voller Klänge zu erschaffen, die aus dem Schlagen auf Blech, dem Zerbrechen von Glas und dem Spiel auf ungestimmter Gitarre stammen. Bargeld erzählte mehr als einmal, dass er eigentlich gar nicht Gitarre spielen konnte. Es gibt auch einen Song mit ähnlichem Inhalt:

      Blixa Bargeld / N.U. Unruh - Wir können nicht spielen

      Okay, die auf Kalte Sterne zu hörenden Klänge sind insgesamt harsch und unkonventionell, dennoch wirken sie auch hier in den Anfängen nicht „unmusikalisch“. Zumindest für mein Ohr nicht. :D Es scheint vielmehr so, als wären sie eingebettet in einen bestimmten Zusammenhang, als wären sie Bestandteil einer neuen, bislang unbekannten harmonischen Sprache, die es eben noch zu entschlüsseln gilt.

      Es ist auch hier schon eine bestimmte Form der Ästhetik vorweggenommen, die den späteren Stil der Neubauten kennzeichnen sollte. Auffällig an diesen Frühwerken ist jedoch, dass der danach folgende surreale und später sich manifestierende leicht theatralische Touch noch nicht vorhanden waren. Die Stücke wirken trotz aller Radikalität ingesamt geerdeter, es fehlt noch das einzigartige Flair, das die Neubauten bis heute auszeichnet.

      Kalte Sterne ist somit für mich eine großartige Fundgrube aus den Anfängen dieser wichtigen und bahnbrechenden Band, die ich nicht missen möchte.

      Um zum Schluss noch den Bogen zu spannen zum theatralischen Element, das ich in nachfolgenden Performances der Neubauten so sehr liebe, hier noch der Song Der morgige Tag ist mein aus 1985 und in einer früheren grandiosen Live-Version (das Bild kommt erst nach ein paar Sekunden). Bargeld singt das Lied (engl. Original: Tomorrow Belongs to Me) im Stile eines deutschen Volksliedes.

      Hier stimmt alles: Bargelds Stimme und Ausdruck, Gestik, Mimik, die visuelle Umsetzung an sich mit dem Klavierspieler, der nur als Schatten zu sehen ist, überhaupt die Darstellung mit Licht und Schatten, die Farben… :verbeugung1: Das ganze Ding ist einfach grandios, ich wünschte nur, die Bildqualität wäre besser.

      Der morgige Tag ist mein!
      Blixa Bargeld - der morgige tag ist mein - live ca.1984

      Bis demnächst. :thumbup:



    • Es geht weiter mit Perpetuum Mobile (2004)



      Die Band hatte beschlossen, ein Album zu veröffentlichen, das ausschließlich von ihren Fans finanziert werden sollte. Für eine einmalige, geringe Zahlung erhielten die Fans eine Supporter-Version des Albums, die nicht öffentlich erhältlich war. Zu bestimmten Zeiten schaltete die Band Webcams im Studio ein und ermöglichte es den Fans, bei den Aufnahmen der Songs zuzuschauen. Die Supporter konnten Feedback zu den Songs geben, Vorschläge machen, Ideen einbringen - waren also ein wenig an dem Entstehungsprozess des Albums beteiligt.

      Perpetuum Mobile könnte man fast als Konzeptalbum bezeichnen, denn es tauchen immer wieder Themen auf, die sich durch die Songs ziehen. Texte und Songtitel beziehen sich auf Luft, Wind, Bewegung und Reisen im Allgemeinen. Das Thema Wind spiegelt sich auch in der Wahl der verwendeten Instrumente wider, insbesondere im Luftkompressor.

      Bargeld dazu (1): „Ein Konzeptalbum ist es jedoch nicht. Es hat sich nach ein paar Monaten herausgestellt, dass es scheinbar um dieses Thema geht. Anschließend wurde systematisch in diese Richtung weiter geforscht. Deswegen wäre der Albumtitel ‚Luftveränderung‘ auch sehr passend gewesen.“

      Die Texte auf Perpetuum Mobile wirken dieses Mal persönlicher und scheinen dadurch verletzlicher zu sein, auch wenn Bargeld wie gehabt eher kryptisch und chiffriert formuliert. Das Album beginnt mit Ich gehe jetzt, musikalisch basiert der Song auf der Bassgitarre und dem tiefen Dröhnen des Luftkompressors.

      Einer meiner Lieblingssongs - fast eine Ballade - ist Ein leichtes leises Säuseln, eines der ruhigsten und schönsten Lieder bis dahin, das ich von der Band kenne. Wunderschön auch wieder der Text (2) und die Art und Weise, wie Bargeld ihn stellenweise wispert:

      Ein leichtes leises Säuseln (YT)

      Ich bin auf der Flucht
      vor aufgebrachten Massen
      quer durch die Wildnis
      am Ende angekommen
      warte lange schon am Eingang
      stumm und ohne Plan

      Das Warten auf Etwas ist auch ein Motiv, das sich in Bargelds Texten häufiger findet. Es ist stets begleitet von einer besonderen Form der Melancholie.

      Ein seltener Vogel ist auch ein absolut genialer Song: Zwei Minuten lang hört man nichts außer dem leisen Brummen der Band, dann setzt das metallische Schlagzeug ein. Wie viele der Songs des Albums und der Band überhaupt, hat es eine faszinierende, hypnotische Qualität, ohne sich in den jeweiligen Effekten zu wiederholen. Nach sieben Minuten hört man Bargeld mit seinem Markenzeichen - dem markerschütternden Schrei.

      Ein seltener Vogel (YT)

      Ich warte
      auf das was der seltene Vogel
      bei seiner Rückkehr
      im Schnabel trägt:
      Das neue Lied! (2)

      Da ist es wieder: das Warten.

      Youme & Meyou ist recht eingänglich und der erste englischsprachige Song auf dem Album.

      Wenn man sich das Album genau anhört, wird einem bewusst, wie spärlich und zurückgenommen eigentlich die Arrangements sind. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass etwas fehlen würde. Es klingt alles schlüssig, thematisch wie musikalisch sehr homogen, kreativ und sehr aufregend.

      Perpetuum Mobile ist (…) die tongewordene Essenz der Bewegung im Zwischenraum, die sich irgendwann, irgendwo zwischen den Schildern „Arrival“ und „Departure“, zwischen Flucht und Fernweh, zwischen Angel und Tür, zwischen Jetzt und Hier und sämtlichen Nischen der menschlichen Existenz entfaltet. (1)
      Das trifft es und besser hätte ich ein abschließendes Resümee nicht formulieren können. Ein hervorragendes Album der Neubauten, das ich immer wieder gerne höre.


      Quellen:
      (1) Sonic Seducer Chronik, Einstürzende Neubauten
      (2) neubauten.org/en
    • Alles wieder offen

      Alles wieder offen wurde am 19. Oktober 2007 veröffentlicht.

      Abermals - wie bereits bei Perpetuum Mobile - wurde das Album durch Spenden der Neubauten-Supporter finanziert. Das Ergebnis ist ein eindringliches, anregendes, wie immer interpretationsoffenes Werk, „geprägt von Veränderung und Verlust, von Vergehen und Werden, Suchen und Finden.“ (2)

      Die Band war bei der Aufnahme unverändert zusammen mit:

      Blixa Bargeld - Gesang, Gitarre, verschiedene Instrumente
      Alex Hacke - Bass, Backing Vocals, verschiedene Instrumente
      Jochen Arbeit - Gitarre, verschiedene Instrumente
      NU Unruh - Percussion, verschiedene Instrumente
      Rudi Moser - speziell angefertigtes Schlagzeug, verschiedene Instrumente

      Die Supporter-Version enthält 14 Tracks; die mir vorliegende reguläre CD, die über das bandeigene Label Potomak veröffentlicht wurde, beinhaltet 10 Tracks, nämlich diese:

      Die Wellen – 3:47
      Nagorny Karabach – 4:25
      Weil Weil Weil – 4:57
      Ich hatte ein Wort – 4:19
      Von wegen – 5:36
      Let's do it a Dada! – 5:52
      Alles wieder offen – 4:14
      Unvollständigkeit – 9:01
      Susej – 4:47
      Ich warte – 6:07



      Der Sound der EN wirkt auf auf diesem Album noch subtiler als zuvor; die Band setzte auf weichere Melodien und hypnotische Rhythmen, die sich klanglich aufbauen.

      Dies kann man gleich erleben beim ersten Song Die Wellen: Das Stück beginnt mit einem kaum hörbaren Klavier und wird im Laufe der nächsten zwei Minuten immer lauter, es tauchen weitere Instrumente auf, das Ganze verdichtet sich und wird lauter und eindringlicher. Gerade in dem Moment, in dem das Stück auf seinen Höhepunkt zuzusteuern scheint, bricht es abrupt ab. Es gibt einen religiösen Symbolgehalt in Die Wellen. Es ist aber mitnichten so, dass Blixa Bargeld nun zum Glauben gefunden hätte. Bargeld dazu (2): „Ich würde hier nicht von der Suche nach Gott reden wollen. Ich gebe umumwunden zu, dass ich eine gewisse Neigung zum Benutzen mythologischer Metaphern habe, wobei Bibelmetaphern für mich ebenfalls zur Kategorie der mythologischen Metaphern zählen. (…) Trotzdem: Ich bin nicht religiös.“

      Jedenfalls liebe ich diesen Song sehr. Für mich eines der Highlights auf dem Album, was auch mit meiner Liebe zum Meer zu tun hat.

      Die Wellen

      Als nächstes folgt Nagorny Karabach. Der Song weist auf den 1983er Klassiker Armenia hin und ist einer der fragilsten, besinnlichsten und sanftesten Lieder, das die Neubauten aufgenommen haben (1):

      Komm mich mal besuchen
      ich hab’ unendlich Zeit
      und der Blick der ist vom Feinsten
      über Wolken und die Stadt
      in Nagorny Karabach

      Übrigens IMO auch wieder ein tolles Video, herrlich minimalistisch: Einstürzende Neubauten - Nagorny Karabach (Official Video)

      Weil Weil Weil ist sehr rhythmisch und enthält diese oft zitierten Textzeilen, die ich sehr gelungen finde und die bei mir haften geblieben sind (1):

      Lass dir nicht von denen raten
      die ihren Winterspeck der Möglichkeiten
      längst verbraten haben.

      Sie erinnern mich an den Prolog aus Haus der Lüge (1):

      Meint ihr nicht
      wir könnten unterschreiben
      auf dass uns ein bis zwei Prozent gehören
      und Tausende uns hörig sind.

      Alles wieder offen ist - wie man es von einem Stück, das nach dem Album benannt ist - erwarten würde, ein weiteres Highlight. Es basiert auf einem Gitarrenpart, den Blixa Bargeld in den 80er Jahren aufgenommen hatte. In Interviews hat er gesagt, der Track sei ein Gespräch zwischen ihm selbst heute und damals, als er jünger war. Das Stück ist um den Bass und eine Streichersektion herum aufgebaut.

      Susej ist Jesus rückwärts gelesen. Der Song beschäftigt sich mit Verlust, Katastrophen und ist einer der berührendsten Texte Bargelds.

      Ich warte (wieder das Warten!) schließt das Album ab. Alex Hacke spielt eine Vihuela, ein spanisches Zupfinstrument. Auch dieses Stück baut sich langsam auf. Der Bass schleicht sich langsam ein, ebenso wie zufällige Hintergrundgeräusche. Die Befreiung nach dem Aufbau und der Verdichtung ist atemberaubend. Am Ende lautet es (1):

      Ich warte bis es nichts mehr zu warten gibt
      das Leben ist kein Irrtum, kein Irrtum und Musik
      Ich warte
      Ich warte immer noch

      Als der Höhepunkt erreicht ist, hören die anderen Instrumente plötzlich auf, und man hört nur noch das sanfte Schlagen der Vihuela und dann Stille. Was für ein wundervoller, aufwühlender und impulsiver Abschluss für ein abermals großartiges Album!

      Je mehr ich die Neubauten höre (und ich höre sie wirklich sehr oft :) ), desto weniger finde ich die passenden Worte. Da gibt es so viel zu entdecken, zu erkunden, so viele Querverweise, Andeutungen und Interpretationsversuche. Das ist wie ein Universum, das sich auftut. Kürzlich habe ich ein Buch über Antonin Artaud gelesen, es wartet ein weiteres über Dadaismus.

      Für mich sind die Neubauten die Entdeckung dieses Jahres. Und eigentlich bin ich ja schon sehr spät dran, wenn man bedenkt, dass sie bereits im Jahr 2020 ihr 40. Bandjubiläum feierten. Das heißt: Eigentlich wollten sie es feiern, denn ein fieses Virus kam dazwischen. Im nächsten Jahr werde ich sie hoffentlich auch live erleben, jedenfalls habe ich eine Karte. 8) Ich freue mich sehr darauf.


      Quellen:
      1. neubauten.org/en
      2. Sonic Seducer Chronik, Einstürzende Neubauten
    • The Jewels oder Die Musik des Zufalls

      The Jewels stammt aus der 3. Supporterphase der Neubauten und war ursprünglich bis Ende 2007 nur als Download für die Unterstützer erhältlich. Mitte 2008 wurde das Album jedoch über das eigene Potomak-Label neu aufgelegt und für die Allgemeinheit veröffentlicht.



      Geschrieben und komponiert von:
      Jochen Arbeit, Blixa Bargeld, Alexander Hacke, Rudi Moser, N.U. Unruh.

      Und „Dave“.

      Dave - benannt nach dem ersten Sprecher in Blixas Auto-Navi - ist eine eine Art kreatives Strategiespiel oder Navigationssystem, das sich die Neubauten ausgedacht hatten: Es besteht aus etwa 600 Karten in einer Art Karteikasten, auf denen Begriffe, Anweisungen und Hinweise auf Instrumente und Materialien stehen. Für die recht kurzen, nur 1-2 Minuten langen Miniaturen auf The Jewels haben die Musiker jeweils blind eine Karte aus Dave gezogen. Danach mussten zwei Tage ausreichen, um von der ersten Inspiration zu einem fertigen Song zu gelangen und die Vorgabe dabei umzusetzen.

      Zum Beispiel zieht N.U. Unruh für das Stück Epharisto die Karte Durstiges Tier und zieht dann aus dem „Instrumentenlager“ tatsächlich den Teil einer alten Wasserrohrleitung hervor. Im Ergebnis wird der Sound aus Durstiges Tier quasi wiederbelebt.

      Im Grunde genommen sind die Songs also Ergebnisse des Zufalls und dem Chaos entsprungen. Doch sie sind so viel mehr: Allein das Konzept und die Idee, die hinter den „Juwelen” stecken, sind im extremen Maße faszinierend. Die Songs sind vielfältig, spielerisch, erfrischend leicht und belegen, wie das Gespür der Musiker hier genial zusammen findet und kleine Schmuckstücke zu formen imstande ist.

      Die 15 Songtitel (1):
      1. Ich komme davon
      2. Mei Ro
      3. 26 Riesen
      4. Hawcubite
      5. Die Libellen
      6. Jeder Satz mit ihr hallt nach
      7. Epharisto
      8. Robert Fuzzo
      9. Magyar energia
      10. Vicki
      11. Ansonsten Dostojevsky
      12. Die Ebenen werden nicht vermischt
      13. Am I only Jesus
      14. Bleib
      15. I kissed Glenn Gould


      Hier durchstöbern die Einstürzende Neubauten die im Halbschatten gelegenen Ränder ihres Klangkosmoses. Was sie dabei zutage fördern, ist mal charmant verschroben, mal sperrig, dann wieder sehr poetisch (…). (2) Die Songtexte stammen überwiegend aus Blixa Bargelds „Traumprotokollen“.

      Ich habe das Album inzwischen sehr oft gehört, ich liebe all diese wundervollen Zufallsprodukte. Eines davon liegt mir besonders am Herzen: Bleib

      Einstürzende Neubauten - Bleib

      Was für schöne Textzeilen (2):

      Bleib
      Es fehlen Stäbe, Stäbe fehlen
      Die Zwischenräume sind groß genug
      Dein schnelles Herz wenn ich dich halte
      Ich hab' dich unglücklich erwischt
      Bleib

      „Dein schnelles Herz wenn ich dich halte“… das klingt doch unglaublich zart und berührend so wie es Bargeld singt/flüstert/zelebriert. Ich habe immer wieder einen Kloß im Hals, wenn ich es höre, weil es so authentisch wirkt.

      Für mich ist das Album kein Zufallsprodukt sondern eine Herzensangelegenheit. :love:

      1. neubauten.org/en
      2. Sonic Seducer Chronik, Einstürzende Neubauten
    • motiaan schrieb:

      Liebe Cosima,

      danke für deine Beiträge - da kann ich mich großteils anschließen. Mit "Jewels" bin ich noch nicht recht warmgeworden, aber es zeigt, dass (und wie) man aus wenig viel machen kann.
      Dankeschön :) .

      Ich werde ein wenig wehmütig - jetzt, wo es dem Ende zugeht in diesem Thread. Es sollten unglaubliche 12 Jahre =O vergehen, bis auf diese „Juwelen“ das vorerst letzte Album Alles in Allem der Neubauten in 2020 erscheinen sollte. Was für eine aufregende musikalische Reise :thumbup: .
    • Ich habe mir heute noch die ca. 40-minütige Doku zu den Jewels angeschaut, die auch auf der CD enthalten ist. Sie zeigt anhand von 8 Lösungen den Arbeitsprozess der Band im Studio für diese kleinen Schmuckstücke. Das ist im Grunde erstmal nicht besonders aufregend: Jeder Musiker erläutert, welche Karten er gezogen und wie er sie ausgelegt hat. Da werden allerlei Seltsamkeiten eingesetzt: Druckluft, ein Vibrator, eine Obstschale, ein Autoreifen, eine Turbine, ein altes Tape, Sounds von vorbeifliegenden Flugzeugen, die Lüftung eines Verstärkers usw.

      Das jedoch zu sehen und in den Songs dann hörend wieder zu erkennen, ist irgendwie genial. :verbeugung1: Dass diese mehr oder weniger alltäglichen Gegenstände sich zu solch interessanten Klangwelten zusammenstellen lassen, das finde ich faszinierend und spricht für das Gespür der Musiker, die hier am Werke sind. Darüber hinaus ist es die schiere Freude am Experimentieren, die mir imponiert und gefällt.

      Blixa Bargeld dazu im Text des Booklets: Es funktionierte immer - nun gut, fast immer: einmal gaben wir auf und gingen stattdessen nach Hause. Anfangs empfanden wir den gesamten Prozess als gigantische Abschweifung, doch nach einer Weile begann es, Spaß zu machen. Wir bemerkten schon bald, dass die Ausflüge, die uns von der normalen Album-Arbeit wegführten, durch die Ergebnisse gerechtfertigt waren und uns erlaubten, einige unserer bislang Ego-freisten Kompositionen zu „ernten“.
    • Alles in Allem

      Ein gewaltiger Sprung ins Jahr 2020 und zu „Alles in Allem“.



      Das letzte reguläre Studioalbum lag bereits 12 Jahre zurück, sieht man einmal von der Auftragsarbeit „Lament“ ab. 12 unendlich lange Jahre! Man möchte weinen und verzweifeln. Was hätte alles in diesen Jahren veröffentlicht werden können?!

      Aber die Einstürzende Neubauten haben immerhin (noch und hoffentlich nicht als letztes Album) „Alles in Allem“ veröffentlicht, eines ihrer spannendsten Alben. Hier zeigen sich die Neubauten wiederum von einer für sie neuen Seite: sehr melodisch, üppig instrumentalisiert und mit strukturierten Formen. Bargelds Texte sind noch raffinierter als sonst und wie immer reich an Metaphern, sein Gesang ist nuanciert und ausdrucksstark.

      Natürlich sind die Herren älter geworden, keine Frage. Aber älter werden wir alle, die Frage ist nur: Wie kriegen wir das hin? Meiner Meinung nach haben die Neubauten es geschafft, sich in jedem Moment ihrer langen Karriere zeitgemäß und würdevoll zu präsentieren, sich aber trotzdem - und das ist das Wichtige - ihren eigenen Stil, ihre experimentelle Kreativität, ihren Blick aufs Ungewöhnliche und ihre kindliche, verspielte Neugier zu bewahren.

      Man könnte „Alles in Allem“ ein Berlin-Album nennen. Bereits die Titelbezeichnungen sprechen Bände:

      Ten Grand Goldie
      Am Landwehrkanal
      Möbliertes Lied
      Zivilisatorisches Missgeschick
      Taschen
      Seven Screws
      Alles in Allem
      Grazer Damm
      Wedding
      Tempelhof

      Aber es ist sehr viel mehr als ein Album über die Stadt Berlin…

      Ich habe überlegt, wie ich dieses „mehr“ beschreiben könnte. Ich kann es nicht. Es ist auch sinnlos, die einzelnen Tracks zu beschreiben. Irgendwie wird dieses Album mit jedem Hören für mich „größer“ und schöner. Beim ersten Hören mochte ich es noch nicht einmal besonders, inzwischen liebe ich seine fragile Schönheit.

      Das Album klingt zwar eingängiger als gewohnt, aber es besitzt diese eindringlichen Klanglandschaften und „jenseitigen“ Klänge, die - in Verbindung mit den Texten - irgend etwas im Innern (bei mir) bewegen. Aber dazu musste ich diese ganze Reise vom Anfang an antreten, von 1981 bis ins Jahr 2020. 40 Jahre - für mich im Zeitraffer! Es ist, als würde sich mit diesem Album ein Kreis schließen oder ein letztes Puzzleteil passen. Es gibt Anklänge an frühere Arbeiten der EN, es geht auch wieder um das „Warten“, so dass am Ende ein zusammenhängendes großes Ganzes bleibt. Ein Neubauten-Universum, in dem man sich zuhause fühlt oder auch nicht.

      Ein ganz großer Wurf ist dieses Album für mich. Gleichwohl hinterlässt es ein Gefühl von Wehmut. Ich möchte nicht, dass es hier schon endet. Meine erste Begegnung mit den Neubauten war genau so, wie Nick Cave es beschrieb: „It was one of those defining moments for me of things that you see that just change the way you are.“

      Das Schlusswort gebührt Blixa Bargeld. Im Song „Am Landwehrkanal“ lautet es:

      Wir hatten tausend Ideen, und alle war'n gut

      :thumbup: