Verdi: Rigoletto - Komische Oper Berlin, 20.09.2009

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    • Verdi: Rigoletto - Komische Oper Berlin, 20.09.2009

      Der „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi gehört zu jenen Werken, die wohl an jedem Opernhaus dieser Welt mit schöner Regelmässigkeit auf dem Spielplan zu finden sein dürften. Einige Melodien dieser am 11.03.1851 in Venedig uraufgeführten Oper kennen vermutlich selbst Leute, die noch nie in einer Vorstellung dieses Werkes gewesen sind.

      Die Handlung wurde schon in den irrealen Traumräumen eines Hans Neuenfels inszeniert, ganz konkret im Gangstermilieu in New York angesiedelt oder erst kürzlich von Doris Dörrie in München auf den „Planet der Affen“ verlegt.

      Nun wagt sich der designierte Intendant Barrie Kosky an der „Komischen Oper Berlin“ an eine Neuinszenierung der Verdi-Oper „Rigoletto“ und die beginnt mit einem Paukenschlag.

      Schon die kurzen Einleitungstakte werden von dem noch jungen Dirigenten Patrick Lange erst düster und dann enorm explodierend, dabei trocken und kurz, vorgestellt. Die dann einsetzende Bühnenmusik kommt vom Band: leicht schräg, blechern und scheppernd, während auf der ansteigenden Bühnenfläche (man sieht einen Kasten innerhalb des normalen Bühnenrahmens, der von einem grünlich schimmernden Rauputzrundhorizont begrenzt wird – links oben steht auf einer Art Regal ein skelettiertes Äffchen in einer Varietéuniform, mit Becken in den Händen) ein Wesen mit einer janusköpfigen Maske zu sehen ist, die nur aus einem breitest grinsenden Mund zu bestehen scheint. Dieses Wesen ist in einen riesigen, bühnenbedeckenden Reifrock gekleidet.

      Während nun also diese Banda-Musik abläuft, schreit eine Frau markerschütternd aus dem Off, man kann vermuten, dass sie gerade vergewaltigt wird.

      Die Figur auf der Bühne, wenn sie die Maske abnimmt, wird man erkennen können, dass es sich um Rigoletto handelt, gebiert quasi aus diesem Reifrock heraus die anderen Personen der Handlung.

      Allesamt stammen sie aus dem Zirkus- oder Varietéumfeld, aber das, was man zu sehen bekommt, sind Albtraumfiguren. Besonders die Clowns mit ihrem Haifischgrinsen sind ganz gewiss keine heiteren Gesellen, aber auch ein Zwerg in chinesischer Aufmachung oder später die in Clownskostümen mit Affenmasken versehenen Höflinge gehören eher in das Umfeld heutiger Horrorfilme oder des „Grand Guignol“, als zu schönen Kindheitserinnerungen im Zirkus.

      Drastisch wird der Gräfin Ceprano an die Wäsche gegangen, ebenso drastisch wird die splitternackte Tochter des Grafen Monterone vorgeführt.

      Am Ende des ersten Bildes jubilieren die Horrorclowns – das tote Äffchen schlägt dazu munter seine Becken gegeneinander.

      Die pausenlose Aufführung läuft im unveränderten Ambiente des Eingangsbildes ab. Ausschliesslich Kisten, wie man sie von Zaubervorführungen her kennt, ergänzen die karge Ausstattung. In einer solchen Kiste wird Gilda gefangengehalten, aus solchen Kisten erfolgen manchmal Auf- und Abgänge, die ansonsten unter Zaubertüchern stattfinden oder auch schon mal direkt in die Tischversenkungen des Bühnenbodens führen.

      Sparafucile, im weissen Anzug eines Varietédirektors, mit blutroter Blume im Knopfloch und seine Schwester Maddalena, kriechen noch einmal unter Rigolettos Reifrock hervor und präsentieren ihre Dienste, Verführung die Frau und Mord der Mann.

      Rigoletto wirkt ohne seine Kostümierung und ohne seine rostrote Perücke wie das Musterbeispiel eines Biedermannes, der seine Tochter vor denen zu bewahren versucht, die ihn bezahlen.

      Im gelben Artistinnenkleid springt die jungmädchenhafte Gilda aus ihrer Kiste, sie freut sich sichtlich, den Vater zu sehen, der ihr so wenig Auskunft über sich und die seinen zu geben bereit ist.

      Giovanna, die Haushälterin, zeigt durch ihre ganze Körperhaltung nur Verachtung für Rigoletto, ohne Umstände lässt sie sich vom Herzog für ihre Kuppeldienste reich entlohnen.

      Eine Meute in Clownskostümen und mit Affenmasken entführen Gilda, Rigoletto bleibt allein zurück.

      Die Leute um den Herzog präsentieren diesem ihre Beute, Gilda, in diesem 3.Bild sind auch sie erstmals erkennbar – sie tragen heutige Alltagskleidung.

      Rigoletto wird mit Fäusten traktiert, als er nach seiner Tochter verlangt, als Monterone aus einer der Kisten steigt, schneidet ihm der Zwerg den Hals durch.

      Die Clowns führen am Ende dieses Bildes einen wilden Tanz auf, zu dem sie in Becken schlagen – die Banda-Musik des Beginns erklingt erneut, diesmal wohl rückwärts abgespielt.

      Im letzten Bild wird die Vorderbühne mit einbezogen. Hier beobachten Rigoletto und die schwangere Gilda die Geschehnisse zwischen Maddalena und dem Herzog, hier verhandelt Sparafucile mit Rigoletto.

      Der Herzog, der zynische Blender, der Gaukler, zeigt während seinem Lied von den treulosen Weibern den Trick der zersägten Jungfrau mit Maddalena in der Kiste.

      In einen dicken Anorak gekleidet, lässt sich Gilda von Sparafucile brutal erstechen. Vom Bühnenboden senkt sich eine Glocke herab, Sparafucile selbst schlägt zwölfmal dagegen.

      Blutüberströmt stirbt Gilda in den Armen ihres Vaters. Der versucht, mit Hilfe eines der Zaubertücher, die Tochter wieder zum Leben zu erwecken – allein, diesmal ist es kein Trick, Gilda ist wirklich tot.

      Diese letzte Szene ist sehr anrührend, geradezu intim, während Kosky ansonsten auf starke, eher unruhige Bilder setzt. Besonders gelungen ist die Inszenierung da, wo sie die Musik direkt aufgreift und in Bewegung umsetzt. Das ist während der Szene Rigoletto-Sparafucile aus dem ersten Akt zu beobachten, aber noch gelungener, wenn der Chor das Klopfen an der Tür im letzten Akt durch Sprünge darstellt oder in der ersten Szene des zweiten Aktes die Musik choreographisch abbildet.

      Diese Inszenierung unterstreicht das kolportagehafte der Handlung, gewinnt aber durch die ungewöhnliche Perspektive tatsächlich einen neuen Blick auf einen bekannten Stoff.

      Musikalisch war der Abend bei dem umsichtig dirigierenden Patrick Lange in besten Händen. Besonders die emotional aufgeladenen Szenen gelangen dem Dirigenten perfekt. Chor und Orchester folgten dem Dirigenten gekonnt und engagiert.

      Gesungen wurde auf gutem Stadttheaterniveau, das ist für eine Hauptstadtbühne etwas wenig.

      Geradezu miserabel war die Besetzung des Duca mit dem mexikanischen Tenor Hector Sandoval. Die korrekt getroffenen Töne konnte man zählen, Rhythmisch war Sandoval enorm frei und seine ausgestellten Spitzentöne blieben fadendünn und von weiss-substanzloser Qualität. Dass sein Deutsch ebenfalls unterirdisch war, fällt da schon kaum mehr ins Gewicht.

      Besser sah es mit der Besetzung der Gilda mit Julia Novikova aus. Die Sopranistin blieb zwar im dramatischen Bereich der Partie einiges schuldig, konnte aber mit ihren sicher platzierten Koloraturen überzeugen.

      Bruno Caproni, der Rigoletto, bot eine sehr gekonnte, routinierte Leistung, die zeigte, dass der Sänger mit seinen Möglichkeiten sehr gut umzugehen weiss – auch mit den Begrenztheiten seines Baritons.

      In den grossen Applaus für alle Beteiligten mischten sich Buhs für Hector Sandoval, die dieser ungläubig zur Kenntnis nahm und natürlich für Barrie Kosky, der allerdings auch viel Zustimmung mitnehmen konnte, kein schlechter Auftakt für eine spannende Sasion in der Behrenstrasse.

      Nachsatz: vielleich wurde am Sonntag das erste Mal in der Geschichte der „Komischen Oper“ tatsächlich im Original gesungen: die Reprisen von „La donna è mobile" erklangen in italienisch! Bei der weitreichenden Wortunverständlichkeit der Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze wäre die Ausweitung dieser Praxis wünschenswert.

      Ausserdem gibt’s jetzt jeweils im Vordersitz einen Monitor, wo der Text individuell mitgelesen werden kann, vielleicht doch ein Hinweis darauf, dass man von den deutsch gesungenen Aufführungen Abstand nehmen will.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Bei der weitreichenden Wortunverständlichkeit der Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze wäre die Ausweitung dieser Praxis wünschenswert.


      Lieber Alviano,

      obwohl die Frage eigentlich in einen anderen Thread gehört, aber wurde nun unverständlich gesungen, passte der Text nicht zur Handlung oder war die Übersetzung nicht korrekt?

      Danke Dir auf jeden Fall für Deine interessante Rezension. Da ich ja vielleicht in diesem Jahr noch nach Berlin fahren werde, ist diese Inszenierung aber höchstwahrscheinlich auch wieder nicht unbedingt was für mich, sollte ich überhaupt in die Oper kommen. Bin sowieso noch von unserm Affenrigoletto mehr als bedient.....

      Herzliche Grüße
      Ingrid
    • Lieber Alviano

      Vielen Dank für den Bericht! Das klingt nach einer recht furiosen Inszenierung, wenn ich Deine Beschreibung richtig interpretiere. Ob ich in dieser Saison nach Berlin komme, weiß ich noch nicht - die Neuenfels-Inszenierung von Reimanns "Lear" könnte mich reizen. Und im Dezember ließe sich das ganz gut mit Rigoletto verbinden. Mal schauen...

      Bei den Münchner Opernfestspielen im nächsten Jahr inszeniert Kosky auch mal bei uns. Zwar "Die schweigsame Frau", aber bei der Kombination Kosky-Nagano bin ich auch darauf neugierig.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Lieber Alviano, das klingt serh spannend und Du erzählst so plastisch, dass ich die Bilder richtig vor mir sehe. die Grundidee mit dem grotesk-grausamen Zirkus gefällt mir serh gut- allerdings könnte ich einen Rigoletto in deutscher Sprache nicht geniessen.

      Das haut dann auch jeden Tenor aus den Schuhen..... :D

      Bella figila dell'amore in deutsch- da würde mir auch die Stimme versagen! Und wie klingt denn "Caro nome"?

      "La donna 'mobile" zu übersetzen, ist dann selbst dem angehärteten Berliner Publikum nciht zumutbar oder warum gab es da eine Ausnahme?

      Die Namen der Sänger klingen ausländisch- dass dann die Textverständlichkeit leidet, liegt sicher nciht an der Übersetzung sondern doch eher an den Sängern- oder?

      Und was sollen bitte Untertitel, wenn in der Landessprache gesungen wird? 8|

      Das kommt mir doch ein bisschen sehr unlogisch vor. Trauen die sich selbst nciht über den Weg?



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      allerdings könnte ich einen Rigoletto in deutscher Sprache nicht geniessen
      Ich habe hier einen deutschen Rigoletto, und Gilda (Mimi Coertse) und vor allem Rigoletto (Josef Metternich) sind so gut, daß man die gespreizte Übersetzung oft vergißt. Und die Berliner Übersetzung ist sicher besser. Auf das eigentliche Problem hat Alviano aber schon aufmerksam gemacht: was nützt die beste Übersetzung, wenn man die auch nicht verstehen kann!

      FairyQueen schrieb:

      Die Namen der Sänger klingen ausländisch- dass dann die Textverständlichkeit leidet, liegt sicher nciht an der Übersetzung sondern doch eher an den Sängern- oder?
      Bruno Caproni z.B. ist, anders als sein Name nahelegt, Ire; und er spricht und singt nach meiner Erfahrung sehr gut deutsch (italienisch allerdings auch).

      FairyQueen schrieb:

      Trauen die sich selbst nciht über den Weg?
      So, wie Werner Hintze sich zu dem Thema immer geäußert hat, kann ich mir das nicht vorstellen. Aber "La donna è mobile" muß man ja gar nicht übersetzen, und es steht als "Hit" für sich selbst; könnte das der - von der Regie kommende - Grund für das teilweise italienisch gesungene Stück sein?
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Das ist schon so: Bruno Caproni singt ein ausgesprochen wortverständliches Deutsch, aber die Gilda ist Russin und der Duca Mexikaner - die Wortverständlichkeit tendiert teilweise gegen Null.

      Sicher, originell ist die Übersetzung durchaus. Z. B., wenn Sparafucile ungerührt feststsellt, dass er den Duca "kalt machen " werde - aber das streift dann schon die ungewollte Heiterkeit.

      Fairy hat recht: es ist doch schon bezeichnend, dass eine deutsche Übersetzung als Text mitgeliefert werden muss, damit die Verständlichkeit überhaupt gewährleistet ist, da kann man auch gleich im Original singen lassen.

      Es wirkt natürlich auch ein ganz klein wenig als Gag, wenn ausgerechnet an der "Komischen Oper" eine der berühmtesten Liedzeilen der Opernliteratur im Original gesungen wird...

      Die Inszenierung verdient, dass sie diskutiert wird, sie ist kühn, vielleicht nicht ganz rund, aber sehenswert ganz bestimmt. Gut zwei Stunden bestes Operntheater.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • RE: Verdi: Rigoletto - Komische Oper Berlin, 20.09.2009

      Alviano schrieb:

      Nachsatz: vielleich wurde am Sonntag das erste Mal in der Geschichte der „Komischen Oper“ tatsächlich im Original gesungen: die Reprisen von „La donna è mobile" erklangen in italienisch!
      Don Giovannis` Canzonetta "Deh, vieni alla finestra" in der Inszenierung von Konwitschny wird in italienischer Sprache gesungen. Und ich meine, im Figaro gab es auch eine Arie, die auf italienisch gesungen wurde; kann mich aber leider nicht mehr genau erinnern welche. Evtl. war es der Auftritt Cherubinos.
    • Ingrid schrieb:


      Es würde allerdings auch in den Übersetzungsthread prima passen.

      Liebe Ingrid,

      ist ja schön zu erfahren, daß einen das Gedächtnis manchmal nicht im Stich läßt ;+) .

      Alles weitere wird wohl nun auch in den Übersetzungsthread passen, zumindest solange, bis sonst keiner den Berliner "Rigoletto" besucht hat.

      Ich verstehe das Problem der Übersetzungen - ob nun einzelne Arien im Original bleiben oder nicht - und besonders die damit verbundene Kritik an der KOB nicht. M.W. gab es das früher (wie ist denn das heute?) ausschl. auch am Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Der Hamburger "Titus" wurde italienisch gesungen, die gesprochenen Texte waren in deutscher Übersetzung. Die ENO und ihren `flying dutchman` habe ich auch noch nicht genossen, die Übertitelung von Opern in der Landessprache ist an manchen Häusern Usus, andere machen das eben nur bei fremdsprachigen Opern. Bei der KOB ist die Untertitelung evtl. ein Sonderfall: die Übersetzung wird meistens für eine Neuinszenierung angefertigt, es wird nicht auf eine bestehende Übersetzung zurückgegriffen. Die Unter-/Übertitelung kann nur einen Ausschnitt des Textes wiedergeben, d. h. es findet eine Zerstückelung statt. Glücklich bin ich mit der Entscheidung nicht, war aber selber noch nicht da seit die neue Anlage installiert ist.

      Eine Textverständlichkeit hängt auch immer sehr stark von der Akustik eines Hauses und der Lautstärke eines Orchesters ab. Aber das ist ja eine Binsenweisheit...
    • ='S.Kirch',index.php?page=Thread&postID=28050#post28050]
      Bei der KOB ist die Untertitelung evtl. ein Sonderfall: die Übersetzung wird meistens für eine Neuinszenierung angefertigt, es wird nicht auf eine bestehende Übersetzung zurückgegriffen. Die Unter-/Übertitelung kann nur einen Ausschnitt des Textes wiedergeben, d. h. es findet eine Zerstückelung statt. Glücklich bin ich mit der Entscheidung nicht, war aber selber noch nicht da seit die neue Anlage installiert ist.

      Eine Textverständlichkeit hängt auch immer sehr stark von der Akustik eines Hauses und der Lautstärke eines Orchesters ab. Aber das ist ja eine Binsenweisheit...


      Liebe Sophia,

      interessant könnte diese neue Anlage für ausländische Gäste sein, die evtl. inzwischen noch stärker durch schlagzeilenträchtige Inszenierungen angelockt werden und so vielleicht doch etwas mehr vom Inhalt mit bekommen. Ich persönlich kann mir allerdings nicht gut vorstellen, dass man noch viel vom Bühnengeschehen erlebt, was ja meist recht originell ist und sehr bewegungsaktiv, wenn man angestrengt auf das Display des Vordersitzes starrt. Ich würde meins dann wohl ausschalten, denn ich gehe ja hauptsächlich in die KOB, weil ich da, zumindest in früheren Zeiten, eben nicht von irgend welchen Textfetzen abgelenkt wurde, sondern mit allen Sinnen bei der Sache war (beim Figaro sogar mit dem Geruchssinn :yes: ) und verstand, was ich sah. Hoffen wir mal, dass die Technik da nicht doch auf die Dauer einen starken Qualitätsverlust bringt , denn die Gründe dafür klangen plausibel.

      Herzliche Grüße
      Ingrid
    • Ingrid schrieb:

      Ich persönlich kann mir allerdings nicht gut vorstellen, dass man noch viel vom Bühnengeschehen erlebt, was ja meist recht originell ist und sehr bewegungsaktiv, wenn man angestrengt auf das Display des Vordersitzes starrt.


      Liebe Ingrid,

      Ich habe ein solches System an der Met erlebt und muss sagen, dass es das viel angemehmer ist, als die Übertitel. Ich konnte viel einfacher zwischen Bühne und Display hin- und herschalten. Allerdings - ich gebe es zu - war bei der Inszenierung auch nicht soviel auf der Bühne los, wie bei einer typischen Berliner Inszenierung :D

      Das System hat aber noch ein paar Vorteile: Man kann zwischen verschiedenen Sprachen wählen (sehr Touristen-freundlich), oder es sogar ganz ausschalten. Und solche Kontrast-Probleme wie an der Münchner Oper sollten damit auch nicht vorkommen (das neue system in München funktioniert aber deutlich besser).

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Ich stehe der grundsätzlichen Frage, ob man überhaupt "Übertiteln" soll, etwas ambivalent gegenüber, ich selbst mag es eigentlich nicht so, erkenne aber an, dass es eine Hilfestellung für manchen Opernbesucher, für manche Opernbesucherin sein kann, den Text "mitgeliefert" zu bekommen. Und natürlich ist es reizvoll, wenn die Übertitelung in die Handlung mit einbezogen wird, also nicht nur der Text, sondern auch Kommentierungen auf den Übertiteln zu lesen sind oder - wie bei der Essener "Turandot" - die Sprache der Übertitelung wechselt - es gibt gegen Ende eine deutsch gesprochene Einlage, die Übertitelung übersetzt brav ins italienische.

      Die Anlage, die nun an der "Komischen Oper" zum Einsatz kommt, ist sicherlich topmodern. Der kleine Bildschirm im Vordersitz nimmt überhaupt keinen Platz weg, die Bildqualität ist gut, das Licht kaum störend (man beachte das "kaum"), es gibt als Auswahl deutsch und englisch und: man ihn abstellen, was doch in meiner Umgebung recht viele Leute gemacht haben. Im dunklen Zuschauerraum irritiert es manchmal, wenn der Seitenwechsel erfolgt, da ist der Blick dann durch das Licht der Übersetzungsanlage abgelenkt.

      Vielleicht muss man sich da auch dran gewöhnen, mal abwarten, wie die Erfahrung dann am Ende der Spielzeit aussieht, wenn ich diese Anlage öfter in Aktion erlebt habe.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • ='mela', Allerdings - ich gebe es zu - war bei der Inszenierung auch nicht soviel auf der Bühne los, wie bei einer typischen Berliner Inszenierung :D

      Viele Grüße,

      Melanie


      Liebe Melanie,

      wenn ich es mir so recht überlege, ist es bei manchen "typischen" :?: Berliner Inszenierungen nicht einmal schlecht, ganz besonders interessiert den Text zu verfolgen, denn der ist immer gut, anstatt verschämt die Augen schließen zu müssen oder die Brille ab zu nehmen 8+) :hide:

      Lieber Alviano,

      erscheint eigentlich der originale Bühnentext oder doch nur eine Zusammenfassung? Und hast Du zufällig schon in Erfahrung bringen können, ob diese Anlage bereits für alle Produktionen angeboten wird oder nur für die Neuinszenierungen? In München gab es doch immer große Probleme mit der Übertitelung bei heller Bühne. Die neue Anlage funktionierte aber dann erst einmal nur für die NI. Man sah es immer gleich daran, wenn am Rand ein strahlend grüner Punkt erschien und das war erst einmal nicht so häufig. Bin mal gespannt, wie sich das alles so entwickelt.

      Herzliche Grüße
      Ingrid
    • Liebe Ingrid,

      nein, nein, es wird schon der gesungene Text komplett im Wortlaut zugespielt. Da dass ganze für die "Komische Oper" ein absolutes Novum ist (Übertitelung gab es da bisher überhaupt keine), weiss ich natürlich nicht, ob das jetzt bereits für alle Aufführungen so vorgesehen ist, das Programmheft erwähnt nur, wie man die Anlage bedienen kann. Wenn ich das richtig verstehe, kann man nur direkt vor der Vorstellung überhaupt eine Entscheidung treffen, ob man die Texte mitlesen möchte, Zwischendrin einsteigen geht anscheinend nicht. Wie gesagt - am Ende der Spielzeit sind wir sicher klüger, ob sich dieses Konzept bewährt hat.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Das muss ja eine Wahnsinnsarbeit gewesen sein. Meine Hochachtung :juhu: :juhu:

      Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, das Opernhaus hätte sich nicht so verändert, aber das ist wahrscheinlich altmodisch gedacht. Stört diese neue Bestuhlung eigentlich das Gesamtbild oder passt es doch wieder gut in dieses wunderschöne Haus? Die Umbauaktion davor war auf jeden Fall ein voller Erfolg, also sollte ich doch nicht so pessimistisch denken.

      Liebe Grüße nach Berlin
      Ingrid
    • Liebe Ingrid,

      das Gesamtbild des Zuschauerraumes wird durch diese Monitore überhaupt nicht beeinträchtig, das ist sehr gut gemacht. Das ist eigentlich nur ein schwarzer Streifen (die Teile sind völlig flach), der ausgeschaltet absolut nicht stört.

      Wo ich eine kleine Kritik anbringen würde, weil es da am wenigstens organisch wirkt: die Mitlesemonitore für die erste Reihe sind an der Orchestergrabenbegrenzung angebracht. Da der Untergrund hell ist, fallen da diese Monitore doch stärker auf, als an den roten Sitzen des Opernhauses.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • In Wien haben wir dieses System - im Vordersitz integrierter Monitor - schon etliche Jahre und hat sich sehr bewährt. Ich finde es wesentlich besser als eine Übertitelungsanlage über der Bühne, wie z.B. in Zürich, weil ich dieses Schriftband immer sehr störend empfinde. Selbst wenn man nicht hinschaut, irritiert es einen doch. So aber kann jeder entscheiden, ob er mitlesen will oder nicht. Die englische Variante ist gerade an der WSO mit den vielen ausländischen Gästen, die oft nur sehr rudimentäre Kenntnisse vom Werk haben, sehr wichtig und wird auch gerne angenommen.
      Im Theater an der Wien befindet sich die Übertitelungsanlage rechts und links von der Bühne. Der Vorteil ist klar - man wird nicht abgelenkt, wenn man auf die Bühne schaut - der Nachteil: Sie ist nicht von allen Plätzen zu sehen (In den zweiten Logenreihen z.B. wird sie vom neckischen Plüschvorhang über der ersten Reihe verdeckt!)
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Unser dritter Besuch der KOB während unseres Berlin-Trips zum Jahresende: „Rigoletto“ in der Inszenierung von Barry Kosky. Eine furiose Aufführung: Finster, brutal, grotesk, irritierend, ein Albtraum. Das Leben – ein zynisches Spiel, das in blutigem Ernst endet. Das ganze Theater der „scary clowns“ ist ausgesprochen choreographisch gedacht und passt gut zum eher trockenen und transparenten Tonfall aus dem Orchestergraben. Wie überhaupt das Montagehafte der Inszenierung der Musik von Verdi alles andere als fremd ist. Freilich ein Abend, der es dem Zuschauer nicht einfach macht. So wie es unter den Kritiken in der Presse auch durchaus negative Stimmen gab, so war auch im Publikum an mehr als einer Stelle Unruhe zu spüren. Spätestens die tanzenden und Becken schlagenden Horror-Clowns waren dem ein oder anderen zu viel des Guten.

      Ausgezeichnet (wie meist an der KOB) der Chor. Die Solisten durchwachsen, wo aber vor allem die Gilda der Julia Novikova zu gefallen wusste. In der von uns besuchten Vorstellung sang Christopher Robertson den Rigoletto – darstellerisch und stimmlich mit sehr eingeschränktem Ausdrucksrepertoire. Zum Herzog von Hector Sandoval hat schon Alviano alles gesagt, was zu sagen ist.

      Eine Aufführung auf jeden Fall, die ich (wenn ich Berliner wäre) mit Sicherheit ein zweites Mal ansehen würde.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)