Gute Gründe für Programmänderungen?

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    • Leverkuehn hat schon recht: die Programmänderung gibt es in der Oper auch, nur fällt sie dort anders aus.

      Beispiel Bayreuther Festspiele 2017: bekanntlich muss man auf Karten für Bayreuth ggf. lange warten, und wenn man sie bekommt, sind sie auch nicht ganz billig. "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Katharina Wagner - die Isolde ist indisponiert und kann deswegen nur spielen, aber nicht singen. Ihre Partie wurde von einem Ersatz von der Seite reingesungen.

      Für ein Festival dieser Kategorie eine bemerkenswerte Lösung - an den meisten Stadttheatern hätte man sich wohl bemüht, die Einspringerin noch kurzfristig szenisch einzuweisen, so dass sie die Partie auch hätte spielen können. Warum das ausgerechnet in Bayreuth nicht ging, ist mir nicht bekannt. So außerordentlich komplex war die Inszenierung auf jeden Fall nicht, dass der Gedanke absurd hätte erscheinen müssen.

      Den Gesamteindruck einer szenischen Opernproduktion schmälert es schon, wenn die Hauptpartie gar nicht selbst singt, sondern nur über die Bühne läuft - dies dann auch noch beim "Tristan" und seiner Fokussierung auf die beiden Protagonisten im zweiten Aufzug.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      die Programmänderung gibt es in der Oper auch, nur fällt sie dort anders aus.
      Das ist aber keine Programmänderung, sondern eine Besetzungsänderung. Das Programm bleibt dasselbe: "Tristan und Isolde". Nur singt in Deinem Beispiel eine andere Person die Isolde als angekündigt.

      Besetzungsänderungen gibt es selbstverständlich auch in der Oper. Programmänderungen habe jedenfalls ich bisher noch nicht erlebt.
    • Symbol schrieb:


      "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Katharina Wagner - die Isolde ist indisponiert und kann deswegen nur spielen, aber nicht singen. Ihre Partie wurde von einem Ersatz von der Seite reingesungen.
      Bekanntestes Beispiel ist da sicher der Cherau-Ring. In einem Jahr hatte Kollo wohl das Bein gebrochen (wenn ich mich nicht irre), und sang die Rolle von der Seite, während Patrice Chereau die szenische Rolle spielte. Das war damals sicher eine gute Lösung, weil erstens der geplante Sänger sang und Chereau als Regisseur die Rolle natürlich voll drauf hatte.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • music lover schrieb:

      Symbol schrieb:

      die Programmänderung gibt es in der Oper auch, nur fällt sie dort anders aus.
      Das ist aber keine Programmänderung, sondern eine Besetzungsänderung. Das Programm bleibt dasselbe: "Tristan und Isolde". Nur singt in Deinem Beispiel eine andere Person die Isolde als angekündigt.

      Besetzungsänderungen gibt es selbstverständlich auch in der Oper. Programmänderungen habe jedenfalls ich bisher noch nicht erlebt.

      Jein. Eine Umbesetzung wäre es, wenn die Ersatz-Sängerin auch gespielt hätte. In der dargebotenen Form wirkte es (zumindest in Bezug auf die Partie der Isolde) geradezu halbszenisch, weil die Person auf der Bühne nicht mit der Sängerin identisch war und die Sängerin sichtbar von der Seite reinsang (wie bei einer konzertanten Aufführung).

      leverkuehn schrieb:

      weil erstens der geplante Sänger sang und Chereau als Regisseur die Rolle natürlich voll drauf hatte

      Das spricht sehr für Chereau und ist keineswegs "natürlich". Zu wissen, wie man sich eine Darstellung gedacht hat und dies selbst (verzögerungs- und fehlerfrei) umzusetzen, sind zwei paar Schuhe. Hut ab vor Chereau, dass er das konnte! Vielleicht wurde es aber extra so geprobt, als feststand, dass dies die Lösung des Problems sein sollte. Interessant ist, dass Bayreuth bereits damals keinen szenisch eingewiesenen singenden Ersatz zur Verfügung hatte.

      LG :wink:
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    • Symbol schrieb:

      Jein. Eine Umbesetzung wäre es, wenn die Ersatz-Sängerin auch gespielt hätte.
      Wenn man so will, ist es noch nicht einmal eine Besetzungsänderung, denn die angekündigte Sängerin agiert ja auf der Bühne. Eine Programmänderung ist es aber auf keinen Fall. Angekündigt wurde "Tristan und Isolde", gespielt wurde "Tristan und Isolde".
    • music lover schrieb:

      Warum man statt des Marsalis in Hamburg dann nicht wenigstens das Violinkonzert von Mark Simpson spielt? Keine Ahnung. Wie gesagt: Der Veranstalter kommuniziert dies nicht
      Das liegt doch auf der Hand: Die in der Kölner Philharmonie angekündigte "Deutsche Erstaufführung" dieses Konzertes wäre keine solche mehr, wenn man es einen Tag vorher schon in Hamburg gespielt hätte. Und da gibt es sicherlich Verträge, die festlegen, wo diese Erstaufführung stattzufinden hat.
      Ansonsten kann ich in diesem Fall Deinen Ärger gut verstehen, vor allem weil durch das Bruch-Konzert dann plötzlich nur noch abgenudelte Wunschkonzert-Renner auf dem Programm standen. Aber es stimmt auch - und ist auch gut so - , dass man mit einem Konzertticket keine Ware mit zugesicherten Eigenschaften erwirbt. So etwas gibt es in der Kunst nicht.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • music lover schrieb:

      Das würde nämlich das Opernpublikum nie mit sich machen lassen. Wer eine Karte für "Lohengrin" kauft, will auch "Lohengrin" hören und nicht plötzlich "Madame Butterfly". Die Leute würden Sturm laufen bei solchen Programmänderungen.

      Wenn das Opernpublikum so etwas niemals mitmachen würde, warum macht es das Konzertpublikum mit? Geht bei wesentlichen Programmänderungen trotzdem brav in das Konzert, ohne aufzumucken?
      Ganz so streitbar ist das Opernpublikum nun auch nicht. Kurz nach der Wende fuhren wir extra nach Berlin, um in der Lindenoper die 'Sizilianische Vesper' zu erleben. Oh Wunder, plötzlich wurde uns der 'Barbier' serviert. An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr, nur daran, dass die Oper trotzdem gut besucht war und niemand seinen Unmut äußerte.

      :wink: Wolfram
    • music lover schrieb:

      Symbol schrieb:

      Jein. Eine Umbesetzung wäre es, wenn die Ersatz-Sängerin auch gespielt hätte.
      Wenn man so will, ist es noch nicht einmal eine Besetzungsänderung, denn die angekündigte Sängerin agiert ja auf der Bühne. Eine Programmänderung ist es aber auf keinen Fall. Angekündigt wurde "Tristan und Isolde", gespielt wurde "Tristan und Isolde".

      Es ist halt die Frage, was man (per definitionem) zum Programm rechnet. Ich würde mich diesbezüglich nach dem Programmzettel oder -heft richten. Dieser/-s weist in der Regel das/die Stück/e und die darbeitenden Musiker/innen aus. Im Falle der Oper wird darüber hinaus in der Regel noch angekündigt, dass es sich um eine szenische Darbietung in der Inszenierung von xyz handelt. Diese Inszenierung (in besagtem Fall von Katharina Wagner) wurde aber strenggenommen nicht gespielt, denn die Regisseurin hat ja nicht vorgesehen, dass die Sängerin der Hauptpartie wie bei einer konzertanten Aufführung reinsingen soll. Dies war auch keine künstlerischen Konzeption (im Sinne der "Werkstatt Bayreuth").

      Im übrigen kann ich Deinen Ärger über die diskutierte Programmänderung gut nachvollziehen. Ich frage mich nur, ob der Rigorismus Deiner Konsequenz (die selbstverständlich Dir überlassen sei) angemessen ist. Es gibt ja auch viele schöne Konzerte ohne derartige Programmänderungen - warum soll man die boykottieren?

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
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      Wolfram schrieb:

      music lover schrieb:

      Das würde nämlich das Opernpublikum nie mit sich machen lassen. Wer eine Karte für "Lohengrin" kauft, will auch "Lohengrin" hören und nicht plötzlich "Madame Butterfly". Die Leute würden Sturm laufen bei solchen Programmänderungen.

      Wenn das Opernpublikum so etwas niemals mitmachen würde, warum macht es das Konzertpublikum mit? Geht bei wesentlichen Programmänderungen trotzdem brav in das Konzert, ohne aufzumucken?
      Ganz so streitbar ist das Opernpublikum nun auch nicht. Kurz nach der Wende fuhren wir extra nach Berlin, um in der Lindenoper die 'Sizilianische Vesper' zu erleben. Oh Wunder, plötzlich wurde uns der 'Barbier' serviert. An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr, nur daran, dass die Oper trotzdem gut besucht war und niemand seinen Unmut äußerte.

      :wink: Wolfram
      Der "Barbier" in der Lindenoper ist aber auch die uralte und legendäre Inszenierung von Ruth Berghaus. Und diese Produktion würde ich mir (wenn die Besetzung wenigstens halbwegs passt) immer wieder ansehen (auch dann, wenn der Frust über eine kurzfristige Programmänderung groß ist und ich eigentlich wegen des ursprünglich angesetzten Werkes angereist bin)
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      Wolfram schrieb:

      Oh Wunder, plötzlich wurde uns der 'Barbier' serviert. An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr, nur daran, dass die Oper trotzdem gut besucht war und niemand seinen Unmut äußerte.
      Vielleicht, weil es niemand (außer dir) bemerkt hat. :D

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
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      Also, was mich erinnerungsmäßig ziemlich geärgert hatte, waren Programmänderungen bzgl. der 4. Sinfonie Op. 43 von Schostakowitsch. Wenn ich mich recht erinnere (die Hamburger Capricciosi können sich sicherlich erinnern und mich ggfs. korrigieren), ist Ende der 1990er und Anfang der 2000er diese Sinfonie in Hamburg zweimal durch ein anderes Stück ersetzt worden, und zwar einmal durch Tschaikowskis 5. (?) und einmal durch Schostakowitschs 10. Im ersten Fall war es ProArte mit einem Orchester, an das ich mich nicht mehr erinnere, vermutlich ein russisches, im zweiten Fall war es das NDR-Orchester mit Christof Eschenbach, dass wir dann auch gehört hatten. (Ich mag die Zehnte ja, aber die hatte ich schon öfter live gehört, die Vierte bis dahin noch nie.) Erst 2009 habe ich zum ersten mal die Vierte in Berlin live mit den BP/Rattle erlebt.


      maticus
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      music lover schrieb:

      Ich werde jetzt häufiger in die Oper gehen. Derzeit läuft "Agrippina" von Händel an der Hamburgischen Staatsoper, und ich bin mir sicher, dass ich dort nicht zwei Minuten vor der Vorstellung vom Intendanten erfahre, dass man "aus organisatorischen Gründen" heute "Hänsel und Gretel" statt der Händel-Oper spielt. Das würde nämlich das Opernpublikum nie mit sich machen lassen. Wer eine Karte für "Lohengrin" kauft, will auch "Lohengrin" hören und nicht plötzlich "Madame Butterfly". Die Leute würden Sturm laufen bei solchen Programmänderungen.
      In der Oper kommen solche Programmänderungen sicher seltener vor, trotzdem war eine solche die bitterste Änderung, an die ich mich erinnere: Vor vielen Jahren sind ein paar andere unerschrockene Schüler und ich mit unserem Musiklehrer ins Nationaltheater Mannheim gefahren, um "Moses und Aron" zu hören und zu sehen. Wochenlang hatte ich mich darauf gefreut und war sehr aufgeregt. Dort angekommen haben wir erfahren, dass (wegen Krankheitsfall) stattdessen Cavalleria rusticana / Der Bajazzo gegeben wird (in sehr angestaubter Inszenierung). Ich war am Boden zerstört... ;) Ich glaube, die Programmplaner hätten damals nichts finden können, was mich als Ersatz weniger hätte befriedigen können. Bis ich "Moses und Aron" dann doch live erlebt habe, vergingen noch einige Jahrzehnte.
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      Bei Stücken abseits des Mainstream kann das wahrscheinlich immer einmal passieren. Da ist es oft unmöglich Ersatz einzufliegen, weil kaum jemand die Rolle drauf hat.
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      Peter Jott schrieb:

      Vor vielen Jahren sind ein paar andere unerschrockene Schüler und ich mit unserem Musiklehrer ins Nationaltheater Mannheim gefahren, um "Moses und Aron" zu hören und zu sehen. Wochenlang hatte ich mich darauf gefreut und war sehr aufgeregt. Dort angekommen haben wir erfahren, dass (wegen Krankheitsfall) stattdessen Cavalleria rusticana / Der Bajazzo gegeben wird (in sehr angestaubter Inszenierung). Ich war am Boden zerstört...
      So etwas ist natürlich eine absolute Unverschämtheit. Einem Schönberg-Publikum solch einen Allerwelts-Kram als "Ersatz" vorzusetzen.

      Ein professionell arbeitendes Management muss selbstverständlich bei der Ansetzung eines Stücks auch krankheitsbedingte Ausfälle von Sängern oder Dirigent einkalkulieren und jemanden in der Hinterhand haben, der einspringen kann. Schafft man es nicht, einen Einspringer zu verpflichten, muss der Abend abgesagt oder verschoben werden. Aber man kann einem doch nicht stattdessen "Cavalleria rusticana" und "Der Bajazzo" vorsetzen.

      Ich habe beim Schleswig-Holstein Musik Festival mal erlebt, dass der damals schon schwer herzkranke Swjatoslaw Richter nicht in Haseldorf auftreten konnte. Er war sogar da, ich habe ihn in einem Auto gesehen, in dem er vom Spielort wegchauffiert wurde. Aber seine Gesundheit ließ einen Auftritt nicht zu. Es gab die Ansage, dass das Konzert, das ausschließlich aus Lyrischen Stücken von Grieg bestand, nachgeholt wird und die Karten ihre Gültigkeit behalten. So geschah es dann zu einem späteren Termin auch. Aber was passierte an jenem Abend, als das Publikum schon versammelt war? Gratis (!) gab es einen Klavierabend von Lars Vogt, den die Festivalleitung offenbar als Einspringer in der Hinterhand hatte. Möglicherweise war er auch einfach nur als Konzertgast da und wurde spontan überredet, mit seinem aktuellen Programm aufzutreten. Wie auch immer: Er spielte nicht Grieg, sondern Beethoven. Insofern war es eine Programmänderung. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und das Grieg-Programm gab es, so wie es angekündigt war, ja durchaus zu hören, nur an einem anderen Abend. Für sein Geld bekam man also zwei Konzerte statt nur eines einzigen.

      Wenn das in dem von Dir geschilderten Fall beim Nationaltheater Mannheim ähnlich gehandhabt worden sein sollte (das Ersatzprogramm gratis, Karten für "Moses und Aron" behalten ihre Gültigkeit), wäre es ja noch okay. Aber aus Deinen Zeilen klingt an, dass sich das Schönberg-Publikum gefälligst mit dieser kurzfristigen Spielplanänderung zufrieden geben musste, denn Du schreibst, dass Du den Schönberg erst Jahrzehnte später zu Gehör bekamst.