Oper übersetzt: prima la Verständlichkeit?

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    • In wie weit spielt da eigentlich geschichtlich die Durchsetzung von Landessprachen im Zuge der bürgerlichen Revolution mit rein? Ich meine mich erinnern zu können, dass für den Hochadel Landessprachen keine Rolle spielten, weil sie untereinander französisch sprachen (Weswegen in der englischen Sprache auch die Fleischsorten Beef und Pork eine andere sprachliche Herkunft als die dazugehörigen Tiere haben). Als sich das Bürgertum dann durchsetzte, wurden die Landessprachen dann aufgewertet (beziehungsweise erst einmal gegenüber den lokalen Dialekten durchgesetzt). Dies müsste doch eigentlich in der Geschichte der Oper ab dem späten 18. Jahrhundert einen Niederschlag finden?
    • Lasse schrieb:

      In wie weit spielt da eigentlich geschichtlich die Durchsetzung von Landessprachen im Zuge der bürgerlichen Revolution mit rein?
      Dazu habe ich hier in diesem Thread schonmal einen etwas längeren Beitrag geschrieben. Ist es erlaubt, ihn nochmal hervorzuholen, indem ich ihn einfach hier rein kopiere?

      Mozarts drei da-Ponte-Opern wurden zwar auf Italienisch uraufgeführt, sie wurden dann im ganzen deutschen Sprachraum rasch nachgespielt, aber stets in Übersetzungen. Meistens wurden allerdings nicht bloße Übersetzungen erstellt, sondern die italienischen Opere buffe wurden zu deutschen Singspielen umgeschrieben (d. h. zum Beispiel gesprochene Dialoge statt Rezitativen). Das war noch tief im 18. Jahrhundert, mit der Nationalstaatsbewegung im 19. Jahrhundert lässt sich das nicht begründen. Man ist übrigens sowohl an öffentlichen als auch an privaten (Hof-)theatern so verfahren, allein auf die (mangelnde) Bildung des Publikums kann man diese Praxis also wohl auch nicht schieben.

      Ich kann es nicht wissentschaftlich begründen, aber mir erscheint es plausibel, diese Übersetzungspraxis mit der Aufklärung und dem entstehenden Bildungsbürgertum in Verbindung zu bringen. Dieser Tradition verdanken wir ja viele "Institutionen" unseres Kulturbetriebes und man erhält meiner Meinung nach ein rundes Bild mit diesem Erklärungsansatz. Im 18. Jahrhundert, im Zuge der Aufklärung und aller Bewegungen, die mit ihr zusammenhängen, entstand ein immer selbstbewusster werdendes Bürgertum, dass sich durch Bildung und Prinzipien vom Adel abzugrenzen versuchte, der seine Stellung allein seiner Geburt verdankte und dessen Lebensstil als verkommen und liederlich angesehen wurde. Die alte italienische Oper war ein wesentliches Element der höfischen Repräsentation, mithin des gesellschaftlichen Bereiches, von dem man sich dezidiert abgrenzen wollte! Das deutsche Singspiel (als Institution) ist ein bürgerlicher Gegenentwurf zur aristokratischen italienischen Hofoper. Mit übersetzten und umgeschriebenen Opern distanzierte man sich immer noch von der elitären Hofoper.

      Außerdem ging der moderne Bildungsbürger nicht mehr wegen der schönen Musik und der perlenden Koloraturen aus schönen Sängerinnenkehlen in die
      Oper, nicht um nette Begleitung zum Essen, Reden und Intrigenschmieden zu haben, sondern um sich zu bilden und moralisch zu bessern (vgl. z.B.
      Lessing). Wie soll bei einer Aufführung, von der man kein Wort versteht, ein Katharsiseffekt eintreten? Um von der Geschichte (die man ja nicht
      mal eben vorher googeln konnte) gerührt und gebessert zu werden, musste man sie verstehen! Im Konzept der repräsentativen italienischen Oper war
      das nicht von Belang. Es ist über Händel geschrieben worden, der in England mit italienischen Opern Erfolg hatte. Sicher, diese Opern wurden in England auf
      Italienisch gegeben- sie sind aber gerade ein Musterbeispiel für den Typus der repräsentativen italienischen Oper, und obwohl Händels Opernunternehmen privatwirtschaftlich und die Aufführungen öffentlich waren, waren die wichtigsten Geldgeber doch Adlige! Und dann gebe ich zu bedenken: Händel hat in London mit seinen italienischen Opern irgendwann grandios Schiffbruch erlitten! Und was machte er dann? Er schrieb Oratorien für ein breites bürgerliches Publikum- in Landessprache! Schnell stellte sich der Erfolg wieder ein. Hier sieht man in der Biographie eines Komponisten die Zeitenwende hin zu einer
      bürgerlichen Kultur besonders schön; und diese bürgerliche Bildungskultur brachte dann auch die übersetzten Opernaufführungen mit sich!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Händel hat in London mit seinen italienischen Opern irgendwann grandios Schiffbruch erlitten! Und was machte er dann? Er schrieb Oratorien für ein breites bürgerliches Publikum- in Landessprache!
      eben, er warf sich auf eine andere Gattung, und schrieb nicht etwa englischsprachige Opern. War das Oratorienpublikum ein dezidiert anderes als das Opernpublikum?
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Cherubino schrieb:

      Das deutsche Singspiel (als Institution) ist ein bürgerlicher Gegenentwurf zur aristokratischen italienischen Hofoper. Mit übersetzten und umgeschriebenen Opern distanzierte man sich immer noch von der elitären Hofoper.
      wobei Mozarts Nozze bereits auch gegen den Absolutismus heftigst anstänkert, was Mucke und Libretto betrifft...

      Nebenbei: die ollen Übersetzungen der Drehbücher von Mozart- Verdi- und Smetana-Opern, die auch nach dem 2. Weltkrieg verwendet wurden, waren größten Teil ziemlicher Mist; am schlimmsten vermutlich Max Kahlbeck.. sogar Ende 2018 gabs in München die Premiere von Verkaufter Braut in einer dieser miesen Schrottübersetzungen...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      wobei Mozarts Nozze bereits auch gegen den Absolutismus heftigst anstänkert, was Mucke und Libretto betrifft...
      Einerseits ja - und andererseits war es doch der Kaiser (Joseph II.) persönlich, der die Aufführung befohlen hat. Das Theaterstück von Beaurmachais kam nicht auf die Wiener Bühnen, die Oper auf persönlichen Befehl des Kaisers eben doch.

      Amfortas09 schrieb:

      Nebenbei: die ollen Übersetzungen der Drehbücher von Mozart- Verdi- und Smetana-Opern, die auch nach dem 2. Weltkrieg verwendet wurden, waren größten Teil ziemlicher Mist; am schlimmsten vermutlich Max Kahlbeck.. sogar Ende 2018 gabs in München die Premiere von Verkaufter Braut in einer dieser miesen Schrottübersetzungen...
      Dazu gibt es ein wunderbares Buch von Kurt Honolka: "Opernübersetzungen. Zur Geschichte und Kritik der Verdeutschung musiktheatralischer Texte", vielleicht findet es der eine oder andere noch gebrauch oder in einer Bibliothek. Der Titel klingt ziemlich hochtrabend, eigentlich ist es eine sehr launig kommentierte Blütenlese der scheußlichsten dieser Opernübersetzungen aus dem 19. Jahrhundert, von denen Honolka immer schreibt, sie würden aus guten, kritischen, direkten Texten peinliche Poesiealben-Lyrik fabrizieren.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Dazu gibt es ein wunderbares Buch von Kurt Honolka: "Opernübersetzungen. Zur Geschichte und Kritik der Verdeutschung musiktheatralischer Texte", vielleicht findet es der eine oder andere noch gebrauch oder in einer Bibliothek. Der Titel klingt ziemlich hochtrabend, eigentlich ist es eine sehr launig kommentierte Blütenlese der scheußlichsten dieser Opernübersetzungen aus dem 19. Jahrhundert, von denen Honolka immer schreibt, sie würden aus guten, kritischen, direkten Texten peinliche Poesiealben-Lyrik fabrizieren.
      Dazu sollte man vielleicht erwähnen, dass Honolka selbst zahlreiche Opern ins Deutsche übersetzt hat, darunter Cosi, Idomeneo und Die verkaufte Braut. Außerdem ist er hervorgetreten durch die Bücher "Kampfflieger über England. Aus dem Tagebuch einer Kampffliegerstaffel" und "Fliegerkameraden" sowie als Autor von "Der neue Tag" in Prag während der deutschen Besatzung. Auch dort beschäftigte er sich schon mit Opern- bzw. Oratorientexten und erwähnte lobend Hermann Stephanis "Neufassung" von Händels Oratorium Judas Maccabäus (Titel: "Der Feldherr"):

      Kurt Honolka schrieb:

      Durch die Neufassung (...) gewinnt auch Händels Werk unbedingt an innerer Geschlossenheit, denn es wird von Widersprüchen befreit, die das 18. Jahrhundert in seiner rassischen Instinktlosigkeit nicht erfassen konnte, die wir heute jedoch sehr stark empfinden. Daß beispielsweise zu einer der unvergänglichsten, urdeutschen Jubelmelodien Händels nicht mehr der absurde Text "Tocher Zion, freue Dich" gesungen wird, ist geradezu eine Wohltat, die reinigt und klärt. Allerdings bleibt die Neufassung auf halbem Wege stecken. Völlige Umdichtung statt textlicher Einrichtung wäre die ideale Lösung.
      Honolka (NSDAP-Mitgliedsnummer 7101043) wurde 1980 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und 1986 mit dem Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen ausgezeichnet.

      Ich werde keines seiner Bücher auch nur mit der Kneifzange anfassen.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Dazu sollte man vielleicht erwähnen, dass Honolka selbst zahlreiche Opern ins Deutsche übersetzt hat, darunter Cosi, Idomeneo und Die verkaufte Braut.
      Genau, das schwingt bei seiner "Kritik der Verdeutschung musiktheatralischer Texte" natürlich immer mit: Honolka kritisiert die Übersetzungen des mittleren und ausgehenden 19. Jahrhunderts aus der Perspektive dessen, der sich anschickt, es besser zu machen. Als gebürtiger Böhme hat er sich vor allem mit Eindeutschungen tschechischsprachiger Opern beschäftigt und daneben auch die Biographien über Antonin Dvorak und Bedrich Smetana in Rowohlts Reihe "xy in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten" geschrieben.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Auch dort beschäftigte er sich schon mit Opern- bzw. Oratorientexten und erwähnte lobend Hermann Stephanis "Neufassung" von Händels Oratorium Judas Maccabäus (Titel: "Der Feldherr"):

      Kurt Honolka schrieb:

      Durch die Neufassung (...) gewinnt auch Händels Werk unbedingt an innerer Geschlossenheit, denn es wird von Widersprüchen befreit, die das 18. Jahrhundert in seiner rassischen Instinktlosigkeit nicht erfassen konnte, die wir heute jedoch sehr stark empfinden. Daß beispielsweise zu einer der unvergänglichsten, urdeutschen Jubelmelodien Händels nicht mehr der absurde Text "Tocher Zion, freue Dich" gesungen wird, ist geradezu eine Wohltat, die reinigt und klärt. Allerdings bleibt die Neufassung auf halbem Wege stecken. Völlige Umdichtung statt textlicher Einrichtung wäre die ideale Lösung.


      Autsch, das tut in der Tat weh!

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Autsch, das tut in der Tat weh!
      Ja, in der Tat. Das Zitat steht in dem Prieberg-Handbuch, neben noch so manch anderem... Allerdings wurde mir inzwischen aus kundigem Mund bestätigt, dass das Buch zu den Opernübersetzungen wirklich nicht schlecht ist (im Gegensatz zu Honolkas eigenen Übersetzungen, die offenbar viele der im Buch genannten Fehler enthalten). Insofern korrigiere ich meinen Satz mit der Kneifzange :) .
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Also, wenn ich das richtig verstehe, kritisierte Honolka mehr oder weniger gelungene Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert dahingehend, dass selbige nicht nazi - kompatibel sind? Jedenfalls liest sich das Zitat so für mich. "Tochter Zion" zu jüdisch? Rassische Instinktlosigkeit?

      Das ist für mich tatsächlich was für die Beißzange (und bestärkt mich in meiner Vorliebe für die Oroginalsprache) und ich weiß nicht, ob ich mir diesen Herrn antun würde, obwohl zeitgemäße Übersetzungen an sich nicht unbedingt immer verkehrt wären...

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

      ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)
    • Ulrica schrieb:

      Also, wenn ich das richtig verstehe, kritisierte Honolka mehr oder weniger gelungene Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert dahingehend, dass selbige nicht nazi - kompatibel sind? Jedenfalls liest sich das Zitat so für mich. "Tochter Zion" zu jüdisch? Rassische Instinktlosigkeit?
      Nein, überhaupt nicht! Ganz falsch verstanden! Die Textstelle, die Christian aus Priebergs Handbuch zitiert hat, hat mit dem Buch, von dem ich oben gesprochen habe, nichts zu tun! Das ist 1978 entstanden und dort kritisiert Honolka mehr oder weniger gelungene Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert dahingehend, dass selbige nicht den Ton des Originals treffen, sondern viel kitschiger, blumiger, teilweise alberner seien, als der originale Wortlaut. Er gebraucht dann die Vergleiche mit der "Gartenlaube" oder mit Poesiealbum-Versen und versucht zu zeigen, wie man schlichter und gleichzeitig näher am originalen Sinn übersetzen kann. Wenn ich mich richtig erinnere, ist eine seiner häufigsten Zielscheiben dabei Max Kalbeck, den Amfortas ja oben auch schon verworfen hat und der sich wie Honolka selbst vor allem mit tschechischsprachigen Opern beschäftigt hat. Ich kann mich aber zum Beispiel auch an die Traviata-Übersetzung Natalie von Grünhofs oder die Rigoletto-Übersetzung Johann Christian Grünbaums, die ihr Fett weg kriegen. Ich kann das Buch morgen mal aus der Uni-Bibliothek holen und ein paar Beispiele heraussuchen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde