Ives, Charles Edward: Die Symphonien – Chaos als Fest

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    • Ives, Charles Edward: Die Symphonien – Chaos als Fest

      Der US-amerikanische Komponist Charles Ives (1874-1954) war um 1970, als ich anfing, mich für seine Werke zu begeistern, noch ein Geheimtip; seine Symphonien waren damals erst dabei, entdeckt zu werden; das zeigt auch ein Blick auf die Daten der Entstehung und der Uraufführungen: ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis Dirigenten wie Leopold Stokowski, Eugene Ormandy und ganz besonders Leonard Bernstein hier wertvolle Pionierarbeit leisteten:
      • Symphonie Nr. 1 (1898-1901), UA 26.04.1953 Washington, DC
      • Symphonie Nr. 2 (1899-1902, rev. 1907-09), UA 22.02.1951 New York
      • Symphonie Nr. 3 “The Camp Meeting” (1901-11), UA 05.04.1946 New York
      • Symphonie Nr. 4 (1898-1916, rev. 1921-25), UA 26.04.1965 New York
      • Symphonie “New England Holidays” (1917-19 ?), UA 09.04.1954 Minneapolis
        (Quelle: "www.klassika.info/Komponisten/Ives/index.html")
      Die Gründe für die späte Rezeption (von der der Komponist selbst nur den schüchternen Beginn erleben durfte) seien hier nur angedeutet: Zum einen war Ives so innovativ, daß seine Zeitgenossen damit offensichtlich überfordert waren. Zum anderen zog er sich, da der Erfolg ausblieb, in den 1920er-Jahren weitgehend aus dem Musikleben zurück und hörte auf zu komponieren – eine Resignation, die Ives sich insofern erlauben konnte, da er – als Geschäftsmann und Mitinhaber einer Versicherung zu Wohlstand gekommen – es ökonomisch nicht nötig hatte, sich auch als Musiker durchzusetzen.

      Prägend für die musikalische Entwicklung Ives’ war die Tätigkeit seines Vaters, eines Kapellmeisters in der US-Armee in Connecticut (Neuengland-Staaten). Dieser veranstaltete ein Musikfest mit mehreren Blaskapellen, die – jede mit einem anderen Stück – in die Stadt einmarschierten und sich auf dem Marktplatz trafen, während Vater und Sohn das ganze Spektakel von einem Kirchturm aus verfolgten und das unkoordinierte Zusammenspiel der Musiker genossen, schon hier: Freude am Durcheinander und Faszination an musikalischen Raumwirkungen und neuartigen Klängen! Der Vater war anscheinend recht experimentierfreudig, erfand Musikapparate und spielte mit Vierteltonmusik und, wie hier, mit Polytonalität.

      Bei Horatio Parker, einem Schüler von Josef Rheinberger, studiertee Ives später die Satztechnik der Komposition und lernte das damals geläufige klassisch-romantische Repertoire kennen (bis hin zu Wagner, Brahms und Dvorak).

      Die 1. Symphonie, eine Art "Schülerarbeit", steht noch ganz in der klassischen Tradition: Sie ist viersätzig, mit Sonatenhauptsatz, langsamem Satz, Scherzo und Finale. Reizvoll ist schon zu Beginn im Hautthema die Abschweifung von der Ausgangstonart d-moll und im Finale meldet sich schon in Ansätzen amerikanische Folklore. (Das munter dahergaloppierende Thema des Scherzos, das fugenmäßig durch die Stimmen wandert, kam mir heute morgen unversehens in den Sinn und lieferte den Anlaß dafür, diesen Thread heute zu verfassen.)

      Die 2. Symphonie ähnelt in der großformalen Anlage Gustav Mahlers 5. Symhonie: sie ist fünfsätzig, wobei I und II sowie IV und V jeweils Einheiten bilden, hier schon deutlicher durchsetzt von Märschen und Volksliedern: Die spielen für Ives allerdings, wie mir scheint, eine völlig andere Rolle als bei Mahler: Es fehlt die für diesen typische „Gebrochenheit“, Ives’ Collagen zeigen eher einen Künstler, der in der Heterogenität der Klänge lust- und freudevoll badet, ich höre da keine leidvolle Isolation des Künstlers heraus.

      Während die Ecksätze nach vorn schauen, reflektiert der Mittelsatz auf eine gelegentlich wehmütige Weise die Tradition, mit Brahms- und Wagner-Zitaten.

      Der Schlußakkord der Zweiten hat eine gewisse Prominenz: Nach einem fast konventionellem Jubelfinale noch eine angesetzte kurze Coda mit einer gräßlichen Dissonanz, wie zum Hohn über das Vorangegangene.

      Bei der 3. Symphonie („The Camp Meeting“) scheint es sich um Programmusik zu handeln: Die drei Sätze tragen Titel, die an Festakte in der kleinstädtischen Welt erinnern: „Old Folks Gatherin’“, „Children’s Day“ und „Communion“.

      Es gibt eine Geschichte, von der ich nicht weiß ob sie so stimmt: Ives habe Mahler um 1910 während dessen Aufenthalt in den USA, wo er als Dirigent auf Tour war, seine Partitur der Symphonie übergeben. Mahler sei so angetan gewesen, daß er eine Aufführung geplant habe, wozu es dann aber nicht kam. Auch die Partitur ging verloren und Ives mußte aus seinem Gedächtnis, da er keine Kopie behalten hatte, das Werk erneut niederschreiben. Wahr oder nicht wahr? Ich weiß es nicht.

      Komplexer ist die 4. Symphonie strukturiert: viersätzig zwar, aber keine Rückkehr zu klassischen Mustern. Einem kurzen Maestoso mit Chor („Watchman, tell us of the night“) folgt ein Allegretto: Wie auch anderswo: In eine Stille bricht irgendwann der Lärm ein: polytonal, atonal, chaotisch... Dann eine Fuge, doch wieder klassisch (ironisch?) und zum Schluß ein breit ausklingendes Largo, wieder maestoso, wieder mit Chor zum Schluß, der wortlos die Hymne des Anfangs aufgreift.

      In der 5. Symphonie („New England Holidays“) setzt Ives vier separat komponierte Sätze zu einem Werk zusammen, wieder, wie schon in der Dritten symphonisch gestaltete Bilder des amerikanischen Volkslebens: „Washington’s Birthday“, „Decoration Day“, „The Fourth of July“, „Thanksgiving and Forefathers“. Die ersten drei Sätze sind im Aufbau verwandt, wie schon im 2. Satz der Vierten ruhige Stimmungen, in die der fröhliche Lärm hereinbricht. Das Finale wieder in hymnischer Breite, mit Chor am Ende, dann leises Verklingen.

      1911-28 arbeitete Ives noch an einer weiteren Symphonie, der „Universe Symphony“, die er allerdings nicht vollendete. Ich kenne sie nicht.

      Was mich an Ives fasziniert, ist die Art und Weise, wie er „Chaos“ musikalisch gestaltet, zwar als oftmals unvermittelt hereinbrechenden Lärm, als ein Durcheinander, in dem alles Einzelne in einen großen Wirbel gerät, aber als einen lebensbejahenden Lärm, teilweise mit metaphysischer Ambition, doch fest auf der Erde stehend – der mit Amerika gern assoziierte melting pot drängt sich mir dabei auf, hier mit deutlich positiver Tendenz. Die Freude und die Lust, sich in diesen Strudel hineinreißen zu lassen, hat mich schon als Jugendlicher erfaßt. Ives’ Kompositionen sind oft kühn, frech, witzig und im Wesentlichen optimistisch; sie offenbaren so etwas wie das „gute“ Amerika – und das hat mich auch bereits zu einer Zeit begeistert, als ich den USA aus politischen Gründen – es war die Zeit des Vietnam-Kriegs – eher distanziert gegenüberstand.

