Christoph Graupner: Sein einziges Violinkonzert, lohnenswert!

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    • Christoph Graupner: Sein einziges Violinkonzert, lohnenswert!

      Warum dieses Konzert auswählen und empfehlen, angesichts all der vielen Barockkonzerte, die für die Geige geschrieben und überliefert sind?

      Antworten auf diese Frage könnten sein:

      Weil ein schlicht zauberhafter zweiter Satz heraussticht, sozusagen einen Ohren-Catcher darstellt!
      Weil das Konzert sich nicht wie viele seiner Zeit direkt an Vivaldi orientiert, sondern andere ungewohnte Eigenheiten und Traditionen aufweist.
      Weil Graupner als Komponist Interesse weckt, wenn man weiss, dass er damals 1723 in Leipzig die Stelle des Thomaskantors zugesagt bekam, und zwar wurde er Johann Sebastian Bach vorgezogen. Bach war nur dritte Wahl. Telemann wurde zuerst gewählt, lehnte ab, dann wurde Christoph Graupner gewählt. Sein Darmstädter Landgraf verwehrte ihm aber die Entlassung, so kam Johann Sebastian Bach als Thomaskantor zum Zuge. Als Bedienstete des Hofes waren Musiker damals Kultur-Besitz des jeweiligen Regenten. So schrieb Graupner seine vielen sehr schönen Kantaten nicht für Leipzig wie Bach, sondern viele Jahre lang für Hessen-Darmstadt.
      Weil es das einzige Solo-Violinkonzert dieses sonst so schaffensfreudigen Komponisten ist: er hinterlässt ansonsten viele Bläserkonzerte, Opern, Kantaten, Ouvertürensuiten, Sonaten und Claviermusik.

      Kurzer Hörbegleiter:

      SATZ 1 (ALLEGRO)


      Eine Besonderheit gleich zu Beginn: ein leiser erster Takt, bevor es losgeht…. Aufmerksamkeit erhaschend und auch schon vier aufsteigende Drei-Achtel-Noten exponierend, die im Verlauf des Konzertes wieder vorkommen werden.
      Dann geht’s im 12/8tel Takt zügig und selbstbewusst los. Unvermutet folgt ein Fermaten-Stopp…. Als würde man gebeten, ab jetzt konzentrierter hinzuhören. Und dann wieder mit vollem Engagement in den 12/8tel Takt, aber trotzig kommt ein nächster Fermaten-Stopp. Erst dann scheint die erste Geige genügend Aufmerksamkeit zu spüren, denn jetzt beginnt sie mit ihren virtuosen Figuren und reisst das Orchester mit. Mehrmals, und gegen Schluss des Satzes immer mehr, taucht ein Motiv auf, das den Schwung der Musik unterbricht und die Musik beruhigt. Es ist das anfangs exponierte Klangmotiv mit den vier Drei-Achtel-Noten.

      SATZ 2 (ANDANTE)

      Sofort hört man zu: ein Motiv von 7 Pizzicato-Tönen wiederholt sich, breitet sich über das ganze Streichorchester aus und lädt so die Sologeige zu ihrer Aria ein. Und wirklich, die Geige beginnt ganz schlicht mit zwei ansteigenden Halbtönen in a-moll. Erst dann beginnt sie mit zauberhaften Verzierungen zu brillieren. All das über den sich wiederholenden Pizzicatos der Begleitinstrumente. Man könnte noch lange zuhören, diese Melodie zwischen a-moll und C-Dur, aber diese Aria ist auch in ihrer Länge schlicht und bescheiden.

      SATZ 3 (ALLEGRO)

      In beschwingtem A-Dur kommt die Lust des Konzertierens im dritten Satz zum Höhepunkt. Es beginnt wie ein Streichertutti bei Vivaldi. Aber Graupner überrascht dann unvermittelt und bringt wieder dieses viertönige Drei-Achtel-Motiv, als wäre sie ein Vorläufer des Schlussmotivs der Jupiter-Symphonie von Mozart. Aber als Hörer in geschichtlicher Distanz zeigt sich auch der Unterschied, Graupner lädt eher zu einem Ausruhen ein, nicht aber zu virtuoser Polyphonie wie bei Mozart. Das Konzert bleibt schlicht und abwechslungsreich. Ungewohnt auch, dass der erste Teil des Satzes wiederholt wird, wie bei einer Barocksonate, im zweiten Teil steigern sich die Geigensoli, ohne aber in wilde Virtuosität zu verfallen. Graupner ist eine Alternative zu den Violinkonzerten in der Nachfolge von Vivaldi. Trotz Ähnlichkeiten zu den italienischen Komponisten, die an den verschiedensten Höfen Europas wirken, ist Graupner sperriger und weniger nur auf die Sologeige allein konzentriert. Abrupte Wechsel der Affekte und mitreissender musikalischer Schwung verbinden sich im lustvollen Konzertieren.

      Wer sich für weitere allgemein unbekannte Violinkonzerte, die aber empfehlenswert sind, interessiert:
      Vgl. unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com



    • Vielen Dank für diesen wirklich wunderbaren Tip.
      Ich kannte von Graupner bislang einige vermischte Köstlichkeiten, vor allem sein herrliches Konzert für mein Lieblingsinstrument, die Oboe d` amore in C-Dur GWV 302, oder die Ouvertüre in F-moll GWV 450 u.a.
    • Lustigerweise habe ich beide von motiaan aufgeführten Aufnahmen in meinem Bestand, ich höre die Musik von Christoph Graupner recht gerne. Und ich habe also dieses Violinkonzert schon einige Male gehört, ohne es jemals bewusst in seiner Eigenheit wahrgenommen zu haben. Insofern ist ein solcher Faden doch eine schöne Anregung, noch einmal genauer hinzuhören.

      Beide Aufnahmen zeichnen sich in meinen Ohren aus, dass die Interpreten recht wenig versuchen, das Spezifische dieser Musik herauszuarbeiten, die im Eingangsbeitrag geschilderten Besonderheiten werden routiniert ohne besondere Gestaltungsideen abgewickelt. Erheblich pauschaler unter diesen Aufnahmen ist in dieser Hinsicht die cpo-Einspielung, aber auch die Aufnahme mit dem Solisten Friedemann Wezel wählt eher ruppige Tempi und spielt an vielen Stellen über die Vorgaben der barocken Rhetorik hinweg... Kein Wunder, dass mir das Stück nie aufgefallen ist ....

      Wenn man sich an imho überzeugenderem und feiner gespielterem Graupner erfreuen mag, ist in meinem Bestand die Aufnahme der Chalumeau-Konzerte unter Gunar Letzbor immer noch ein haushoher Favorit. Auch wenn der Geiger Letzbor das Violinkonzert nicht spielt, sondern lieber eine Violinsonate mit Cembalo g-moll GWV 711. Das wäre interessant, warum der Geiger dieses einzige Violinkonzert nicht eingespielt hat. Mutmaßungen kann man natürlich viele anstellen

      Insofern vielen Dank für die Eröffnung des Fadens und eine Frage an Toni Bernet, ob er eine ihn überzeugende Aufnahme kennt?

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)