Spielen in Blasmusikkapellen

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    • Spielen in Blasmusikkapellen

      Ich frage mal in die Runde, wie es um Eure Erfahrungen mit Blasmusikkapellen bestellt ist.

      Ich hab mir das Spielen in Blasmusikkapellen immer cool vorgestellt und kenne auch viele sympathische Leute, die in solchen spielen (ich war auch mal eher zufällig auf einem mehrtägigen Blasmusikfest in der Oststeiermark dabei, das war wirklich lustig), daher habe ich auch gern die Gelegenheit ergriffen, vorgestern, gestern und heute an Schnuppertagen der Blasmusikkapelle, deren Kapellmeister mein Klarinettenlehrer ist, teilzunehmen.

      Allerdings hat es mir persönlich gar nicht gefallen. Das Spielen an sich gefällt mir ja, aber der ganze militärische Blödsinn der Blasmusik geht mir so dermaßen auf die Nerven, das ist mir so extrem unsympathisch und ich fühle mich sehr unwohl dabei, weil es nicht zu mir passt. Wir haben so Regimentsmärsche gespielt (zB den berühmten "47er") und das Marschieren geübt (in der prallen Sonne).

      Daher geh ich heute gar nicht mehr hin und weiß, dass ich das vermutlich nie mehr mache.

      Soweit aber nur zu meinen persönlichen Erfahrungen, die natürlich subjektiv sind. Hier noch etwas zur Geschichte der Blasmusik:

      Maurice schrieb:

      Die Tradition der Blaskapellen ist so groß nicht, wie man vielleicht denken mag. Sie ist sehr eng mit der Militärmusik verknüpft. Es betrifft auch zunächst vor allem das Gebiet um Österreich und Bayern, und zwar nach den Türkenkriegen. Das heißt, zeitlich gesehen, frühestens ab 1700.

      Ein Vorläufer davon war die sog. "Janitscharenmusik" gewesen. In der Militärmusik wurden Trommeln (zunächst keine Becken und nur die Kleine Trommel) und Pfeifen eingesetzt, aber nicht als Gebrauchsmusik wie heute, sondern, damit die Armee im Schritt in die Schlacht ziehen konnte. Vorläufer davon waren , sehr weit zurück gerechnet, die "Trompeten von Jericho", um mal etwas Bekanntes in den Raum zu werfen.

      Konzertante Blasorchester entstanden zur Zeit der Französischen Revolution, also in Frankreich. Etwas später sollten sie damit Kaiser Napoleon huldigen und zu den Siegesfeiern aufspielen. Durch Napoleons Wirken auf ganz Europa erhielten diese Kapellen Einzug in Europa. Man erinnere sich an die Militärmärsche von Beethoven und Schubert. Das waren frühe Beispiele jener Musik, die dann auch Einzug in die Blaskapellen erhielt.
    • Sadko schrieb:

      Das Spielen an sich gefällt mir ja, aber der ganze militärische Blödsinn der Blasmusik geht mir so dermaßen auf die Nerven, das ist mir so extrem unsympathisch und ich fühle mich sehr unwohl dabei, weil es nicht zu mir passt. Wir haben so Regimentsmärsche gespielt (zB den berühmten "47er") und das Marschieren geübt (in der prallen Sonne).

      Sadko schrieb:

      Daher geh ich heute gar nicht mehr hin und weiß, dass ich das vermutlich nie mehr mache.
      Lieber Sadko, "Blaskapellen" haben in allen Ländern diverse Aufgaben, dazu zählt gerade auch in Österreich und Bayern das Spielen von Märschen, aber auch das Marschieren bei Festumzügen, Fasching, etc. Die Qualität geht von "grottenschlecht" bis "ganz hervorragend", je nachdem, was man für Musiker zur Verfügung hat.

      Es gibt natürlich auch unterschiedliche Arten von Märschen: Parademarsch, Präsentiermarsch, Konzertmarsch, Märsche diverser Regimenter, aber eben auch den Narhalla-Marsch zu Fasching/Karneval. Und wenn man "marschieren" muss (die Blasorchester müssen in der Regel ihren Dirigenten, Miete, Noten, Instrumente, Bekleidung etwa), muss man das eben auch richtig üben. Das ist nicht so einfach, zugleich richtig zu laufen und dabei zu spielen.

      Es gibt auch Blaskapellen, die sich auf ein mehr synphomisches Repertoire konzentrieren, und das bedeutet eine völlig andere Art von Musik als die Standardmärsche. Andere Kapellen spielen moderne Musik, mit Keyboard, E-Bass, E-Gitarre, viel Percussion, ect.

      Ich weiß ja nicht, was Du für Vorstellungen hattest, was Du erwartet hast. Man darf diese Kapellen nicht unterschätzen, denn sie müssen viel Zeit, Geld und Energie verwenden, damit die jungen Leute hingen und auch bleiben. Sie sind aber auch ein Teil der "Talentschmieden", die später die Elite der Musiker ausbilden.

      Meine Erfahrungen waren sehr unterschiedlich gewesen. Das jetzt einzeln aufzulisten wird nicht weiterhelfen. Es gab richtig tolle Erlebnisse (etwa musikalische Reisen ins Ausland), Auftritte, die einem durch Besonderheiten in Erinnerung geblieben sind (bei mir ein Aufftritt, bei dem ich den Drummer ersetzen musste, der sehr kurzfristig ausgefallen war. Da ich das von den anwesenden Musikern noch halbwegs konnte, saß ich dann am Schlagzeug und habe versucht so wenig falsch zu machen wie es möglich war. Die negativen DInge verdrängt man mit der Zeit, es sei denn, sie waren so gravierend, dass sie einem im Hirn festsitzen.

      Im Grunde geht es in Blaskappen nicht anders zu wie in den Profi-Orchestern: Es gibt einen musikalischen Leiter, Satzführer, Solisten, Satzbläser/Tuttispieler, Neid, Missgunst, Vetternwirtschaft, Bevorteilung, etc. Aushilfen werden benötigt, die im Regelfall bezahlt werden müssen, es gibt einen Vorstand, usw.

      Doch das Entscheidende ist, dass es meist Vereine sind, also man nicht nur gute Musiker in den Reihen hat, sondern auch weniger gute, ganz junge Musiker, aber auch der Opa Hans, der mit 80 Jahren noch die Tuba spielt, aber im Grunde das Instrument nur noch festhält und nicht mehr wirklich spielen kann. Anders herum geht es aber auch. Auch gibt es große Unterschiede, was Disziplin und Spielstärke angeht.

      Ich selbst kann mit dem Ganzen heute absolut Null mehr anfangen. Ich höre mir sowas nicht mehr an, das Flair schreckt mich ab, ich fühle mich wie ein Fremdkörper, der nicht mehr versteht, was in diesen Orchestern vorgeht. Sprich, ich habe eine völlig andere Entwicklung genommen, habe mich musiktechnisch verändert und spiele seit Jahren nicht mehr in so einer Kapelle, Zum Glück kennen die Leute von damals nicht mehr meine Telefonnummer, so dass ich auch keine Anfragen mehr bekomme in dieser Richtung. Und wenn ich welche bekäme, würde ich sie ablehnen.

      Ich kenne aber Kollegen, die darin aufgehen, die das gerne machen und die Abwechslung lieben. Sie spielen heute Abend Posaunenchor, morgen Abend Jazz, dann Blaskappe und anschließend noch Bigband. Ich sage aber, dass es nur extrem wenige Musiker gibt, die das wirklich auch alles gut umsetzen können. Ich könnte es nicht mehr, weil ich vermutlich keine Stimme mehr spielen könnte, ohne nicht dabei zu improvisieren. Damit würde ich jeden Kollegen und Dirigenten zur Verzweifelung bringen. :megalol:
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Lieber Maurice! Danke für Deine (sehr persönliche) Schilderung!

      Ich persönlich habe eigentlich nichts erwartet, ich wollte es ausprobieren und war gespannt, was auf mich zukommt. Es hat mir persönlich nicht gefallen, das macht aber nichts.

      Das, was Du beschreibst (die heterogene Zusammensetzung der Musiker) kann ich bestätigen. Ich finde allerdings, dass das nichts macht, es kommt bei solchen Kapellen ja nicht nur auf das musikalische Niveau an, sondern auch auf die Freude am gemeinsamen Musizieren, die Möglichkeit, festliche Anlässe im Dorf musikalisch zu umrahmen und um die Möglichkeit einer sinnvollen Freizeitgestaltung für Jugendliche.

      Danke nochmals für Deinen Beitrag!
    • Sadko schrieb:

      Das, was Du beschreibst (die heterogene Zusammensetzung der Musiker) kann ich bestätigen. Ich finde allerdings, dass das nichts macht, es kommt bei solchen Kapellen ja nicht nur auf das musikalische Niveau an, sondern auch auf die Freude am gemeinsamen Musizieren, die Möglichkeit, festliche Anlässe im Dorf musikalisch zu umrahmen und um die Möglichkeit einer sinnvollen Freizeitgestaltung für Jugendliche.
      Das siehst Du teilweise richtig, aber es gibt auch viele Kapellen, die sich auf Wertungsspiele und gehobene Literatur festgelegt haben. Dann trifft es mit den Dorffesten etwas weniger zu. Übrigens ist das auch in diesen Kapellen immmer wieder ein gewisser Streitpunkt unter den Generationen. Ich war und bin nie ein Freund von Wertungsspielen gewesen. Doch auch das ist eine persönliche Ansicht. Und logischerweise war das andere Posting auch sehr persönlich geprägt, nämlich ein Teil meiner Erfahrungen, die ich hier niedergeschrieben habe.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Sadko schrieb:

      Ja, es ist klar, dass die einzelnen Kapellen diesbezüglich verschiedene Ansichten haben und das auch zu Meinungsverschiedenheiten führen kann!
      Ich kann Dir von einer Kapelle berichten, da hatte ich mal in einer Saison mehr Gastdirigenten als die Wiener Philharmoniker. :D Jedem sollst Du gerecht werden, jeder will was Anderes "besser" machen als der Vorgänger. Mir wurde das zu bunt dann. Es war mir am Ende völlig egal, was der jeweilige Dirigent wollte und was nicht. Kaum war der da, war der Auftritt wieder vorbei. Zum Glück war es wirklich nur ein Jah so dolle gewesen. Doch auf Dauer kann man das nicht im Hobby-Bereich machen, da laufen einem die Leute auf und davon.

      Doch es kam doch noch mal besonders "traumhaft". Es kam mal wieder ein "Neuer". Dessen "Idee" war sowas von dumm-dämlich gewesen. Er wollte, dass die Musiker auch andere Parts spielen konnten, also etwa der vierte Trompeter dann die erste Stimme (die bei den Trompeten auch fast überall gleichzeitig die Solo-Stimme war), der eigentliche Lead-Trompeter die dritte Stimme, usw. Ich brauche Dir nicht zu sagen, dass das am Ende niemals auch nur ansatzweise machbar gewesen war. Das wäre selbst in einem Berufsorchester für alle kaum umsetzbar gewesen in kurzer Zeit, aber in einem Hobby-Orchester wird man nur selten einen vierten Trompeter finden, der zugleich führen soll und dann die Soli spielen kann.

      Ich bin wirklich heilfroh, dass ich nur mal vier Jahre pausiert habe (2002-2006). Anschließend habe ich so einen Scheiß nicht mehr gemacht. Seit bestimmt fünf Jahren habe ich damit komplett abgeschlossen, zuvor war ich nur noch als Gastmusiker in solchen Kapellen dabei. Da war mir auch die Stimme egal gewesen. Wenn eine dritte Stimme gebraucht wurde, habe ich die gespielt, wenn es eine andere Stimme war eben diese.

      Heute brauche ich keinen Dirigenten mehr, da ich nur noch maximal in Sextett spiele. Doch meine bevorzugte Besetzung sind Quintett, Quartett oder Trio. Ab dem Sextett habe ich immer ein wenig das Gefühl, dass ein Musiker überflüssig wäre gerade. :D
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)