      Für mich ist Charles Ives einer der großen Symphoniker des 20. Jahrhunderts, Seite an Seite mit Mahler, Schostakowitsch, Pettersson und vielen anderen. Er ist ein bedeutender Pionier der musikalischen Moderne, was heute kaum noch bestritten werden dürfte; ich würde seinen Werken einen bedeutenderen Platz in den aktuellen Konzertprogrammen wünschen.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • 1911-28 arbeitete Ives noch an einer weiteren Symphonie, der „Universe Symphony“, die er allerdings nicht vollendete. Ich kenne sie nicht.
      ich habe einen Radiomitschnitt davon, aber diesen erst 1-mal mir reingezogen. Der Thread wäre eine passende Gelegenheit/Motivation mich z.B. mit dieser intensiver auseinander zu setzen Denn ich vermute, dass Ives mit der Universe-Sinfonie im Begriff war, wiederum einen neuen Weg zu beschreiten...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Charles Ives ist tatsächlich ein faszinierender Komponist, nicht nur als Symphoniker. Meine erste Berührung mit Ives geht auf eine Veranstaltung in Bonn zurück, im Jahre 1986. In einer 3-tägigen, von dem Pianisten Herbert Henck veranstalteten "Workshop Charles Ives" wurde in 5 hochkarätig besetzten Konzerten ein Querschnitt durch das Werk vorgestellt. Henck selbst spielte die beiden Klaviersonaten, das Arditti Quartett das zweite Streichquartett, das Ensmble Modern unter Leitung eines jungen, aufstrebenden Dirigenten namens Ingo Metzmacher Werke für Kammerensemble, das Clementi-Trio spielte das Klaviertrio, und Jan Degaetani gab einen Liederabend.

      Und das Kölnder Rundfunk-Sinfonie-Orchester spielte unter Leitung von Gary Bertini die vierte Sinfonie. Ich befand mich damals noch in den Anfängen meiner Musikerfahrungen und war mit dieser Art von Experimentieren wenig vertraut. Bei der vierten Sinfonie beispielsweise stehen 2 Klaviere auf der Bühne, die von dem gleichen Pianisten gespielt werden, wobei eines um einen Viertelton verstimmt ist. Und die Polyrhytmik des 2. Satzes ist derartig komplex, dass dieser oft mit 2 Dirigenten aufgeführt wird. Bertini blieb alleine - ich habe das als eine ausgesprochen artistische Dirigentenleistung in Erinnerung 8+)

      Dass ich mich nach nun 23 Jahren immer noch so deutlich an diese Veranstaltungen erinnern kann, zeigt, welch bleibenden Eindruck sie hinterlassen haben. :juhu:

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Mein bisher einziger Kontakt mit Ives: Vor eineinhalb Jahren besuchte ich ein Konzert - Bamberger Symphoniker unter Metzmacher - in dem "Centrel Park in the Night" und danach Mahlers Siebente gegeben wurde. Das Besondere: Die beiden Werke sind pausenlos ineinander übergegangen. Das Paar, das neben mir saß, hat deshalb gemeint, dass der erste Satz der Sinfonie noch ein Teil des Ives-Stückes ist und war sehr irritiert über die Werkbeschreibungen im Programmheft. Zu Beginn des Dritten Satzes haben sie im Programm auf den Zweiten Satz gedeutet usw.. Vor dem Konzert wollte ich mir Ives-CDs zulegen, habe mir dann jedoch eine CD-Kauf-Diät verordnet. Damals habe ich noch nicht in Klassik-Foren gelesen und wusste folglich nicht, dass mein CD-Bestand geradezu mager war.

      Falstaff
    • Amfortas09 schrieb:

      [...] ich vermute, dass Ives mit der Universe-Sinfonie im Begriff war, wiederum einen neuen Weg zu beschreiten...
      Gut möglich. Bei Tamino gibt es übrigens Lesenswertes dazu: "http://www.tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=7227".

      Le Merle Bleu schrieb:

      Und das Kölnder Rundfunk-Sinfonie-Orchester spielte unter Leitung von Gary Bertini die vierte Sinfonie. [...] Dass ich mich nach nun 23 Jahren immer noch so deutlich an diese Veranstaltungen erinnern kann, zeigt, welch bleibenden Eindruck sie hinterlassen haben.
      Um dieses Erlebnis beneide ich Dich, lieber Michel! Ich habe seit langem eine Aufnahme der 4., die ich - aufnahmetechnisch wie interpretatorisch - für maßstäblich halte. Sie dürfte hier dabei sein:


      Symphonie Nr. 4
      LPO, John Alldis Choir, Ltg.: José Serebrier
      Symphonie Nr. 2
      The Philadelphia Orchestra, Ltg.: Eugene Ormandy
      RCA, aufg. 1973/74

      Die Ormandy-Aufnahme kenne ich allerdings nicht, da ich die 4. auf einer Chandos-CD habe (als einziges, eine CD mit nur 32'44!).

      Falstaff schrieb:

      Damals habe ich noch nicht in Klassik-Foren gelesen und wusste folglich nicht, dass mein CD-Bestand geradezu mager war.
      Das hat sich inzwischen gründlich verändert, nehme ich mal an... ;+)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Liebe Leute,

      Ives ist so einer, auf den ich immer wieder gerne zurückkomme - ohne mich je näher mit ihm beschäftigt zu haben. Mal abgesehen von dem Spaß, den mir die virtuosen polytonalen Verschränkungen in seiner Symphonik bereiten, ist er für mich vor allem auch ein großartiger Melodiker. Das Adagio cantabile der 2. Symphonie zum Beispiel ist geradezu tränentreibend schön.

      Ich kenne aber bisher nur Aufnahmen unter Bernstein und unter Stokowski. Ich habe zwar keine großen Klagen anzubringen, trotzdem würde mich interessieren: welche vielleicht etwas, nun ja, analytischeren, strukturorientierteren Aufnahmen könnt ihr empfehlen?

      Grüße,
      Micha
    • Micha schrieb:

      Ich kenne aber bisher nur Aufnahmen unter Bernstein und unter Stokowski. Ich habe zwar keine großen Klagen anzubringen, trotzdem würde mich interessieren: welche vielleicht etwas, nun ja, analytischeren, strukturorientierteren Aufnahmen könnt ihr empfehlen?
      Lieber Micha, fragst Du nach analytischeren Aufnahmen der 2. Symphonie oder nach solchen der Ivesschen Symphonien generell?

      Ich räume offen ein, daß ich hier ziemlich voreingenommen bin: Ich habe Ives ebenfalls durch Bernstein und Stokowski (Aufnahmen der 50er-/60er-Jahre) kennen und lieben gelernt und wie eine Konrad-Lorenz-Gans bin ich bei den Symphonien so geprägt, daß es mir schwerfällt, neuere Ansätze zu akzeptieren, selbst wenn die durchaus berechtigt sein sollten.

      Bei der 2. habe ich zwei Aufnahmen mit Leonard Bernstein und den New York Philharmonic, die:

      LA 1987, DGG

      ... und die:

      1958, Sony

      Mir scheint, daß die ältere Einspielung ein wenig frischer, knackiger, vielleicht engagierter, letzlich packender ist, müßte allerdings erst noch einmal vergleichshören, bevor ich mich festlege.

      Die oben vorgestellte Einspielung der 4. (J. Serebrier) könnte auch analytische Hörerwartungen erfüllen, sie ist sehr transparent, was bei dem komplexen polytonalen Durcheinander keineswegs selbstverständlich ist.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • RE. Bernstein-Aufnahmen von Ives

      Hallo Gurnemanz,

      Deine Prägung für die Bernstein-Aufnahmen der Ives-Sinfonien kann ich gut nachvollziehen; bei mir ist es ähnlich. Ich habe die beiden abgebildeten Bernstein-Aufnahmen der Sinfonie Nr.2 auch. Wegen der besseren Klangtechnik (in dynamik) und fühle ich mich aber sogar mehr zu der DG-Aufnahme hingezogen. Das trift ansonsten (bei anderen Bernstein-Aufnahmen) im Vergleich CBS vs. DG meist nicht zu - ich tendiere meist zu den new Yorker - CBS- Aufnahmen.

      Die Sinfonie Nr.1 besitze ich in der CD-Aufnahme mit Järvi / Detroit SO (Chandos, 1992, DDD), die Cd hatte ich aber hauptsächlich wegen den rnthaltenen 3 Essays von Barber gekauft;

      die Sinfonie Nr.4 in der CD-Aufnahme Ozawa / Boston SO (DG, 1970, ADD).

      Bei diesen beiden "Nicht-Bernstein-Aufnahmen" fehlt mir so einiges an Emotion, das ich aus meiner LP-Zeit noch von den entsprechenden CBS-LP´s u.a. mit Stokowsky in Erinnerung habe. Die Stokowsky - LP mit der Sinfonie Nr.4 habe ich noch - und die ist der Ozawa-Aufnahme auf jeden Fall vorzuziehen. Da ich aber nicht so wild auf Ives bin reicht mir im Prinzip eine Aufnahme pro Sinfonie (von der Nr.2 sind es gar zwei).

      Auf der Stokowsky-LP mit der Sinfonie Nr.4 befindet sich die Robert Browning-Ouvertüre --- ein Werk das ich in seiner Verücktheit bis heute nicht sehr schätze - da ist IMO nichts, was dieses 25Minütige Werk liebenswert machen könnte. Ich habe bestimmt nichts gegen auftrumpfende Orchesterwerke (im Gegenteil), aber hier wird andauerndes ff - fff geboten ohne Sinn und Zweck - und ganz wichtig und absolut fehlend - ohne Gänsehautfakotor. Mein erster Gedanke war damals in den 80ern: sch....Musik. Ich muß in den nächsten Tagen mal testen wie das Stück heuite bei mir ankommt !??! Wie bei Euch - soweit bekannt ?

      Die Holydays-Sinfonie habe ich auch in der fabelhaften Bernstein-Aufnahme. Diese ist formal keine Sinfonie sondern eine Suite ist und aus den vier verschiedenen Komposititionen Washingtons Birthday 1909, Decoration Day 1912, The Forth of Juli 1911-13, Thanksgiving 1904 zusammengestelllt. Selbst die Bernstein-Aufnahmen dieser 4 Suitensätze stammen nicht aus einem Guß, sondern sind aus 4 verschiedenen Jahren - trotzdem keine Kritik, sondern referenzwürdig.



      SONY, 1963 - 1968, ADD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Micha schrieb:

      Das Adagio cantabile der 2. Symphonie zum Beispiel ist geradezu tränentreibend schön.
      In der Tat!

      teleton schrieb:

      Wegen der besseren Klangtechnik (in dynamik) und fühle ich mich aber sogar mehr zu der DG-Aufnahme hingezogen.
      Das ist natürlich ein Argument, wobei ich die Klangtechnik der 1958er-Aufnahme gar nicht so schlecht finde.

      Was für mich schwerer wiegt (und eben habe ich beide Aufnahmen an mehreren Stellen verglichen), ist die Interpretation: Lennies 58er klingt in der Tat frischer, vor allem frecher, teilweise witzig, ein Überzeugungstäter, der mit Lust an die Sache geht (und Ives' Neigung, wider den Stachel der Tradition zu löcken, wird deutlich) - wogegen die 87er einen eher abgeklärten, ruhig gewordenen Ives präsentiert: freundlich, mit warmen Tönen, doch auch etwas großväterlich, teilweise zu "nett", zur wehmütigen Rückschau neigend, so im Mittelsatz, der sich im breit dahinströmenden Duktus hier sogar Bruckner annähert (wohl nicht im Sinn des Komponisten?): Wahrscheinlich bin ich hier zu kritisch, nicht unvoreingenommen genug - wie auch immer: ich plädiere eindeutig (auch das Missionieren ausnahmsweise nicht scheuend) für die 1958er-Aufnahme! :)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • RE: Ives: Sinfonie Nr2

      Hallo Gurnemanz,

      die beiden Aufnahmen der Sinfonie Nr.2 mit Bernstein werde ich in Kürze mal vergleichen. ^^ Darauf freue ich mich, denn Ives Sinfonie Nr.2 gehört zu meinen Ives-Lieblingswerken. Es mag tatsächlich so sein, das Du da Recht hast, dass gemäß Deinen Ausführungen "Lennies 58er in der Tat frischer klingt , vor allem frecher, teilweise witzig, ein Überzeugungstäter, der mit Lust an die Sache geht" .

      Ich war allerdings nach dem Kauf der 5CD-DG-Box BERNSTEINS AMERICANS, in der sich die von Dir abgebildete Ives-CD befindet, sehr angetan von dieser fabelhaften DG-Aufnahme - aber sicher - warum soll nicht die lange nicht mehr von mir gehörte CBS-Aufnahme von 1958 (SONY) noch fabelhafter sein !
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • RE: RE: Ives: Sinfonie Nr2

      teleton schrieb:

      [...] die beiden Aufnahmen der Sinfonie Nr.2 mit Bernstein werde ich in Kürze mal vergleichen. ^^ Darauf freue ich mich, denn Ives Sinfonie Nr.2 gehört zu meinen Ives-Lieblingswerken.
      Zu meinen ebenfalls; auf Deinen Vergleich wäre ich auch insofern gespannt, als ich mich selbst verdächtige, in meinem Urteil etwas zu streng zu sein.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Miguel54 schrieb:

      Wenn ich micht recht erinnere, sind ältere Aufnahmen nach einem veralteten Notentext entstanden. Errst die Aufnahmen unter Michael Tilson Thomas benutzten den revidierten Notentext [...]
      Interessant! Kannst Du auch sagen, lieber Miguel, ob die Abweichungen gravierend sind?
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      1911-28 arbeitete Ives noch an einer weiteren Symphonie, der „Universe Symphony“, die er allerdings nicht vollendete.
      Er selbst nicht, das hat dann aber Larry Austin für ihn übernommen. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie man einem Werk begegnet, das von einer zweiten Person vollendet wird. Mich reizt es sehr, dieses Werk einmal zu hören. Bislang war es mir nicht vergönnt. Allerdings glaube ich auch, dass es sich bei der Universe Symphony um ein Stück handelt, das sich sich der Wiedergabe per Tonträger per se widersetzt. Laut ursprünglicher Idee sollen doch mehrere Orchester ihre Standorte in einer Landschaft verändern, eines gar auf einem Fluss treibend spielen. Mir ist das einerseits sehr sympathisch, weil ich den Live-Eindruck eines musikalischen Ereignisses für bedeutender halte als seine Aufzeichnung auf einem Tonträger. Andererseits ist in diesem Fall ein Live-Genuss wohl ziemlich unmöglich, daher muss man sich erst einmal auf die Eindrücke per CD beschränken. Hat jemand solche gesammelt?



      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Details über die Unterschiede der verwendeten Partituren zu finden, ist schwierig. Die Aufnahmen mit Michael Tilson Thomas waren auf jeden Fall die ersten, die auf der von der Charles Ives Society initiierten Critical Edition basierten. Das Notenmaterial der vorherigen Ausgaben muß mehr oder weniger unzuverlässig sein. Es ist zugegebenermaßen auch sehr schwierig, weil Ives ständig an seinen Werken herumgeschrieben hat, aber manche älteren Aufnahmen müssen auf sehr zweifelhaften Notentexten basieren. Hier ist z.B. eine herbe Kritik an Bernsteins Aufnahme der 2. Symphony, mit der er sich ziemliche Freiheiten herausgenommen haben muß. Vieles von seinen Eingriffen wird inzwischen erwartet, geht aber an den Intentionen des Komponisten vorbei.
      Solche Kritiken ließen mich auf die Aufnahmen von Thomas warten ... ich kann sie wärmstens empfehlen. Alles, was vor 1980 aufgenommen wurde, kann man, was Texttreue angeht, getrost vergessen, so schlimm sich das auch anhören mag.
    • Hallo zusammen,

      aus dem "eben gehört"-Thread:

      Frank1970 schrieb:



      Daraus Symphonie Nr. 2.
      Wow! Hat mir komplett sehr gut gefallen (mit Ausnahme vielleicht der letzten 10 Sekunden. Dieser Schluss war mir als "musikalischer Scherz" - so es denn ein solcher sein soll - doch etwas zu grob; bzw. taugte diese Dissonanz nicht so gut zum danach direkt Einschlafen :rolleyes: )!
      :juhu: :juhu: :juhu:

      In diesem Zusammenhang fand ich den zwei Beiträge weite oben verlinkten Wikipedia-Beitrag gerade sehr interessant. Dort steht nämlich, dass Bernstein eben diese Schluss-Dissonanz entgegen dem Notentext und den Intentionen des Komponisten verlängert hat. Da bin ich nun schon neugierig, wie dessen Wirkung dann bei einer Aufführung nach der Critical Edition ist.

      Außerdem wird im Wikipedia-Artikel noch kritisiert, dass Bernstein sich nicht an die Tempovorgaben hielt und dass er im Finale ein Kürzung vornahm. Nicht erwähnt wird leider, ob dies nur für seine erste Aufnahme gilt, oder auch für die zweite.

      Ungeachtet dessen, habe ich eben diese zweite Aufnahme gestern erneut mit Vergnügen gehört (auch die sehr gute Aufnahmetechnik begeistert).
      Aber eine Vergleichseinspielung will ich nun doch noch haben...

      Viele Grüße
      Frank

      From harmony, from heavenly harmony
      this universal frame began.
    • Frank1970 schrieb:


      In diesem Zusammenhang fand ich den zwei Beiträge weite oben verlinkten Wikipedia-Beitrag gerade sehr interessant. Dort steht nämlich, dass Bernstein eben diese Schluss-Dissonanz entgegen dem Notentext und den Intentionen des Komponisten verlängert hat. Da bin ich nun schon neugierig, wie dessen Wirkung dann bei einer Aufführung nach der Critical Edition ist.

      Ives wollte, daß dieser Akkord gerade mal eine Achtelnote dauert und die Musik damit abrupt abbricht!

      Außerdem wird im Wikipedia-Artikel noch kritisiert, dass Bernstein sich nicht an die Tempovorgaben hielt und dass er im Finale ein Kürzung vornahm. Nicht erwähnt wird leider, ob dies nur für seine erste Aufnahme gilt, oder auch für die zweite.

      Das habe ich leider auch nicht herausfinden können. Aber wenn er den Schlußakkord wieder so ausdehnt, dann glaube ich eher, daß er seine alte Bearbeitung recyclet hat. Die Edition der Symphonien in der Critical Edition hat sich auch ziemlich hinausgezogen.

      Ich fürchte, dem jungen Bernstein sind in seiner frühen Karriere, in der er sich ja sehr für Ives eingesetzt hat, etwas die Pferde der Selbstdarstellung durchgegangen, denn solche bearbeitenden Eingriffe in den Notentext (vor allem Kürzungen und Tempoveränderungen) sind sehr kritisch zu sehen. Damals hatte man von Ives noch das Bild eines komponierenden Amateurs, bei dem man ruhig ein bißchen verbessern darf, was sich seit der Gründung der Charles Ives Society zum 100. Geburtstag 1974 gründlich geändert hat. Auf der Seite der Society gibt es entsprechende Literaturhinweise - alles in englischer Sprache, auf Deutsch gibt es nur diesen empfehlenswerten Band:



      Informationen "http://www.etk-muenchen.de/sixcms/detail.php?&id=39841&template=neu_werke_default_musik" hier - der Band ist durchaus noch lieferbar, im Gegensatz zu dem Vermerk bei amazon!

      Aber eine Vergleichseinspielung will ich nun doch noch haben...


      Dann nimm doch erst mal die von Schermerhorn auf Naxos (s.o.), die hat gute Kritiken bekommen und benutzt auch die Critical Edition.
    • Lieber Miguel, vielen Dank für die aufschlußreichen Hinweise - die mich schon etwas verunsichern, weil ich mich nun frage, ob meine Begeisterung nun mehr Leonard Bernstein oder mehr Charles Ives gilt; wie ich schon geschrieben hatte, bin ich recht klar geprägt. Vor vielen Jahren hörte ich mal in die Aufnahmen von M. Tilson Thomas hinein und wandte mich schnell entsetzt ab, weil ich das als lahm und leidenschaftslos empfand (vielleicht war auch nur einfach meine Hörerwartung "beleidigt"). Möglicherweise werde ich hier meine Haltung noch revidieren müssen, wobei mich die Hinweise auf die Naxos-Einspielungen interessieren: Zumindest eine CD kommt in die nächste Bestellung.
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich habe die 4. Sinfonie in einer (mittlerweile vergriffenen) Aufnahme mit Seiji Ozawa:



      Allerdings schon lange nicht mehr gehört. Irgendwie haben mich von Ives die kürzeren Orchesterwerke, die Streichquartette, Klaviersonaten und auch Lieder mehr angezogen. Aber die Diskussion hier macht natürlich Lust, die Sinfonien mal wieder aufzulegen. :thumbsup:

      Kennt Ihr die Ozawa-Aufnahme?

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)