Weinberg, Mieczysław (1919-1996) - Ein Komponistenportrait

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Symphonie Nr. 13

      So inzwischen ist sie da, die Erstaufnahme der 13. Symphonie, und sie enttäuscht nicht, im Gegenteil. Ein ganz starkes Werk ist das m.E. Gewidmet dem Andenken an die Mutter, die in einem deutschen Arbeitslager in Polen ums Leben kam, ist diese einsätzige, rein orchestrale Partitur die erste, in der sich klar der Spätstil des Komponisten herauskristallisiert. Der Satz ist bogenförmig, beginnt und endet mit einsamen Streichkantilenen und steigert sich im Mittelteil zu bohrender Intensität mit orchestralem Großaufgebot incl. Schlagzeug. Die Tonsprache ist ganz Weinberg, ziemlich spröde und am äußersten Rande der Tonalität entlang tastend. Die Umsetzung durch das inzwischen Weinberg-erfahrene Orchester unter Vladimir Lande ist tadellos.

    • Wieland schrieb:

      So inzwischen ist sie da, die Erstaufnahme der 13. Symphonie, und sie enttäuscht nicht, im Gegenteil. Ein ganz starkes Werk ist das m.E. Gewidmet dem Andenken an die Mutter, die in einem deutschen Arbeitslager in Polen ums Leben kam, ist diese einsätzige, rein orchestrale Partitur die erste, in der sich klar der Spätstil des Komponisten herauskristallisiert. Der Satz ist bogenförmig, beginnt und endet mit einsamen Streichkantilenen und steigert sich im Mittelteil zu bohrender Intensität mit orchestralem Großaufgebot incl. Schlagzeug. Die Tonsprache ist ganz Weinberg, ziemlich spröde und am äußersten Rande der Tonalität entlang tastend. Die Umsetzung durch das inzwischen Weinberg-erfahrene Orchester unter Vladimir Lande ist tadellos.


      Ich habe sie mir vor ein paar Tagen ebenfalls angehört und stimme dir zu. Ich war mir im Vorhinein nicht ganz sicher, in welche Richtung diese Sinfonie gehen würde, denn Weinberg hat ja in den Jahren um 1970 mit verschiedenen Tendenzen ein wenig "experimentiert" (Sinfonie Nr. 10, Streichquartett Nr. 12). Aber es stimmt, die Sinfonie Nr. 13 ist anscheinend als erste "späte" Weinberg-Sinfonie zu betrachten, da hier wesentliche Züge seines reifen Stils erstmals in einer Sinfonie klar vorhanden sind.

      Da wäre allein schon die unbegleitete Streicherlinie, mit der die Sinfonie beginnt (ganz ähnlich wie die Vierzehnte übrigens, die ja auch nur ein Jahr später folgte) und von der aus sich die Musik dann langsam entfaltet und an Intensität gewinnt. Das Beiheft spricht in diesem Zusammenhang von Bezügen zu seiner Kammermusik, in der Weinberg ebenfalls kurze Motive und Themenfragmente einer allmählichen Entwicklung unterzieht, sie unterschiedlich beleuchtet. Das hat etwas Monologisierendes, und es ist in diesem Zusammenhang natürlich kein Zufall, dass sich Weinbergs umfangreiches Sonatenschaffen fast exakt in zwei Teile gliedert: nämlich diejenigen mit Klavierbegleitung, die fast allesamt aus früheren Jahren (d.h. bis etwa 1960) stammen, und die Solosonaten aus späteren Jahren (beginnend mit der ersten Solosonate für Cello eben aus dem Jahre 1960).

      Sehr prägnant im Mittelteil der Sinfonie Nr. 13 natürlich die Glissando-Rufe, die die Musik immer wieder durchfahren, eindrucksvoll auch das in höchste Lagen aufsteigende Ende (mit Harfen-Tremoli), wenn die Musik scheinbar in die Unhörbarkeit übergeht.

      Kein einfaches Werk, aber sehr interessant. Werde ich mir in nächster Zeit sicher häufiger anhören.
    • Die gerade erschienene Doppel-CD mit den Symphonien 2 und 21 von Weinberg ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert.

      Zum einen markiert sie den Beginn der Zusammenarbeit der DGG mit der litauischen Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla. Zum anderen ist das m.W. die erste Aufnahme von Weinberg Symphonien durch eines der Major Label. Mir der Wahl der 21. Symphonie, der letzten vollendeten, hat man dazu eines der gewichtigsten Werke des Komponisten gewählt, das den Opfern des Holocaust - zu denen die gesammte Familie des Komponisten zählt - gewidmet ist. Es existiert zwar schon seit einigen Jahren eine gute Einspielung durch ein sibirisches Orchester auf dem Toccata-Label, aber ich vermute, die Verbreitung dieser CD ist eher limitiert.

      Nun also das durch die Kremerata Baltica verstärkte City of Birmingham SO mit Gidon Kremer als "1. Konzertmeister", der die zahlreichen Violinsolos gestalten darf. Schon ein ziemlicher Luxus. Interessant darüber hinaus, das die Vokalisen im letzten Satz von der Dirigentin selbst gesungen werden, die offenkundig über eine ausgebildete Sopranstimme verfügt. Ob sie diesen Coup auch live bringt, entzieht sich meiner Kenntnis. Insgesamt jedenfalls ein eindrucksvolles Plädoyer für den späten Weinberg.

      Die Aufnahme der 2. Symphonie von 1946 ist ebenso willkommen, da es hier nur eine seit Jahren vergriffene Aufnahme gab. Das Werk ähnelt den anderen vier Kammersinfonien und wird von der Kremerata unter MGT dargeboten. Das Werk ist bei weitem nicht so düster und tragisch wie die 21., vermutlich überwog zu dem Zeitpunkt bei Weinberg die Freude über die Niederlage von Nazi-Deutschland. In den Kriegsjahren und kurz danach herrschte wohl unter den Sowjet-Künstlern trotz aller Not auch eine gewisse Freiheit, die aber 2 Jahre später wieder brutal zertreten wurde. Wohl wusste der Komponist zu diesem Zeitpunkt auch noch nichts Endgültiges über das Schicksal seiner Familie.




      Wer sich mit Weinberg und seinem Leben und Werk näher befassen möchte, dem sei nachfolgendes Büchlein empfohlen. Es ist wohl als Vorstudie zu einem wesentlich umfangreicheren Werk über den Komponisten gedacht.

    • Wieland schrieb:

      Gewidmet dem Andenken an die Mutter, die in einem deutschen Arbeitslager in Polen ums Leben kam, ist diese einsätzige, rein orchestrale Partitur die erste, in der sich klar der Spätstil des Komponisten herauskristallisiert. Der Satz ist bogenförmig, beginnt und endet mit einsamen Streichkantilenen und steigert sich im Mittelteil zu bohrender Intensität mit orchestralem Großaufgebot incl. Schlagzeug. Die Tonsprache ist ganz Weinberg, ziemlich spröde und am äußersten Rande der Tonalität entlang tastend.
      Ohne Weinbergs 13. Sinfonie gehört zu haben: formal klingt das wie ein Analogon zum 13. Streichquartett von Schostakowitsch. Ist das so?

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga


    • Ich habe mir diese CD vor ein paar Tagen besorgt und finde sie großartig. Die 10. Sinfonie ist toll, weil sie sehr lebendig ist, auch ein Quantum Drama hat und was ich ja wirklich toll finde, die leisen Stellen bewegen sich gerne am Rand der Tonalität, das macht sie für mich sehr gut hörbar und auch sehr interessant. Tatsächlich gefällt sie mir besser als die hochgelobte 21. Sinfonie. Ich verstehe aber natürlich schon, dass die 21. durch die Widmung und alles drumherum ein deutlich wichtigeres Werk ist. Trotzalledem ist mir die 10. Sinfonie musikalisch näher.

      Ach und auch die anderen Stücke auf der Doppel-CD haben mir bisher gut gefallen. Besonders das Concertino :)
      Viele Grüße, Michael
    • Vielen Dank lieber Friese für den Hinweis auf diese CD!

      Ich möchte nach und nach - "verfallen für diese Musik" durch das Durchhören aller Streichquartette und mit der DGG 2/21 Offenbarung - alle Weinberg Symphonien (so verfügbar) auf CDs sammeln, und da gefällt mir die Aussicht auf eine "Zehnte mit Kremer" sehr gut.

      Kürzlich erworben habe ich die Symphonien 13 (Dank auch an Wieland fürs "Anheizen" weiter oben) und 17 in den Naxos Ausgaben,

      ,

      Habe jetzt aber gesehen die 17. etwa gibt es auch aus Wien, da lockt dann also wieder mal der Vergleich.

      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Vladimir Lande

      Das NAXOS-Projekt Weinberg mit Vladimir Lande schreitet voran.
      Irgendwann wird NAXOS dann eine GA der Weinberg-Sinfonien herausgeben ... ;) bis dahin warte ich ab und kaufe dann die GA .

      :tee1: Bis dahin werde ich mit meinen bei YT heruntergeladenen Aufnahmen aller Weinberg-Sinfonien zufrieden sein ... zumeist in den Aufnahmen mit Fedossejew, Chmura und Kondraschin, die wohl nach ersten Vergleichen sogar mehr Biss haben, als mit Lande.


      Auf CD habe ich (aus Preisgründen) nur die Sinfonien Nr. 6, 12, 17, 19 mit Lande (NAXOS).
      :| Das sinfonische Werk von Weinberg ist sehr kontrastreich und lange nicht immer auf gleich hohem Niveau. Mit der Zugänglichkeit einzelner Sinfonien geht es genau so, sodass mir der Drang fehlt dafür wirklich aussergewöhnlich hoch zu investieren.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • teleton schrieb:

      Irgendwann wird NAXOS dann eine GA der Weinberg-Sinfonien herausgeben
      Dass das in absehbarer Zukunft geschehen wird, glaube ich eher nicht. Mir scheint eher, dass sich Chandos und Naxos da die "Aufgabe" etwas aufgeteilt haben. Aber klar, Du kannst natürlich noch 20 Jahre warten... ;)

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Ich vermute auch das wird noch eine ganze Weile dauern, bis irgendein Label da eine Gesamtausgabe heraus bringt. Sind ja auch ganz schön viele Sinfonien. Deshalb mache ich es im Moment so, dass ich in das was es schon gibt, hinein höre und mir das heraus picke, was mir gefällt. So eine GA-Box mit 10 - 15 CDs wäre mir aber auch zu viel. Das vermeide ich, wie der Teufel das Weihwasser. ;)

      Die beiden Aufnahmen mit Gidon Kremer gefallen mir übrigens besser als die Aufnahme der 20. Sinfonie mit Svedlund unter Naxos. Ich vermute aber, dass liegt einfach an der Sinfonie selbst und nicht an den Aufführenden.
      Viele Grüße, Michael
    • Danke für den Link. Weinbergs Cellokonzert ist wirklich wunderbar, ein echtes Juwel meiner Meinung nach!
      Aber es gibt ein fast noch schöneres Werk, nämlich die Fantasie für Cello und Orchester, Op. 52:

      Aus dem Album

      Shostakovich, Weinberg & Kobekin
      Anastasia Kobekina, Cello
      Berner Symphonieorchester, Kevin John Edusei

      Bislang nur digital im Streaming oder als Musikdownload hier verfügbar. Wundervolles Stück :) .

      EDIT:
      Vom Label offiziell auch auf Youtube hochgeladen: youtube.com/watch?v=DYdmEI_YTec
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Die Aufnahme mit der Fantasie für Violoncello und Orchester op. 52 gibt es auch auf CD:

      (AD: 24. - 27. September 2018, Diaconis-Kirche, Bern)
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Tichy1988 schrieb:

      Danke für den Link. Weinbergs Cellokonzert ist wirklich wunderbar, ein echtes Juwel meiner Meinung nach!
      Aber es gibt ein fast noch schöneres Werk, nämlich die Fantasie für Cello und Orchester, Op. 52:
      Gibt von beiden Werken auch sehr schöne Einspielungen bei Chandos, siehe Beiträge #57 und #60.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Wieland schrieb:

      Eine weitere CD bei DGG mit Weinberg und Gidon Kremer. Das Trio kannte ich noch gar nicht, tolles Stück.
      Ich hatte die CD am Wochenende bei Dussmann in der Friedrichstraße gesehen und gleich gekauft. Konnte sie bisher nicht hören, bin sehr gespannt.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • BBC Proms 2019

      Mirga Grazinyté-Tyla
      City of Birmingham Symphony Orchestra

      Mieczysław Weinberg
      Sinfonie Nr. 3 h-Moll op. 45

      3sat.de/kultur/musik/bbc-proms-100.html

      Oder mit MediathekView...

      Aufzeichnung des Konzertes im August 2019, Royal Albert Hall London.

      (Außerdem: Edward Elgar: Cellokonzert (mit Sheku Kanneh-Mason), Dorothy Howell: "Lamia".)

      maticus

      P.S. Ein schönes Werk, um seinen neuen Verstärker einzuweihen. :rolleyes:
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga