Dietrich Fischer-Dieskau – Versuch einer Würdigung

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    • Seit dem 21.09.2009 erhältlich:



      Das sind natürlich nicht „Seine größten Erfolge“, da die Box nur Aufnahmen enthält, die zwischen 1948 – 1958 entstanden sind. Ich werde sicher einige Dubletten dabei haben (vor allem mit den Audite-CDs, die die frühen Schumann- und Schubert-Lied-Zyklen beinhalten), habe diese Documents-Box aber trotzdem bestellt.

      Gerade den jungen Fischer-Dieskau finde ich faszinierend. Was man vielleicht gar nicht vermutet, wenn man nur die späten Aufnahmen kennt: Dieser junge Bariton hatte eine wunderbar dunkle, sehr geschmeidige und ungemein wohlklingende Stimme. Ich erinnere da gerne an die Bach-Aufnahmen unter Ristenpart. Man kann an diesen Interpretationen der Bach-Kantaten (u.a. „Ich habe genug“) aus dem Jahre 1951 sicher genug bemängeln: Das ist natürlich weit entfernt von HIP, Ristenpart galt aber immerhin als Barockexperte seiner Zeit. Man kann auch an den Koloraturen herummäkeln usw.

      Andererseits kann man sich auch einfach dieser wunderbaren „Engelsstimme“ des jungen FiDi hingeben. Ich weiß, gemeinhin stellt man sich Engelsstimmen anders vor, aber man lausche dieser Ruhe und Sicherheit in der Stimme, unter der die glühende Leidenschaft lodert. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll: Der junge FiDi singt m.E. Bach mit großer „Frömmigkeit“ (wie auch das Fauré-Requiem unter Cluytens). Leider sind diese Ristenpart-Aufnahmen nicht enthalten in der o.g. Box.

      Großartig finde ich auch die Matthäus-Passion unter Richter aus 1958. FiDi singt die Bass-Arien. Ich liebe sein „Mache dich, mein Herze, rein“ sehr.



      Gruß, Cosima
    • Ich möchte anmerken, dass es sich bei der o.g. Documents-Box um ein echtes Schatzkästchen handelt. Wie erwartet: Viele Dubletten und einige Aufnahmen, die m.E. nicht zu den Highlights zählen (z.B. deutschsprachige Opern-Arien, die teilweise unfreiwillig komisch wirken).

      Andererseits aber echte Schätze, vor allem für Hörer, die noch nicht viel von FiDi kennen. Als da wären: Lieder eines fahrenden Gesellen (1952, Furtwängler); Kindertotenlieder (1955, Kempe). Dann Fischer-Dieskaus erster Schwanengesang und seine erste Winterreise (die so „lamoryant“ klingt) jeweils aus 1948.

      Ein weiteres Highlight ist die Dichterliebe, live aus Salzburg, 1956, mit Gerald Moore. Ich meine, das muss die Orfeo-Ausgabe sein. Sehr gut jedenfalls.

      Ich freue mich vor allem über „Die schöne Müllerin“ aus 1951 mit Gerald Moore am Klavier. Genau diese Aufnahme hatte ich lange gesucht. Sie war zuletzt nur noch als teure Gebrauchtware (EMI, glaube ich) erhältlich. Allein dafür rechtfertigt sich der Preis der Gesamtbox. :juhu:

      Enthalten sind ferner geniale Aufnahmen von z.B. „Du bist die Ruh“ (1951), „Erlkönig“ (auch 1951) und viele Lieder (Strauss, Beethoven, Brahms etc.), die ich noch gar nicht bzw. nicht in diesen Interpretationen bis dato kannte.

      Ich habe gestern die 10 CDs quergehört. Es ist immer wieder erstaunlich zu erleben, mit welcher Sicherheit dieser junge Mann die Lieder interpretiert. Weniger manieriert als später und mit unglaublich schöner Stimme. Ein echtes Phänomen dieser Sänger!

      Fischer-Dieskau sang 1949 Furtwängler in Berlin die „Vier ernsten Gesänge“ von Brahms vor. Ab diesem Zeitpunkt und für die nächsten 5 Jahre war der Dirigent die dominierende Person in Fischer-Dieskaus Leben. Wie dieser selber sagt, hat er viel zum Thema „Atem“ von Furtwängler gelernt. Wenn man nun diese alten Lied-Aufnahmen hört, kann man gut verstehen, wie Furtwängler zu der Aussage kam: „...dass so ein junger Mann schon genau weiß, wie das gesungen werden muss...“. Ja, schier unglaublich, wie dieser Sänger mit gerade mal Mitte 20 schon solche Lied-Interpretationen schaffen konnte. :juhu:

      In Kürze erscheint übrigens Fischer-Dieskaus neues Buch über Furtwängler („Jupiter und ich“).

      Gruß, Cosima
    • Nachdem ich weiter oben schon von Fischer-Dieskaus Posa geschwärmt habe, möchte ich auf noch eine Aufnahme aufmerksam machen, in der der Sänger mir hervorragend gefällt und in der er in einem Repertoire glänzt, das man wohl nicht sofort mit seinem Namen verbinden würde. 1955 sang der junge Fischer-Diekau in einem Querschnitt durch Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" unter Wilhelm Schüchter den Herrn Fluth. Zum einen zeigt Fischer-Dieskau hier, was für eine herrliche lyrische Baritonstimme er vor allem als junger Sänger hatte, zum anderen erweist er sich als spielfreudiger Komödiant. Zusammen mit dem Routinier Gottlob Frick als Falstaff macht er das Duett aus dem zweiten Akt zu einem herrlichen komödiantischen Kabinettstückchen!
      Ich habe leider kein Coverbild gefunden, die CD liegt hier vor mir, aber bei Amazon und jpc scheint sie spurlos verschwunden zu sein.

      Liebe Grüße,
      Lars
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Lieber Gurnemanz,
      vielen Dank für deine Mühe, aber das ist nicht ganz die CD, die ich meinte. Die Aufnahme des Duetts wird sicher die Aufnahme sein, über die ich geschrieben habe, die Übereinstimmung der Interpreten wird kaum Zufall sein, aber es gibt eine sieben Nummern umfassende Reihe von Ausschnitten aus "Die lustigen Weiber von Windsor" (von einem Querschnitt mag ich da ungern sprechen, dafür fehlt zu viel). Gottlob Frick singt den Falstaff, Dietrich Fischer-Dieskau den Herrn Fluth, Erika Köth die Frau Fluth und Horst Wilhelm den Fenton. Sie werden begleitet von Chor und Orchester der Städtischen Oper Berlin unter Wilhelm Schüchter, die Aufnahme ist 1955 in Berlin entstanden.
      Ich habe die CD vor einigen Jahren schon gekauft, die Aufnahme wurde in der Reihe "EMI Raritäten" wiederveröffentlicht, das Cover sieht ganz ähnlich aus wie das des oben gezeigten "Don Carlos"-Querschnitts. Im Booklet heißt es, sämtliche Titel seinen CD-Premieren, bis eben auf das angesprochenen Duett. Man hat die CD übrigens vervollständigt durch zwei Weber-Ouvertüren unter Otto Ackermann und vier Arien mit Kurt Moll.

      Liebe Grüße,
      Lars
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Am 28. Mai wird Fischer-Dieskau seinen 85. Geburtstag feiern (möge er ihn bei guter Gesundheit erleben!). Dies nimmt die EMI zum Anlass, wahrscheinlich schon Ende März zwei CD-Boxen auf den Markt zu bringen:
      „The Great EMI Recordings (11 CDs)“ – die kennt man bereits. Interessanter könnten die „Recordings from the Archives (4 CDs)“ werden. Details konnte ich nicht finden.

      Gruß, Cosima
    • Gute Nachrichten, gerade gelesen:

      Zum 85. Geburtstag (d. h. bereits einige Tage früher, nämlich am 21. Mai) von Dietrich Fischer-Dieskau erscheint seine legendäre Schubert-Edition mit Gerald Moore in einer limitierten, preiswerten Ausgabe auf 21 CDs.

      Bislang kam sie in diesem Gewand daher und kostete rund 100 Euro:

    • Aus dem Gute-Nacht-Thread:


      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Will dich im Traum nicht stören
      Wär schad um deine Ruh
      Sollst meinen Tritt nicht hören
      Sacht, sacht die Türe zu.
      Schreib im Vorübergehen
      Ans Tor dir "Gute Nacht"
      Damit du mögest sehen
      An dich hab ich gedacht.


      Ich habe hier sofort Fischer-Dieskau im Ohr. So schön, wie er das "sacht, sacht" singt.
      Vorhin las ich einen Artikel, den Kesting anlässlich Fischer-Dieskaus 85. Geburtstag in der FAZ veröffentlicht hatte „Das seelische Beben“: Dieses seelische Beben war eine ins Ästhetische verlagerte Reaktion auf die Erschütterungen des Krieges, hervorgerufen durch die Magie einer erlesen timbrierten, berückenden, ja schmerzlich schönen Stimme. Deren Zauber vor allem beim Einsatz der mezza voce ist in den ersten Aufnahmen von Schuberts „Du bist die Ruh“ zu erleben […] Atemberaubend, wie ein Sänger aus äußerst reduzierter Dynamik so viel blühenden Klang entwickeln konnte!

      So ist es - "schmerzlich schön" in den besten Momenten! - Fischer-Dieskau erfreut sich immer noch bester Gesundheit. Erst im Juli gab er wieder einen Meisterkurs in Berlin.

      Mensch, ich mag den Mann! :)

      Gruß, Cosima
    • Was hast Du gegen den Menschen Fischer-Dieskau, Du Nachtportier? So eine harte Hand, so ein weiches Herz hätten allen denen einmal gut getan, bei denen es genau andersherum ist.

      Ich mag die Winterreise eigentlich nur mit diesem Mann, Mensch, Sänger, Maler, Autor, Leser, Bühenweihfestspiel hören, Cosima. In welcher Aufzeichnung hast Du ihn denn im Ohr?

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Ich mag die Winterreise eigentlich nur mit diesem Mann, Mensch, Sänger, Maler, Autor, Leser, Bühenweihfestspiel hören, Cosima. In welcher Aufzeichnung hast Du ihn denn im Ohr?


      Ich auch. Der Winterreisende schlechthin ist für mich Fischer-Dieskau, kein anderer Sänger. Habe gerade mal wieder die 1955-er Aufnahme mit Gerald Moore eingelegt (mir gefallen aber eigentlich alle frühen Aufnahmen, aber hier ist dieses entzückende „sacht, sacht“ besonders schön zu hören). Meine Güte, es passiert jedes Mal wieder: Ich bin hingerissen und erschüttert zugleich. Dieser Mann war ein so großartiger, eindringlicher Schubert-Sänger! Diese Stimme vereinnahmt vollkommen. :juhu:

      Ich möchte Dir noch etwas sagen: Deinen Beitrag damals im Tamino-Forum (jenen, in dem Du über eine persönliche Begegnung mit FiDi schriebst) fand ich ganz rührend und wirklich sympathisch. :)

      Viele Grüße,
      Cosima
    • Mensch, Cosima, weißt Du, daß ich vorhin, als ich Dein Posting las, daran dachte, den Thread hier nochmal aufzumachen? Ob sich das wohl lohnen und einige mitschreiben würden?

      Ich habe Fischer-Dieskau ja auch so gern, fast so wie Du. :D Er erinnert mich in vielen Eigenheiten an meinen Vater, der schon lange gestorben ist, besonders so im Alter von 70, 75... (mein Vater war schon beinahe 60, als ich kam).


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Lieber Alex,

      in den Threads, die Du eröffnest, ist doch meistens viel los (aus unterschiedlichen Gründen freilich :S ). Also nur zu...

      Ich mag auch den Menschen FiDi (soweit man ihn kennen kann). Er scheint mir irgendwie aus der Zeit heraus gefallen zu sein, das gefällt mir.

      :wink:
    • Cosima schrieb:

      Er scheint mir irgendwie aus der Zeit heraus gefallen zu sein, das gefällt mir.


      Seit einiger Zeit vielleicht, aber in den 60ern und 70ern war er doch sowas von in die Zeit hineingefallen wie sonst im Klassikbetrieb nur noch Karajan... ;+)


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)